Albstadt-Lautlingen - Viel Mühe hatten sich die Mitglieder der Bürgerinitiative "Für Lautlingen – gemeinsam für die beste Lösung" (BI) gemacht mit ihrer visuellen Präsentation rund um die beiden Trassenvarianten für die Ortsumfahrung – und wurden mit einer voll besetzten Festhalle belohnt.

Als ob sie über die Ortsumfahrung Lautlingen – und zwar in zwei Varianten – fahren würden, fühlten sich rund 300 Besucher der Festhalle: Die BI hatte hohen Aufwand betrieben und Filme herstellen lassen, die Besuchern einen Eindruck davon geben sollten, wie die Folgen des Baus einer Ortsumfahrung in offener Variante und mit Tunnel durch den Bühl aussehen würden.

Eines stellte Günther Kirschbaum von der BI gleich zu Beginn fest: "Der Verkehr muss raus aus dem Ort." Beim Filmen an der Kurve beim früheren Gasthaus Lamm, die seit 1950 nicht umgebaut worden sei, hätte er um ein Haar eine Ladung Glasscheiben, die von einem Transporter gekippt waren, abbekommen. Sein Film selbst vermittelte das Bild einer Autobahn: Stoßstange an Stoßstange quält sich der zunehmende Verkehr durch den Ort. Wer von oder zur Bundesstraße 463 abbiegen will, muss oft lange warten. Abgase und Lärm zerstören jede Lebensqualität der Anwohner – das ist auch der BI klar. "Es ist Gefahr im Verzug – und alle schauen zu", so Kirschbaum.

Für den nächsten Film hatte die BI eine Drohne über die Südtrasse fliegen lassen, wie sie derzeit vorgesehen ist. Den Begriff "Monstertrasse", den deren Anwohner Eugen Stumpp geprägt hatte, wolle man künftig nicht mehr verwenden, betonte Kirschbaum. Er sei aber geeignet gewesen, zu mobilisieren – und das sei das Ziel der BI.

So sprach Kirschbaum fortan von der "Amtstrasse" oder der "Antragstrasse" und ging auf die zehn Bauwerke ein, die dort vorgesehen seien, darunter eine 80 Meter hohe Brücke, die einen tiefen Einschnitt ins Gelände erfordere und von der die davon betroffene Bahn noch gar nichts wisse, eine sogenannte "Holländische Rampe" zur Anbindung des geplanten Gewerbegebiets "Hirnau" unweit des "badkap" und ein 32 Meter hohes Viadukt auf Säulen, das zu passieren bei Blitzeis gefährlich sei: Nicht jeder Lastwagenfahrer sei stets hochaufmerksam. Gefahren bei Glatteis entstünden auch an der Ampel der "Amtstrasse" oberhalb des Gartenmarktes.

Kritik übte Kirschbaum zudem an den Plänen für die Einmündung der Straßen Richtung Meßstetten und Richtung Ortsmitte mit Anbindung Richtung Margrethausen. Die am Knotenpunkt geplanten Ampeln verursachten Staus, prognostizierte er. "Niemand kann mir weismachen, dass dadurch der Verkehrsfluss besser wird."

"Wir fahren durch eine geniale Landschaft und sehen nichts davon"

Ein großes Problem sieht die BI auch durch darin, dass die weitere Infrastruktur – Feld- und Wirtschaftswege, Wanderwege sowie der Zugange zum Skilift – zerschnitten werde.

Kirschbaums nächstes Thema waren die Einschnitte in die Landschaft, die durch Seitenwände stabilisiert werden müssten. Von Ulrich Kunze, dem Leiter des Referats Straßenplanung beim Regierungspräsidium Tübingen (RP), habe er kurz vor dessen Ruhestand erfahren, dass zudem Säulen nötig seien wie beim Laufener Tunnel. "Wir fahren durch eine geniale Landschaft, die wir leider nicht sehen", sagte Kirschbaum und hielt seinen Vorschlag – eine Idee aus Traunstein – dagegen, die zudem geeignet sei, Straßenlärm und Abgase von den Anwohnern der Ortsumfahrung abzuhalten: eine Art Einhausung für das Bruckbacktal, nach einer Seite zur Entlüftung offen. 300 bis 400 Meter lang müsste diese "Galerie" von der Bahnlinie bis zum Eingang des von der BI geplanten Tunnels durch den Bühl sein. Ihre Kosten schätzten die Traunsteiner auf drei Millionen Euro – Geld, das laut Kirschbaum sinnvoll angelegt sei, um die Anwohner zu schonen: "Das Problem darf nicht verlagert werden."

Für die Einmündung der Straßen zum Ort und Richtung Meßstetten habe Alfred Müller – der Ingenieur, der die BI-Trasse geplant hat – einen "genialen" Einfall gehabt, sagte Kirschbaum und zeigte den Plan einer kreuzungsfreien Anbindung mit Einfahrtsschleifen. Außerdem zählte Kirschbaum die Vorteile der BI-Trasse (siehe Info) auf.

Die BI kritisiert, dass das RP ihre Kostenberechnung von 70 Millionen Euro für die "Amtstrasse" nicht öffentlich widerlege, obwohl Regierungspräsident Klaus Tappeser selbst von 50 bis 60 Millionen Euro an Kosten spreche. Zudem stünden genug Mittel zur Verfügung, würden in Baden-Württemberg mangels Planungspersonal aber nicht verbaut. Ideen von Bürgern würden nicht mit einbezogen.

Baubürgermeister Udo Hollauer appellierte an die BI, deren Trassenvorschlag ja nach harten Kriterien geprüft werde, die Zeit bis zum Bau nicht durch Klagen zu verzögern. Schließlich sei es ein Unterschied, ob man zwei oder eben 50 Meter von der Straße entfernt wohne – im letzteren Fall mit Lärmschutz. Ein Bürger hielt dagegen, dass keiner weitere zehn bis 20 Jahre warten wolle – aber es wolle auch keiner eine Trasse, die "eine Katastrophe für Lautlingen" wäre.

Die von der BI gezeigten Betonmauern längs der Straße sind laut Hollauer nicht in dieser Wucht zu erwarten. Viele Böschungen würden begrünt. Außerdem habe das RP erkannt, dass die Ampelanlage so nicht gebaut werden könne. In den Ausführungsplänen werde hier nachgebessert.

Nach der lebhaften Diskussion (siehe unten) erhielten alle Besucher je ein Informationsheft mit Postkarte zum Abstimmen über ihre Lieblingsvariante – gleichzeitigen Baubeginn vorausgesetzt. Die Postkarten sollen unter notarieller Aufsicht ausgezählt werden. Eine Abgabefrist wurde nicht gesetzt.

Knackpunkt Zeitfaktor

BI drückt aufs Tempo

Albstadt-Lautlingen - Für die BI ist es ein "Totschlagargument": Würde ihre Variante anstatt der bisherigen realisiert, ginge das gesamte Planungs- und Genehmigungsprozedere wieder von vorne los und die Lautlinger müssten mindestens weitere 20 Jahre auf die Ortsumfahrung warten. So heißt es aus dem RP und dem Bundesverkehrsministerium.

Laut Günther Kirschbaum ließe sich die BI-Trasse im selben Zeitraum verwirklichen, wenn folgende Faktoren berücksichtigt werden: Die Aktualisierung der Pläne für die "Amtstrasse" und der Stellungsnahmen der Träger öffentlicher Belange fresse ebenso Zeit wie Erörterungen, Einwendungen und Klagen. Somit sei vor 2024 nicht mit Planfestellung zu rechnen, mit den Ausführungsplänen erst 2026 bis 2028.

Für ihre Variante setzt die BI auf Einigkeit aller Beteiligten, die ein schnelleres Vorgehen ermögliche, wenn alle Behörden dem Projekt Priorität einräumten. Auch gegen die BI-Trasse seien Klagen zu erwarten, räumte Kirschbaum ein. Dennoch halte die BI eine Planfeststellung 2024 und Ausführungspläne 2026 bis 2028 für möglich, was Straßenplaner Alfred Müller, Mitglied der BI, unterstrich.

Baubürgermeister Udo Hollauer bezweifelte diese Kalkulation: Nur in einem Fall, an der A 81 bei Sindelfingen, sei 2005 das Planfeststellungsverfahren abgebrochen und 2016 wieder eingestiegen worden: "Aber das war eine Autobahn mit viel höherer Priorität." Dass die oft jahrzehntelangen Prozesse verbesserungswürdig seien, sagt auch Hollauer, bezweifelte aber, dass es ausgerechnet im Fall Lautlingen gelinge, und wies darauf hin, dass die BI durch den Verzicht auf Klagen das Verfahren zum Bau der "Amtstrasse" beschleunigen könne. Laut Straßenbaukonferenz im März 2017 – Inhalte seien auf der Internetseite des Bundesverkehrsministeriums zu finden – könne man die Fortschritte der Planung mit einer anderen Trasse nicht einholen. Darauf Kirschbaum: "In der Sache ist das sicher richtig. Wir sagen aber: Warum kam man das, wenn man will, mit den Daten von Fachleuten" – gemeint war Alfred Müller – "nicht früher machen?"

Müller erwartet von Hollauer, Druck zu machen – was dieser nach eigener Aussage seit Jahren tut. "Wir sind ständig drangeblieben."

Die Tunnelfrage bewegt

"Keine Beruhigung"

Albstadt-Lautlingen - Die Sperrung des Tunnels für Wartungs- und Reinigungsarbeiten sieht der frühere Ortsvorsteher Josef Peter Koller als wichtiges Argument gegen die BI-Trasse: "Dann muss der Verkehr wieder durch den Ort und wir kriegen keine Beruhigung." Günther Kirschbaum entgegnete, der Laufener Tunnel sei 2016 acht Mal gesperrt worden und noch nicht ein Unfall habe sich darin ereignet.

Durch Verwendung der Putzmaschine für beide Tunnel – in Lautlingen und Laufen – würden Anfahrtskosten gespart und Synergieeffekte geschaffen. Die Bleuchtung des kürzeren Laufener Tunnels koste 86 000 Euro im Jahr, wobei Ein- und Ausfahrt stärker beleuchtet seien. Die Kosten beim Lautlinger Tunnel seien also nicht entscheidend höher. Neueste Technik gewährleiste Sicherheit, und am Tunnel seien weniger Schäden zu erwarten als am Viadukt der "Amtstrasse", das in einer "nachgewiesenen Erosionszone" stehen werde.

Info

Was spricht aus Sicht der BI für die Alternativtrasse?

 Laut Bundesumweltgesetz Straßenbau und anderer Richtlinien sei der Landschaftsverbrauch stets so gering wie möglich zu halten.

 Der Verkehrsfluss sei höher und die Anbindungen besser.

 Die Baugrundrisiken seien geringer, zumal das Rutschgebiet "Reuten" nicht berührt würde. Das Gestein im "Bühl" sei nach Angaben eines Geologie-Professors in Freiburg für einen Tunnel geeignet. Das habe die Fachfirma Max Bögl bestätigt.

 Infrastruktur und die Anbindung von Wirtschaftswegen bleibe erhalten.

 Das im Flächennutzungsplan ausgewiesene Wohngebiet Rißlinger bleibe erhalten.

 Die Kosten lägen mit 90 Millionen Euro nur 20 Millionen Euro über jenen für die "Amtstrasse" – die BI bietet an, dem Regierungspräsidium ihre Kostenberechnung offenzulegen und sie verifizieren zu lassen.

 Der Nutzen-Kosten-Faktor liege bei 1:5, jener der Amtstrasse bei 1:9 – wegen des schlechteren Verkehrsflusses.

 Der Bund, so die BI, "würde Umplanung und Mehrkosten genehmigen und unterstützen", das sei am 12. April 2017 von den Mitarbeitern Dönges, Meinen und Rübl im Verkehrsministerium zugesagt worden.

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