Otto Oßwald wurde erschossen, weil er seiner Nachbarin helfen wollte. Foto: Archiv Foto: Schwarzwälder Bote

Kriegsende: Am 28. April 1945 wurde der 32 Jahre alte Lautlinger Otto Oßwald von Marokkanern getötet

Auch in Lautlingen waren am 24. April 1945 die Franzosen einmarschiert; in den folgenden Tagen kam es zu Plünderungen und Übergriffen. Am 28. April wurde der 32 Jahre alte Otto Oßwald von Marokkanern erschossen, als er versuchte, eine Nachbarin vor ihnen zu schützen.

Albstadt-Lautlingen. Die Einnahme des Dorfs war friedlich verlaufen, nicht zuletzt deshalb, weil die französischen Kriegsgefangenen ähnlich wie in anderen Orten die Regie übernommen hatten. Die Wehrmacht – konkret: einige in der Schule einquartierte Soldaten des 1. Landesschützenbataillons und eine aus Lazarettsoldaten bestehende Einsatzkompanie – hatte zwar noch Anstalten gemacht, das Eisenbahnviadukt in die Luft zu jagen, sich aber von den Lautlingern dazu überreden lassen, es bei der Sprengung der Bahnbrücke auf der Wasserscheide zu belassen. Als die Franzosen nahten, requirierten die deutschen Soldaten mehrere Wagen und verließen überstürzt das Dorf. Panzerabwehrlöcher, -gräben und -sperren, die der Volkssturm gegraben beziehungsweise gebaut hatte, wurden nicht mehr bemannt, der Einmarsch der französischen Truppen am 24. April erfolgte recht geräuschlos. Gegen 16 Uhr traf ein Kommandowagen ein und wurde von einem Kriegsgefangenen begrüßt, den die Lautlinger vorgeschickt hatten; kurz darauf vermeldete das "Ortsradio", an Masten befestigte Lautsprecher, dass die Übergabe des Orts vollzogen sei.

Der Krieg war damit vorbei, seine Schrecken noch nicht. In einem Kurzbericht, den Bürgermeister Daniel Oßwald zehn Jahre später verfasste, ist von Plünderungen und der Vergewaltigung von Frauen und Mädchen die Rede; Oßwald erwähnt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die marokkanischen Hilfstruppen der Franzosen. Während die Kriegsgefangenen sich friedlich und korrekt verhalten und sich sogar beim Ortskommandeur für die Lautlinger eingesetzt hätten, seien die Marokkaner immer wieder übergriffig geworden, hätten Vieh abgeschlachtet, Männer misshandelt und sich an den Frauen vergangen – das nach 20 Uhr ein Ausgehverbot herrschte, mag manches verhütet haben, aber vielen sind die "Lautlinger Schreckenstage" unvergessen geblieben. Am 28. April eilte Otto Oßwald nachts einer Nachbarin zu Hilfe, die von marokkanischen Soldaten bedrängt wurde; darauf schossen diese ihn auf offener Straße nieder. Dem 32-Jährigen Mann konnte nicht mehr geholfen werden, er starb an Ort und Stelle an seiner schweren Schussverletzung. Als die Lautlinger sich darauf beschwerten, soll ein französischer Offizier erwidert haben: "Was wollen Sie? Das ist unsere SS!"

Andere Frauen blieben wohl nur deshalb verschont, weil sie mit ihren Kindern Zuflucht im Lautlinger Schloss suchten und fanden – Gräfin Caroline von Stauffenberg und ihre Schwester, Gräfin Alexandrine von Üxküll, ließen am Hauptgebäude und am Schwesternhaus je eine Rot-Kreuz-Fahne aufziehen und erwirkten bei den Besatzern, dass das Schlossareal den Status eines Lazaretts erhielt und sogar bewaffnete Wachen an den Toren postiert wurden. An die 600 Personen sollen sich ins Schloss geflüchtet haben; ob die Zahl korrekt ist, muss dahingestellt bleiben. Leise Zweifel sind erlaubt; immerhin stand nicht unbegrenzt viel Platz zur Verfügung.

Am 1. Mai zogen die Besatzer der ersten Stunde in Richtung Meßstetten ab, sehr zur Erleichterung der Lautlinger. Die anschließende Besatzung durch französische Truppen, unter denen sich keine Maghrebiner mehr befanden, war entschieden erträglicher. Freilich wurden auch in Lautlingen Reparationsleistungen eingefordert, und jeder Bürger musste auf Anordnung von General Cailles Kleidungsstücke abliefern, darunter einen kompletten Satz Herrenbekleidung. Sämtliche Radiogeräte, Fotoapparate, Waffen und Ferngläser wurden requiriert; die Franzosen trieben aber auch Möbel, Geschirr, Vieh, Eier, Speck und Brennholz ein.

Auch in Lautlingen begann in den Monaten die Suche nach denjenigen, die sich in den Jahren der Naziherrschaft mit dem Regime gemein gemacht und sich etwas zuschulden kommen lassen hatten. Indes verzeichnen die Spruchkammerakten, die sich aus dieser Zeit erhalten haben, viele Freisprüche von Mitläufern – und die Protagonisten hatten sich beeilt, alles zu beseitigen, was an ihre Taten erinnern konnte. Da viele Archivunterlagen vernichtet wurden, ist es heute, hier wie andernorts, nicht einfach zu ermitteln, wer die Beteiligten waren. Das dem ehemaligen NSDAP-Kreisleiter Emil Kiener verliehene Ehrenbürgerrecht wurde am 24. Mai 1946 förmlich widerrufen – und bereits am 27. Dezember 1945 wurde die Leo-Schlageter-Straße, deren Name an einen "Märtyrer" aus den frühen Tagen des Nationalsozialismus erinnerte, in "Von-Stauffenberg-Straße" umbenannt.