Beim Ballettabend der Schule Armin Weiss 2014 war Tanja Probst Stargast. Foto: Lengerer Foto: Schwarzwälder-Bote

Ballerina Tanja Probst macht in Flensburg ihren Weg – und trainiert nach wie vor bei Armin Weiss in Ebingen

Von Martin Kistner

 

Albstadt. Für Tanja Probst, aus Albstadt stammende Ballerina am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg, ist im Juli eine besondere und sehr erfolgreiche Spielzeit zu Ende gegangen. Erstmals hat sie eine Hauptrolle getanzt: die "Giselle".

2011 war Tanja Probst ihrer Ballettdirektorin Katharina Torwesten aus dem oberfränkischen Coburg in den äußersten Norden der Republik gefolgt – als Schwangerschaftsvertretung mit der Perspektive der Festanstellung am Landestheater in Flensburg. Die Festanstellung kam 2012; seither hat Tanja Probst sich in etlichen Ensemblerollen, klassischen und modernen, bewährt – als Zuckerfee im "Nussknacker" und als eine der beiden bösen Schwestern in "Cinderella", aber auch als verängstigte Mutter in "M – eine Stadt sucht einen Mörder", eine Ballett-Adaption des Filmklassikers von Fritz Lang.

"Schöne Rollen", sagt Tanja Probst. Flensburg hat ihr, anders als das doch ziemlich kleine Haus in Coburg, wo die Tänzer ganz selbstverständlich in Musical-Produktionen eingesetzt wurden, die Möglichkeit eröffnet, sich weitgehend auf ihr eigentliches Metier, das Ballett, zu konzentrieren.

Sie war 21, als sie nach Coburg kam, und von der Mannheimer Akademie her genaue Instruktionen ihrer Lehrer gewohnt. Entsprechend kalt war das Wasser; Tanja Probst musste erst einmal lernen, mit der neuen Selbstständigkeit und den Orientierungsschwierigkeiten, die sie mit sich brachte, umzugehen. Es dauerte einige Zeit, bis der Nebel sich lichtete und sie ein Gefühl dafür entwickelt hatte, wo sie stand und wohin sie wollte. Diesen Weg hat sie in Flensburg weiter verfolgt und im Lauf der Zeit ein immer klareres Bild gewonnen, wer die Tänzerin Tanja Probst ist, was sie kann und welche noch unausgeloteten Möglichkeiten ihr offenstehen. "Die will ich mir erschließen – es geht darum, so gut zu sein, wie ich irgend kann."

Die "Giselle" war zwangsläufig ein Meilenstein für sie. Erstmals gesehen hat Tanja Probst den Klassiker vor vielen Jahren in Hannover und spontan zu ihrem Lieblingsballett erkoren; dass die Titelrolle ihre erste Hauptrolle werden würde, konnte sie damals nicht ahnen. Die war ein Quantensprung für sie – allein physisch sind die Anforderungen, mit dem, was sie bisher kannte, nicht vergleichbar. "Du bist anderthalb Stunden auf der Bühne, nicht nur zweieinhalb Minuten."

Vor allem aber ist die Verantwortung ungleich größer. "Du trägst die Vorstellung – die ist im Eimer, wenn du einen schlechten Tag hast; da können die anderen so gut sein, wie sie wollen." Mit ihren 28 Jahren ist Tanja Probst keine Novizin mehr, aber die Glieder tremolieren noch immer, wenn sie auf die Bühne muss. "Da zittert alles – erst wenn du ein Stück Tanz hinter dich gebracht hast, werden die Beine sicher."

Sechs Wochen lang die Beine hochlegen? Auf gar keinen Fall!

20 Vorstellungen hat Tanja Probst als Giselle bestritten – zwölf bis 16 sind die Regel. In der Spielpause macht sie auch Urlaub, aber sechs Wochen lang die Beine hochzulegen und am Strand zu regenerieren, das käme ihr nicht in den Sinn. "Ist mir viel zu riskant – ich bin keine Gummifrau, ich muss etwas tun, wenn ich nicht steif werden will." Heimaturlaub in Albstadt, das bedeutet für Tanja Probst immer auch Trainingseinheiten mit ihrem ersten Ballettlehrer, Entdecker, Freund und Mentor: mit Armin Weiss.

Kann er ihr denn noch etwas beibringen? Laienhafte Frage: Gerade das, was der Tänzer als erstes lernt, will immer wieder rekapituliert werden; versäumt man es, die "Basics" aufzufrischen, schleichen sich Nachlässigkeiten und unwillkürliche Bewegungsveränderungen ein, mit denen sich der Körper Entlastung zu verschaffen sucht. Die muss man erst mal wahrnehmen – und niemand kennt Tanja Probst, ihre Bewegungsabläufe und ihr Potenzial so lange und gut wie Armin Weiss. Er, der nicht nur Tänzer, sondern auch Freestyler ist, hat zudem Tipps in petto, auf die man in der Monokultur vielleicht nicht kommt. Krafttraining zu Beispiel – zu Tanja Probsts Ausgleichsprogramm zählt auch Gewichtheben. Und Trampolinspringen. "Es bringt etwas – immer, wenn ich aus dem Sommerurlaub nach Flensburg zurückkomme, fragen sie mich, was ich jetzt wieder ausgetestet habe."

In der nächsten Spielzeit kommt noch Stepptanz hinzu. "Das ist ganz anders – da hängt der Fuß; daran muss ich mich erst noch gewöhnen." Gesteppt wird im Musical "Crazy for You"; außerdem tanzt Tanja Probst eine noch zu vergebende Rolle in einer Adaption des französischen Romans "Gefährliche Liebschaften" und die böse Fee in "Carabosse". "Auf die freue ich mich besonders." Eine Hauptrolle? Fehlanzeige – aber die nächste kommt ganz bestimmt.