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Albstadt Das Geschenk

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Foto: Schwarzwälder Bote

"Scott und Huutsch" hieß der Film. Er war der Tiefpunkt der Karriere von Hollywood-Star Tom Hanks und ganz bestimmt habe ich die Hälfte davon verschlafen an jenem Abend im Kino im unterfränkischen Aschaffenburg. Es war der 9. November 1989, ein Donnerstag. Ich war 18 Jahre, einen Monat und 26 Tage alt, Mitglied im Leistungskurs Geschichte am Balthasar-Neumann-Gymnasium Marktheidenfeld, 130 Kilometer von der damaligen "Zonengrenze" weg und damit weit näher an den Ereignissen des Spätsommers 1989 als Albstadt. Für unseren Lehrer, den wir nur "Meister" nannten, werde ich mein Leben lang dankbar sein. Fünf Tage pro Woche durften wir seinen Unterricht genießen und fühlten uns als Elite unserer Generation. Nicht aus Überheblichkeit. Wir wussten das Privileg zu schätzen, jeden Vormittag zwei Stunden lang in der schönsten, spannendsten Zeit der deutschen Geschichte einem Mann lauschen zu dürfen, der den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung erlebt hatte – und uns besser als jeder andere vermitteln konnte, was gerade passiert. Live. In Echtzeit: Die vermutlich größte friedliche Revolution der Geschichte. Das unblutige Ende des Kalten Krieges, durchgesetzt von Menschen, die bis wenige Wochen zuvor weiter weg von uns waren als der Mond.

"Wir haben gelebt wie die Made im Speck. Jetzt müssen wir denen helfen." So hat der Schriftsteller Peter Roos mich zitiert in einem Artikel, den der "Spiegel" bestellt und dann doch nicht gedruckt hatte, weil die meisten meiner Mitschüler in der Kursstufe für die Wiedervereinigung waren. Wie sehen Schüler an der Grenze zum Erwachsenwerden die Deutsche Frage? Dass ich zu jenen gehörte, für die spätestens seit Hans-Dietrich Genschers Auftritt in der Prager Botschaft keine Alternative zur deutschen Wiedervereinigung mehr existierte, macht mich heute demütig. Ich hatte mich auf die Seite der Freiheit, der Menschenrechte, der Demokratie geschlagen. Das Beste: Der Meister hatte keinen Anteil daran – es kam aus mir selbst. Wir hatten gelebt wie die Made im Speck, hatten den Marshall-Plan, die Hilfe der Amerikaner beim Aufbau der Demokratie, politikwissenschaftlicher Institute, einer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Jetzt mussten wir denen helfen.

"Scott und Huutsch" gab nicht viel Gesprächsstoff her auf der 35 Kilometer langen Rückfahrt vom Kino. Worüber wir sprachen, mein Freund und ich: Ich weiß es nicht mehr. Was ich noch gut weiß: Gewundert haben wir uns, warum in AFN, dem Radiosender der amerikanischen Streitkräfte, von dem wir uns gute Musik erhofft hatten, Ronald Reagan eingespielt wurde: "Mr. Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!" Warum? Das ging in unserem Gespräch unter. Und so erreichte ich ahnungslos mein Elternhaus, wunderte mich über die spätabendliche Festbeleuchtung im Wohnzimmer und fand meine Mutter auf der Couch vor. Im Bademantel. Vor laufendem Fernseher. Ich betrat das Wohnzimmer, sagte erstaunt "Du bist noch wach?". Sie saß da mit dem Rücken zur Tür, drehte sich um, und Tränen liefen ihr wie Bäche über beide Wangen. "Die Mauer ist offen", sagte sie nur, während die Bilder eines Wunders über den Fernseher flimmerten. So gerne habe ich meine Mama noch nie weinen sehen.

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