Wahlsieger Klaus Konzelmann umarmt und küsst seine Frau Ute als das Ergebnis der Wahl zum Oberbürgermeister Albstadts bekanntgegeben wird. Der Stadtrat gewann den zweiten Wahlgang vor dem bisherigen Amtsinhaber Gneveckow. Foto: Latz

Seiteneinsteiger Klaus Konzelmann holt bei der OB-Wahl in Albstadt sensationelle 60,2 Prozent. "Ich will mich nicht verbiegen lassen."

Albstadt - Ein Erdbeben – das große von 1978 – ist das wohl bekannteste Ereignis der 40- jährigen Geschichte der Stadt Albstadt. Ein nicht minder großes politisches Erdbeben hat sich gestern ereignet: Stadtrat Klaus Konzelmann hat bei der Oberbürgermeisterwahl 60,2 Prozent der Stimmen geholt und Amtsinhaber Jürgen Gneveckow mit 38,3 Prozent nach 16 Jahren heimgeschickt.

Alles hatte ganz normal angefangen: Eine 45.000-Einwohner-Stadt mit bürgerlicher Grundstruktur, eine florierende Wirtschaft und ein Oberbürgermeister, der es nochmal wissen wollte. Am ersten Tag der Frist hatte Jürgen Gneveckow seine Bewerbung für die Wahl am 8. März eingereicht – eine folgerichtige Entscheidung. Denn wenngleich sich Albstadt in den vergangenen Jahren verändert hat wie wohl keine andere Stadt im Land: Baustellen, laufende, noch nicht zu Ende gebrachte Projekte gibt es noch genug. Sie wollte der 62-Jährige, der im Fall seiner Wiederwahl nach derzeitiger Rechtslage noch fünf Amtsjahre vor sich gehabt hätte, noch abschließen.

Dass es niemanden von außen gab, der sich zugetraut hat, ihm das Amt streitig zu machen: verständlich. So war von Wechselstimmung lange keine Spur, kein Gegenkandidat in Sicht und die OB-Wahl kein Thema. Bis Reiner Stegmüller kam.

Wahlsieger gilt in seiner Heimatstadt als Aktivposten

Den 55-Jährigen, der einen kleinen Laden für Nähbedarf betreibt, ärgerte es gewaltig, dass niemand Gneveckow Konkurrenz machen wollte. Die Sanierung der Oberen Vorstadt, wo sein Haus steht, hat ihm Probleme beschert, mit denen er und seine Kunden tagtäglich zu kämpfen haben. Daraus erwuchs der Entschluss zu seiner Kandidatur. Nicht, dass Stegmüller OB hätte werden wollen – sein Ziel war es, einen zweiten Wahlgang herbeizuführen. In der Hoffnung, dass doch noch ein veritabler Gegenkandidat einsteigt.

Als solchen haben manche Klaus Konzelmann betrachtet und ihm das auch gesagt. Gründe gab es genug: Der 52-Jährige gilt in seiner Heimatstadt als Aktivposten, führt den Verschönerungsverein Truchtelfingen, ist eine Art inoffizieller Ortsvorsteher. Als Kriminalhauptkommissar hat Konzelmann die gehobene Beamtenausbildung absolviert. Seit 21 Jahren sitzt er für die Freien Wähler im Gemeinderat, ist seit 2010 stellvertretender Fraktionschef, kann Haushaltspläne lesen, organisieren, stellt etwas dar. Doch Konzelmann und Stegmüller einte eine Sache: die Hoffnung auf einen zupackenden Gegenkandidaten von außen.

Aus der anfänglichenTrotzreaktion wird schnell eine Idee

Als die Bewerbungsfrist abgelaufen und dieser nicht in Sicht war, war die Ernüchterung groß in Konzelmanns Freundeskreis. Aus der Trotzreaktion – "Ich schreib’ Dich trotzdem auf den Wahlzettel" – wurde schnell eine Idee: Konzelmanns Freunde beschlossen, andere per Zeitungsinserat aufzufordern, ebenfalls für ihn zu stimmen. Das Inserat schlug ein wie ein Meteorit, war tagelang Thema. Plötzlich herrschte Wahlkampf.

War bei Gneveckows und Stegmüllers Kandidatenvorstellung in der größten Halle der Stadt noch mehr als die Hälfte der Sitze leer und die Diskussion fade geblieben, meldeten sich jetzt all jene zu Wort, die nicht ganz so zufrieden sind mit der Lage der Stadt unter Gneveckow. Das Hauptthema, der zu Jahresbeginn um 420 Prozent erhöhte Wasser-Grundpreis zur Finanzierung des überdimensionierten Leitungsnetzes aus einstigen Blütezeiten der Textilindustrie, war zuvor schon hochgekocht. Nun kamen weitere hinzu: Fehler bei der Innenstadtsanierung in Ebingen, negative Folgen der in wenigen Jahren aus dem Boden gestampften Tourismusoffensive für die Einwohner – fehlende Toiletten, matschige, überfüllte Wanderparkplätze und allzu wenig Nutzen für Handel und innerörtliche Gastronomie – sowie marode Festhallen, Sportstätten und Feuerwehrhäuser. Dass nicht wenige die kleineren der neun Stadtteile benachteiligt sehen und als Verlierer der Stadtgründung empfinden: Nun war es offenkundiger denn je.

Hässliche Zahlen über einen Sanierungsstau in dreistelliger Millionenhöhe machten die Runde. Parallel dazu kam der seit vielen Jahren teils schwelende, teils lodernde Feuerwehrstreit – für Gneveckow zur Unzeit – wieder aufs Tableau. Alle, so schien es, die mit dem OB nach 16 Jahren Amtszeit noch eine Rechnung offen hatten, und alle, die sich resignierend zurückgezogen hatten, kamen plötzlich wie Kai aus der Kiste. Auf Wochenmärkten und Facebook-Seiten hagelte es Kritik der Unzufriedenen. Der Gegenwind blies Gneveckow frontal ins Gesicht.

Mit einem solchen Wahlergebnis wie am 8. März hätte wohl trotzdem niemand gerechnet. Mehr als 4500 Wähler hatte Konzelmann motiviert, seinen Namen auf dem Wahlzettel zu notieren. Nur 131 Wähler mehr hatten ihr Kreuzchen beim Amtsinhaber gemacht, unerwartete 10,3 Prozent der Wähler bei Reiner Stegmüller.

Vor dem zweiten Wahlgang stieg Konzelmann offiziell ein – und erntete ebenfalls Vorwürfe. Als Stadtrat habe er vieles mitzuverantworten. Der 52-Jährige jedoch blieb gelassen, suchte das Bürgergespräch in den Stadtteilen, war unermüdlich unterwegs und stellte sich und sein Programm vor, das sich von Gneveckows Zielen nicht maßgeblich unterscheidet, wie die zweite Kandidatenvorstellung vor diesmal fast vollbesetzter Kulisse deutlich machte. Es ist die Persönlichkeit der beiden, die so unterschiedlich wahrgenommen wird. Jürgen Gneveckow, der promovierte Volkswirt, hatte in Bonn und Brüssel gearbeitet, weiß, wie man sich auf großen Bühnen bewegt und hat neben Richard von Weizsäcker und anderen Besuchern stets eine gute Figur gemacht. Da ist aber auch der andere Jürgen Gneveckow, der sachliche Kritik oft persönlich nimmt, dem ein autoritärer Führungsstil nachgesagt wird und der – hat er erst einen Gegner ausgemacht – schnell seine gewinnende Art ablegt, die ihn zuweilen auszeichnet.

Klaus Konzelmanns Bühne ist das Parkett, wo die Durchschnittsbürger sitzen. Er ist nahbarer, leutseliger, ausgeglichener und hat ein Gespür für das, was die Menschen brauchen. Bei Festen greift er gerne zur Klampfe und singt, pflegt Hobbys in Gemeinschaft und macht keinen Hehl aus seiner Leidenschaft fürs Jagen, auch wenn seine Kameraden über ihn sagen: "Was Du schießt, ist vorher überfahren worden." So einem, der sich offenkundig für die Sorgen der Bürger interessiert, war im Wahlkampf schwer beizukommen. Also startete Gneveckow mit der CDU eine Plakataktion, griff Konzelmann frontal an. "Demokratie wird nicht in Hinterzimmern entschieden" zielte auf die Art ab, wie Konzelmanns Kandidatur zustande gekommen war. Der konterte unaufgeregt: "Das war keine Hinterzimmergeschichte, sondern eine Aktion mündiger Bürger unserer Stadt." Auch die Tatsache, dass Gneveckow selbst gerne das Hinterzimmer gesucht hat in den vergangenen Jahren, kam nun zurück: Entscheidende Gutachten, vom Steuerzahler finanziert, hatte er geheimhalten wollen.

Allzu vieles war in nichtöffentlichen Sitzungen entschieden worden. Das Stadtteildenken, das zu schüren er Konzelmann und seinen Unterstützern vorgeworfen hat, war nicht Ergebnis des Wahlkampfs, sondern Ergebnis der Entwicklung der vergangenen Jahre, in denen Ebingen, der Tourismus und die großen Sportereignisse in den Augen vieler größere Priorität zu haben schienen als die Infrastruktur in den anderen acht Stadtteilen.

Albstadt zu einen, dürfte ihm leichter fallen als anderen

Auch wenn Konzelmann es nun schwer haben wird angesichts enger finanzieller Spielräume und hohen Sanierungsstaus: Das Konstrukt Albstadt ab dem 41. Jahr seines Bestehens zu einen, dürfte ihm leichter fallen als den meisten anderen. Stammt er doch genau aus jenem Stadtteil, der die Gründungspartner, die einst selbständigen Städte Ebingen und Tailfingen, verbindet. Dort lebt er mit seiner Frau Ute und den drei Kindern in einem einfachen Haus, mitten im Ort. Und er wird es sich auch künftig nicht nehmen lassen, mit den einfachen Leuten beim Viertele zu sitzen und gegen später die Gitarre umzuschnallen.

Wie hatte er es bei der Kandidatenvorstellung, am Ende seiner Rede, formuliert? "Ich habe nicht vor, mich durch das Amt verbiegen zu lassen. Sollten Sie dafür Anzeichen bemerken, dann bitte ich Sie: Kommen Sie zu ihrem Oberbürgermeister und verlangen Sie den Klaus Konzelmann zurück, der Ihnen heute gegenübersteht."

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