„Demokratie bewegt“ – unter diesem Slogan erfahren in dieser Woche Jugendliche, was diese Staatsform bedeutet.
Doch was ist, wenn man in einem Land leben muss, in dem es keine Demokratie gibt? Dazu hatte man einen Zeugen in das Jugendhaus Neubulach (JuBu) eingeladen. Ryyan Alshebl, 2015 als syrischer Flüchtling nach Deutschland gekommen, setzte sich zu den Kids, um aus seinem Leben und seinen Fluchterfahrungen zu erzählen.
Appell an Jugendliche
Alshebl ist kein „gewöhnlicher“ Flüchtling . Auch deshalb war neben diversen Stadträten Kreisjugendreferent Wolfgang Borkenstein gekommen. Dieser berichtete von seinem Opa, der ein glühender Nationalsozialist und Verehrer Hitlers und kein Demokrat war. Der Vertreter der Stadt, Helmut Carstens, wünschte sich in seiner Begrüßung die Jugendlichen „dass sich jeder von Euch dafür einsetzt, damit unsere Demokratie erhalten bleibt. Denn er sehe in Deutschland viele Menschen, die die Demokratie nicht mehr wollen.
Alshebl ist inzwischen in Deutschland sehr bekannt. Er wurde im Juni 2023 zum Ostelsheimer Bürgermeister gewählt. Was ihn logischerweise zum Objekt der Medien machte. Nachdem Alshebl gemeinsam mit dem Publikum das Land Syrien geografisch eingeordnet hatte, erzählte er von der Gegenwart dort. Syrien befindet sich nun nicht mehr im Krieg. Dennoch tobte zuletzt über dem syrischen Himmel ein Kriegsschauspiel. Nämlich ein Drohnen- und Bombenkrieg zwischen Iran und Israel.
Land in großes Leid gestürzt
Er selbst erzählte, wie sein Land 2010 in großes Leid gestürzt wurde. Alles begann mit Hoffnung und dem „arabischen Frühling“. 14 Jugendliche, die ihre Meinung kundtaten, wurden vom syrischen Geheimdienst entführt und gefoltert, berichtete Alshebl. Der syrische Geheimdienst war vergleichbar mit der „Gestapo“ (Geheime Staatspolizei, Anm. der Red.) im deutschen Nationalsozialismus. Die Jugend in Syrien wurde von Kindheit an mit Jugendlagern erzogen und politisch beeinflusst.
Zwölf aufregende Tage
Gespannt hörten alle von den „aufregendsten zwölf Tagen meines Lebens“: Die Flucht über die Türkei und das Mittelmeer. In ein Schlauchboot, das für höchstens 15 Menschen ausgelegt war, wurden 49 Flüchtlinge hineingepfercht. Es war Winter. Das Boot war fast manövrierunfähig. Das große Glück: Zwei marokkanische Flüchtlinge, die sich in Sachen Bootskunde und Navigation auskannten, waren dabei. Der glücklichste Moment in seinem Leben? Der Moment, wieder Boden unter den Füßen zu haben. Zum Thema Schlepper: „Das ist eine Mafia. Die wirklichen Schlepper sitzen unerkannt im Hintergrund.“
Krieg oder Flucht
Alshebl Eltern waren mit der Flucht einverstanden, denn in Syrien wurden damals alle Männer in diesem Alter (18) zum Kriegsdienst zwangsverpflichtet. Also hieß die Wahl: Krieg oder Flucht. Deutschland war sein Sehnsuchtsort, weil sein Bruder bereits in Karlsruhe lebte. Das war sein Anker. Alshebl hatte in Syrien bereits mit einem Studium in Finanzen begonnen. Mit der deutschen Sprache hat er sich ebenfalls schon dort intensiv auseinandergesetzt. Anmerkung: Alshebl spricht perfektes Deutsch und bewegt sich spielerisch locker in Ironie und Humor.
Dass er überhaupt eine politische Laufbahn eingeschlagen hat, „dafür bin ich meinen Eltern dankbar.“ Diese waren damals schon gegen das syrische Regime. Sie bezogen auch die Kinder in die Meinungsbildung und somit die politische Bildung mit ein. In der Gefahr, dass diese leichtsinnig und unbedacht die Meinung ausplaudern. Immerhin hatte der Geheimdienst überall das Ohr.
Heimatbesuch geplant
Einen der wichtigsten Tipps gab Alshebl allen, die nach Deutschland kommen: die deutsche Sprache zu lernen. Ohne die deutsche Sprache gehe gar nichts. Auf die Frage von Sozialarbeiterin Sabine Huber, ob er denn Heimweh habe, gestand Alshebl, dass er eigentlich nicht mehr damit gerechnet hat, jemals wieder in seine Heimat zurückkehren zu dürfen. Allerdings hat sich durch das Ende des Regimes Entscheidendes geändert. Er habe sich nun fest vorgenommen, einen Heimatbesuch zu planen.
Bei den Neubulacher Jugendlichen geht’s die ganze Woche weiter in Sachen Demokratie. Am Freitag gibt’s Kickboxen und Graffiti. Und am Freitag vergnügt man sich im Europapark.