Thomas Hinz lässt in seinem Barbersalon in Basel Männer ins Gespräch kommen. Foto: Boller

In Basel sollen Männer zu Rollenbildern und Umgang mit Konflikten ins Gespräch kommen – zum Beispiel beim Haareschneiden im Rahmen der Aktionswoche „Halt Gewalt“.

„Barbertalks – s Mässer am Hals“ heißt ein spezifisches Projekt für Männer im Rahmen der Aktionswoche „Halt Gewalt“, die Anfang Mai in Basel Aktionen zu den Themen häusliche Gewalt und Zivilcourage durchführt.

 

Die Aktionswoche ist Teil der gleichnamigen Präventionsinitiative „Halt Gewalt“ in Basel. Dieses Projekt hat zum Ziel, eine Person im Umfeld einer betroffenen Person – etwa eine Nachbarin, ein Verkäufer oder eine Arbeitskollegin – darin zu stärken, bei Anzeichen häuslicher Gewalt aufmerksam zu sein und unterstützend zu handeln. Diese soziale Ressource werde bei Projekten gegen häusliche Gewalt oft vergessen, sagt Clara Wittich, Co-Leiterin von „Halt Gewalt“.

Eine Umfrage von „Halt Gewalt“ im Herbst 2022 ergab: Die meisten Befragten wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wenn ihnen etwas auffällt – und greifen aus Angst, die Situation zu verschlimmern, nicht ein. Genau hier setzen die Initiative und auch die Aktionswoche an: Sie sollen informieren, sensibilisieren und Zivilcourage fördern, damit mehr Menschen Verantwortung übernehmen und nicht wegsehen.

Niedrigschwellige Prävention

Ein Teil davon sind die „Barbertalks“. Dabei soll es darum gehen, Männer niedrigschwellig für Themen wie Gewaltprävention und den Umgang mit Konflikten zu erreichen. Es geht laut Wittich aber vor allem darum, Rollenbilder zu hinterfragen – also den Hebel möglichst früh anzusetzen.

Warum eignet sich ein Barber gut, um die Zielgruppe für Fragen rund um Gewalt zu erreichen? „Es ist klug, an Plätze zu gehen, wo die Hürden gering sind“, findet Thomas Hinz. Er ist Inhaber von „Hinz & Kunst Haarkultur Basel“, das zur Hälfte ein Friseursalon für alle Geschlechter, zur Hälfte ein Barbershop ausschließlich für Männer ist.

Früher hatte Hinz auch einen Friseursalon in der Villa Umbach in Kandern, bevor sich der 45-Jährige ganz auf den Standort in Basel konzentrierte. Der Salon wurde für die Aktionswoche angefragt – für Hinz sei es keine Frage gewesen, mitzumachen, sagt er im Gespräch mit der Redaktion.

Die Idee: Mehr Männer erreichen

Hinz glaubt, dass die Hemmschwelle für viele Männer oft zu groß sei, um sich zu öffnen oder um sich Hilfe zu holen. Auch Wittich sagt: Es sei für „Halt Gewalt“ immer noch eine Herausforderung, Männer zu erreichen. Deshalb die Idee mit den Barbershops: „Das sind mehr als nur Orte zum Haareschneiden. Das sind oftmals Treffpunkte.“

Die aktuelle Dunkelfeldstudie von Bundeskriminalamt und Bundesregierung zeigt zudem, dass jede fünfte Frau und jeder siebte Mann mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch nahestehende Personen erfahren hat. Wittich sagt: „Männer müssen häusliche Gewalt als ihr eigenes Thema begreifen. So sind die Tatpersonen häufig Männer, aber sie können auch Betroffene sein. Scham spielt dabei eine große Rolle, und Übergriffe gerade unter Männern werden schnell bagatellisiert.“

Genau dort beginnen die „Barbertalks“. Geschulte Mitarbeiter des Männerbüros Basel und der Gewaltberatung Basel-Stadt wollen spielerisch mit wartenden Kunden ins Gespräch kommen. Mit Fragen regen sie dazu an, über Verantwortung und Gerechtigkeit nachzudenken – über den Umgang mit Stress, Konflikten und schwierigen Gefühlen, aber auch über Themen wie sexuellen Konsens und Social Media.

Dass das nicht immer einfach wird, ist auch für Hinz gut vorstellbar. Ihm ist wichtig, dass seine Kunden, wenn sie signalisieren, dass sie nur wegen der Haarpflege da sind und nicht, um Fragen zu persönlichen, möglicherweise heiklen Themen zu beantworten, in Ruhe gelassen werden. So gibt es für ihn auch ein klares Grundprinzip: „Wer nicht will, muss nicht.“

Grundprinzip: Niemand muss reden

Der Barbershop von Hinz und Kunst ist ein Ort für „echte Männer“ – das macht schon das Interieur deutlich: Marshall-Boxen stehen an der Wand, Automobilmagazine liegen auf dem Tisch im Wartebereich, wer möchte, kann auch einen Whiskey trinken. Und im Raum steht tatsächlich eine auf Hochglanz polierte BMW-Maschine. „Ein bisschen spielen wir schon bewusst mit Klischees“, sagt Hinz.

Als Barber sei er für viele Kunden eine Vertrauensperson – und biete gleichzeitig eine gewisse Anonymität. Etwa 80 Prozent seiner Kunden seien Stammkunden, schätzt Hinz. „Da entsteht Vertrauen: Manchmal erzählen Männer hier Dinge, über die sie sonst nicht so leicht sprechen.“ So kann man sich Hinz auch ein bisschen wie einen Seelsorger vorstellen, oder? „Nicht ganz“, meint er. Man komme ja nicht zum Beichten, sondern wegen der Haar- und Bartpflege. „Aber es entsteht Intimität.“ Und was im Laden besprochen werde, bleibe auch dort. „Ich bin ein stiller Zuhörer. Ich werte nicht.“

Weitere Termine sind denkbar

Noch ist Hinz & Kunst der einzige Barbersalon, der beteiligt ist – doch das soll sich ändern. Auf der Internetseite von Halt Gewalt werden andere Barbershops aufgefordert, sich für die Aktionswoche zu melden.

Der Termin bei Thomas Hinz Anfang Mai ist zunächst als eine Art Versuchsballon geplant. Er hofft, dass sich daraus eine Eigendynamik entwickelt – ein ungezwungenes Setting, trotz der sensiblen Thematik. Fällt die Resonanz positiv aus, könne er sich gut vorstellen, das Angebot auszubauen.

Aktionswoche

Die Aktionswoche „Halt Gewalt findet vom 2. bis 10. Mai 2026 statt.