Siegfried Katz demonstriert das Zweige Flechten an einer lebendigen Weide am Riedbrunnen Spielplatz. Foto: Rahmann

Objekte aus lebendigen Weiden – damit prägt die Weidenwerkstatt, die sich ursprünglich anlässlich der Landesgartenschau gegründet hatte, seit Jahren das Nagolder Stadtbild. Einige ihrer Experimente bieten ihnen selbst manchmal Überraschungen.

Manchmal werden die Mitglieder der Weidenwerkstatt Nagold von ihren eigenen Werken selbst überrascht. Als zum Beispiel zwei Autos in ihr lebendes Weidenkunstwerk auf der Verkehrsinsel auf dem Kreisverkehr vor Iselshausen fuhren, habe sich das Kunstobjekt als optimaler Energieabsorber herausgestellt, sagt Siegfried Katz.

 

Die Autos seien durch die robusten aber gleichzeitig biegsamen Weiden sanft gestoppt worden. Auch die angegriffenen Teile des Kunstwerks hätten durch ein Gerüst aus Stahlstangen wieder aufgebaut werden können und sind nachgewachsen. Experimentieren und Alternativen zum Bestehenden entdecken – das sei der Geist, der die Weidenwerkstatt beseelt, führt Katz fort.

Etwa 2009 sei diese gegründet worden, ergänzt Klaus Kälber. Von Bauwerken wie dem Weidendom in Rostock sei die Gruppe fasziniert gewesen, zu denen sie auch hingefahren sind und „bloß dagestanden und gestaunt“ haben, erinnert sich Kälber. In so großen Naturbauten aus Weide sei allerdings „sehr viel Metall verbaut“ gewesen.

Flechten als Meditation

Die Gruppe, deren Kern aus circa sieben Mitgliedern bestehe, sei offen und suche auch neue Interessierte. Zu tun gibt es einiges, denn jedes Weidenwerk müsse ungefähr zweimal im Jahr beschnitten und renoviert werden, sagt Katz: Vor und nach der sogenannten Saftruhe.

Die Weidenkunst am Riedbrunnen-Spielplatz am Waldachufer sei ab Mitte Juni kaum mehr zu sehen, da die austreibenden Weidenäste sie überwuchern, sagt Kälber. Die Äste einiger Weiden sind dort zu einem Becher oder zu Kreisen geformt, die jedes Jahr neu verflochten werden und somit weiter wachsen. Katz demonstriert das Flechten an einer Weide, die ordentlich ausgetrieben hat. Er greift sich hier und da einen Ast, biegt ihn und flechtet ihn mit einem anderen zusammen, bis eine Form daraus entsteht. „Modellieren, verflechten, verdrehen“, sagt Katz: „Ein meditativer Prozess.“

Weide liebt die Sonne

Die Gruppe sei frei im Gestalten, es gebe keine Vorgaben, sagt Katz – außer jene, die die Weide selbst setzt. So liebt die Weide die Sonne, die Äste können zwar mehrere Schlaufen durchlaufen, aber die Triebe müssen am Ende immer nach oben zeigen, sonst stirbt der Ast ab, sagt Kälber.

Zwischen mehreren Weiden windet sich eine Schlange aus Weidenästen, die „Weidakonda“, sagt Katz. Einige Weiden sind am Ansatz der Äste oben am Stamm immer wieder so heruntergeschnitten, dass ihnen eine Art Kopf wächst. Bei der Renaturierung der Waldach habe eine Wasserbaufirma zur Stabilisierung des Ufers und als Maßnahme gegen Hochwasser viele Weiden gepflanzt, sagt Kälber. Die Weide wächst schnell und „verwurzelt ganz gut im Uferbereich“, ergänzt Katz.

Weiden wachsen im Wasser

Ein weiteres Experiment der Weidenwerkstatt war die Übersiedlung von meterhohen auf der Nagold schwimmenden Weidenobjekten auf die Schiffswiese. Alle drei seien erfolgreich angewachsen und haben durchgehalten, sagt Kälber. Ob im Wasser, auf der Wiese oder vom einen ins andere: die Flexibilität der Weide sei besonders an ihr, sagt Katz.

Ob Blesshuhn-Hotel, wachsende Kirche oder Platanenkubus – die Weidenwerkstatt hat an vielen Objekten, die mittlerweile zum Stadtbild Nagolds gehören, ihre organisierenden und flechtenden Finger im Spiel.

Talente der Hände entdecken

Katz, der mit seiner Flechtmanufaktur auch beruflich mit der Weide arbeitet, war schon als Kind durch die großelterliche und elterliche Korbflechterei beim Weiden schneiden auf einer Kuppinger Weidenplantage dabei, sagt er.

Bei seinem Weiden-Aktivismus gehe es ihm auch darum, jungen Menschen Handwerkliches zu vermitteln, da diese oft wenig Chance hätten „die Talente ihrer Hände zu entdecken“. Das Flechten, beispielsweise Flechtwerke von Blättern als Hüttendach, sei ein noch vor dem Weben entstandenes, uraltes Handwerk, sagt er.