Willi Baumeister: „Schachspieler“ (1927). Foto: Schwäbische Bank AG und Baumeister Stiftung / Foto: Michael Martinez

Die Kunstkalender der Schwäbischen Bank haben eine lange Tradition. 2014 wird sie fortgesetzt. Zurück zu den Wurzeln heißt die Leitlinie – und so setzt die Bank auf Werke von Willi Baumeister. Nicht der leuchtende Kunstheld der 1950er Jahre aber wird gefeiert, sondern der stille Zeichner.

Die Kunstkalender der Schwäbischen Bank haben eine lange Tradition. 2014 wird sie fortgesetzt. Zurück zu den Wurzeln heißt die Leitlinie – und so setzt die Bank auf Werke von Willi Baumeister. Nicht der leuchtende Kunstheld der 1950er Jahre aber wird gefeiert, sondern der stille Zeichner.

Stuttgart - Blick ins Künstlerlabor

Von 1928 bis 1933 schon Professor an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, wird ­Willi Baumeister 1946 an die Stuttgarter Akademie berufen. Stuttgart sucht damit den Anschluss an die eigene Aufbruchszeit, an das abstrakte Erbe Adolf Hölzels. Am 16. März 1946 schreibt der am 31. März 1933 von den Schergen Hitler-Deutschlands aus seinem Frankfurter Lehramt entlassene ­Baumeister an einen Freund: „In 14 Tagen werden es 13 Jahre, seit ich brüsk verabschiedet wurde. Ich konnte der Meinung sein, nie mehr an die Oberfläche zu kommen. Nun wirkt alles günstig, besonders auch die gelungenen Bilder, die in den finsteren Jahren entstanden. Was wird das Amt bringen? Klasse für ‚Dekorative Malerei‘. Diese ­Bezeichnung gefällt mir nicht.“

Ein Blick auf den Kalender „Willi Baumeister“ verdeutlicht den Unmut Baumeisters. Die Schwäbische Bank legt ihn für 2014 auf, jenes Jahr also, in dem der 125. Geburtstag des 1955 gestorbenen Künstlers zu feiern ist. Michael Papenfuß und Marcus Ebert als Führungsduo der bereits unter Peter Linder besonderen Kunstkalendern verpflichteten Schwäbischen Bank vertrauen einer eher stillen Seite Willi Baumeisters – dem ­Zeichner. Ein Kalender als Blick in das Künstlerlabor – eine souveräne und im ­besten Sinn exklusive Annäherung.

Gegenwelten

Von 1922 stammt das früheste der zwölf Blätter („Schauspieler), von 1954 das ­späteste („Montaru mit Gondel“). Drei ­Jahrzehnte künstlerischen Schaffens sind mithin zu erleben. Und in dieser Zeit jene Brüche, die auch die aktuelle Baumeister-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart unter dem Titel „Baumeister International“ zu beleuchten sucht.

International vernetzt und entsprechend visuell ­geschult ist Baumeister, als er 1922 mit Bleistift und den Deckfarben Grau, ­Rosa, Braun, Rot, Weiß und Schwarz auf ­dickem Zeichenpapier einen Bühnenraum in der Fläche ­entstehen lässt. Flächensetzung und Figurenauftritt zeigen Baumeister als Bild-Regisseur, der aus wenigen Umrisslinien die titelgebenden Schauspieler ­entstehen lässt.

„Schauspieler“ markiert den Januar in diesem Kalender, das Deckblatt aber prägt, durchaus programmatisch, „Ideogramm mit Kammzug“ von 1947. Das Blatt aus dem Erscheinungsjahr von Baumeisters wegweisender Gedankensammlung „Das Unbekannte in der Kunst“ nutzt den ins Rosagrau tendierenden Chamoisgrund für den Dialog schwebender Formen.

So markiert dieser Baumeister-Kalender durchaus Gegenwelten. Mit aufmerksamem Blick aber sind Elemente des im 1933 entstandenen „Handstand“ (Februar) im „Ideogramm“ zu entdecken – entkoppelt aber nun gewinnen die Teile an Eigenständigkeit.

Gewischt und gerieben

Mit wenigen Mitteln neue Welten entstehen zu lassen – dies führen die Blätter „Sturm IV“ (Mai) von 1943 und „Sonnenfiguren“ (Juni) von 1946 vor. Auf rosa Ingres-Bütten lässt Baumeister eine Linienfigur auftreten, wischt und radiert die Kohlestiftspuren ­­ zugleich wieder. Das Ergebnis verblüfft: Fürwahr sturmumtost grüßt die mittig gesetzte Vogelfigur, Bote gleichermaßen aus der ­Mythenwelt wie auch der Welt kindlicher Ängste und Hoffnungen.

Wie ernst dagegen ist es Baumeister mit den „Sonnenfiguren“. Dunkle Ovale aus Kohle und Ölkreide werden geschaffen, um sich durch Durchreibungen sofort wieder zu verwandeln. Es ist ein Tanz, für dessen Produktion Baumeister Alltagsgegenstände nutzbar macht – auch das ­Badfenster einer Kammer in Urach. 1943 war Baumeister an den Fuß der Schwäbischen Alb übergesiedelt, die Oberflächenstruktur eines Fensters dort hatte ihn derart fasziniert, dass er das Fenster bei der Rückkehr nach Stuttgart ausbauen ließ, um es weiter für Durchreibungen (Frottagen) verwenden zu können.

Schach

Dieser Kalender vermeidet alles Vorlaute, knüpft zudem in der Druckqualität von Knut Wilhelm ­ an die Stuttgarter Pionierarbeit im Kunstdruck an. Entsprechend stolz sind die Verantwortlichen der Schwäbischen Bank auf diesen Baumeister-Kalender. Und auch die Künstler-Tochter ­Felicitas Baumeister ist „hoch erfreut und glücklich“.

Im Schulterschluss von Schwäbischer Bank und der Willi-Baumeister-Stiftung ist dieser Kalender entstanden – und bietet neben einem summierenden Verzeichnis der Monatsblätter auch eine von Hadwig Goez-Sturm (Baumeister-­Stiftung) auf den Zeichner Willi Baumeister abgestimmte Biografie. Dem Januar-„Schauspieler“ antwortet für den Dezember 2014 das Blatt „Schachspieler“ von 1927. ­ Nicht weniger ist ­Baumeister hier Souverän denn in der ­Collage aus jener Formenzeit, die nicht ­fehlen darf – „Montaru mit Gondel“ von 1954 ist das ­Novemberblatt.

Kunst hilft

Vom kommenden Montag an kann man den zuvorderst für die Kundinnen und Kunden der Schwäbischen Bank gedachten Kalender „Willi Baumeister – 2014“ erwerben – in den Räumen der Bank im zweiten Obergeschoss des Königsbaus am Schlossplatz in Stuttgart. ­ 20 Euro soll das Prachtstück ­kosten. Der Gesamterlös wird gestiftet – nicht zuletzt freut sich die Aktion ­Weihnachten unserer Zeitung über eine ­hohe ­Verkaufszahl.

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