Im Rumpf der Boeing 737 Max 9 klafft ein großes Loch Foto: AFP/Handout

Einst der Inbegriff amerikanischer Ingenieurskunst, heute ein Fall für die Sanierung: Bei Boeing brennt es an allen Ecken und Enden.

Das Jahr ist noch keine drei Monate alt, aber für den US-Luftfahrtriesen Boeing steht es jetzt schon als eines der schwärzesten seiner Konzerngeschichte fest. Defekte Flugzeuge, Milliardenverluste, verärgerte Kunden und Aufseher: Der Airbus-Rivale hat sich vom Vorzeigeunternehmen zu einem der größten Krisenfälle der US-Wirtschaft entwickelt. Boeing steckt knietief in der Krise – nun rollen im Topmanagement Köpfe. Die neue Führung muss riesige Baustellen in Angriff nehmen.

 

Calhoun tritt erst zum Jahresende ab – Nachfolge noch offen

Mit dem Vorstandschef Dave Calhoun sowie dem Verwaltungsratsvorsitzenden Larry Kellner und dem Leiter der im Zentrum der Misere stehenden Verkehrsflugzeugsparte Stan Deal nehmen gleich drei Verantwortliche ihren Hut. Calhoun tritt jedoch erst zum Jahresende ab, seine Nachfolge ist noch nicht geklärt. Der 66-Jährige ist das Gesicht der Boeing-Krise. In den bislang gut vier Jahren seiner Amtszeit gelang es ihm nicht, das Ruder herumzureißen – die Pannenserie eskalierte unter seiner Führung noch weiter.

Dass sich etwas ändern muss, war eigentlich klar seit der Beinahekatastrophe vom 5. Januar, als in knapp 4900 Metern Flughöhe eine Seitenwand aus einem fast nagelneuen Boeing-Jet vom Typ 737 Max 9 herausbrach und 183 Menschen an Bord den Schock ihres Lebens erlitten. Das Management um Calhoun spielte jedoch auf Zeit, auch als bei Inspektionen gravierende Mängel festgestellt wurden und das angeknackste Vertrauen durch weitere Vorfälle erschüttert wurde.

Die Pannenstatistik der vergangenen Wochen ist schockierend. Am 4. März musste eine Boeing 737 in Houston notlanden, nachdem ein Triebwerk in Flammen aufgegangen war. Ebenfalls in Houston kam wenige Tage später eine Boeing-Maschine von der Landebahn ab, weil das Fahrwerk einknickte. In San Francisco fiel einer Boeing 777 am 7. März kurz nach dem Start ein Rad ab. Am 11. März verletzten sich mehr als 50 Menschen beim dramatischen Sinkflug eines Boeing Dreamliner auf dem Weg von Sydney nach Auckland – ein Defekt gilt als mögliche Ursache. Am 15. März stellten Mitarbeiter nach der Landung in Oregon ein großes Loch an der Unterseite einer Boeing 737 fest– ein Teil der Verkleidung ging offenbar während des Flugs verloren.

Schockierende Pannenserie seit Jahresbeginn

In den meisten Fällen hatten Passagiere und Crewmitglieder Glück im Unglück – Boeing schrammte anscheinend knapp an einer Katastrophe vorbei. Aber der Ruf des Unternehmens, das einst als Inbegriff amerikanischer Ingenieurskunst galt, hat extrem gelitten.

Boeing steht seit Jahren wegen Produktionsmängeln unter Druck. Zwei Abstürze der Baureihe 737 Max, bei denen 2018 und 2019 insgesamt 347 Menschen starben, brachten den Konzern in die wohl tiefste Krise seiner über hundertjährigen Geschichte. Calhoun war 2020 als Sanierer angetreten, der das Image reparieren sollte. Mit Kritik an seinem Vorgänger Dennis Muilenburg sparte er damals nicht. Doch Calhoun gab selbst von Anfang an keine glückliche Figur ab. Er räumte zwar „fatale Fehler“ mit Blick auf die 737 Max ein, änderte jedoch nichts an Boeings Strategie, die seit der Fusion mit dem US-Konkurrenten McDonnell Douglas 1997 laut Kritikern stärker auf Gewinnausschüttungen an Aktionäre als auf Qualitätskontrollen ausgerichtet war.

Emirates-Präsident fordert „starken technischen Leiter“ als Boeing-Chef

„Der Konzern braucht einen starken technischen Leiter an seiner Spitze“, fordert Tim Clark, Präsident der Fluggesellschaft Emirates, die ein wichtiger Boeing-Kunde ist. Die Airlines gelten als entscheidende Kräfte hinter dem Führungswechsel. Laut US-Medien machten die drei größten Kunden – United, Southwest und American Airlines – dem Verwaltungsrat klar, dass ihre Geduld mit Calhoun aufgebraucht ist.

Wer auch immer die Führung von ihm übernehmen wird, steht vor einem Trümmerhaufen. Aufsichtsärger, Sammelklagen, strafrechtliche Ermittlungen, milliardenschwere Belastungen, Kursabsturz an der Börse und schwindende Marktanteile – bei Boeing brennt es an allen Ecken und Enden.