Während des Zweiten Weltkriegs war es möglich, mit Radar feindliche Flugzeuge zu orten und festzustellen, welche Richtung sie nahmen. Um die deutsche Flugabwehr zu stören, wurden in Frankreich Ballone mit Gas gefüllt und an ihnen lange Drähte befestigt.
Die Ballone wurden bei günstigem Westwind gestartet, damit sie Richtung Deutschland trieben, berichtet Aichhaldens Alt-Bürgermeister Reinhold Kühner aus geschichtlichen Quellen.
Ein solcher Störballon flog am 28. November 1943, also vor genau 80 Jahren, über Aichhalden direkt auf die Kirche zu. Der lange Draht verhedderte sich dabei in der elektrischen Freileitung zur Kirche. Dabei kam es zu einem Kurzschluss. Der Ballon explodierte, das Gas entzündete sich und ein riesiger Feuerball stand über der Kirche. Diese Explosion war so heftig, dass der Kirchturm erheblich beschädigt wurde.
Der damalige Pfarrer Paul Urbon, so hat Kühner in alten Archivalien nachgelesen, berichtete über dieses Ereignis dem Bischöflichen Ordinariat Rottenburg.
„Am gestrigen Sonntag, 28. November 1943, (erster Adventssonntag) war die Gemeinde um 16.45 Uhr zur Abendandacht in die Kirche gekommen. Kurz nach 17 Uhr ging plötzlich das elektrische Licht aus, ein gewaltiger Feuerschein hüllte den Turm der Kirche ein und ein starkes Poltern wie von herabstürzenden oder einstürzenden Mauern erschreckte die Kirchenbesucher.
Gottesdienst abgebrochen
Ich brach den Gottesdienst ab und bedeutete den Gläubigen, die Kirche zu verlassen. Nicht ganz ruhig, aber auch nicht panikartig kamen sie dieser Aufforderung nach. Manche dachten an ein Erdbeben, andere meinten, Turm oder Kirchendach seien eingestürzt oder am Einstürzen, die meisten vermuteten, Bomben seien gefallen.
Nachdem ich das Allerheiligste versorgt hatte, begab ich mich auf die Straße, wo die Leute aufgeregt umherstanden und zur Höhe blickten.
Ziegel herabgestürzt
Vor der Kirche, beim Kriegerdenkmal und auf der Straße, lagen Ziegel und Steine vom Dach des Turmes, dessen First abgedeckt und zum Teil abgerissen war, dazu ein großes Stück des Blitzableiters und das auf der Nordseite des Turmes angebrachte über ein Meter hohe schmiedeeiserne Kreuz, an dem ein Hahn befestigt ist. Dabei lagen noch Äste und Zweige, die von den Bäumen durch die herabfallenden Trümmer abgeschlagen worden waren. Überall hingen die Drähte der Telefon- und Lichtleitungen herunter, die von und zur Kirche führten.
Kirche in Feuer gesehen
Leute, die von Heiligenbronn und Rötenberg her unterwegs gewesen waren, erzählten, sie hätten die ganze Kirche in hellem Feuer gesehen und wären der Meinung gewesen, das ganze Gotteshaus brenne lichterloh.
Da wir uns die Ursache der ganzen Geschichte nicht erklären konnten, vermuteten wir einen Kurzschluss und suchten die Kirche nach Brandstellen ab. ... Da es Nacht wurde, räumten wir die Trümmer weg und schlossen das Gotteshaus ab. Nirgends brannte das elektrische Licht, ganz Aichhalden war ohne Strom. Der zuständige Elektromechaniker, dem ich Meldung machte, erfuhr dann, dass in anderen Gemeinden ähnliche Beobachtungen gemacht worden waren. Man sagte ihm, dass feindliche Störballone vom Wind über die Schwarzwaldhöhen getrieben wurden. Diese ziehen 200 Meter lange Drähte nach sich.
Draht verheddert sich
Ein solcher hat, wie ergänzend ein Augenzeuge heute früh berichtete, zwischen Pfarrhaus und Lehrerwohnung hindurch seinen Weg direkt auf die Kirche genommen. In den Drähten, am Blitzableiter und Turm hat er sich verfangen, den Kurzschluss ausgelöst, die Trümmer abgerissen und ist dann selber in Flammen aufgegangen. ...Menschenleben sind keine zu Schaden gekommen.
Wäre das Unglück aber etwa am Ende des Gottesdienstes geschehen, wo die Leute aus der Kirche kamen, hätte es schlimm ausfallen können,“ schließt der Bericht.