Abdul Hannan Sheikk und Mansoor Ahmad (von links) im Balinger Gemeindezentrum: Die beiden wollenden Hatekommentaren im Netz keinen Raum geben. Foto: Sophie Holzäpfel

Mit Müllsäcken startete die Ahmadiyya-Jugendorganisation ins neue Jahr, um die Innenstadt nach Silvester aufzuräumen. Wie die Gemeinde mit Anfeindungen umgeht.

In den frühen Morgenstunden des ersten Januars versammelt sich eine Gruppe junger Menschen in der Balinger Innenstadt. Auf dem Marktplatz liegen Böllerreste, Raketenüberbleibsel, Glasflaschen und Zigarettenstummel. Mit Zangen und Müllsäcken ausgestattet, teilen sie sich auf und unterstützen das Team des Bauhofs bei den Aufräumarbeiten nach Silvester. Einer der Männer ist Mansoor Ahmad. Er blickt in die Kamera und sagt mit fester Stimme: „Wir sind Teil des Stadtbilds. Wir verschönern das Stadtbild, indem wir heute hier den Silvestermüll beseitigen.“ Wenige Stunden später postet er das Video auf dem Instagram-Account der Ahmadiyya-Gemeinde Balingen.​

 

Mehr als 1700 Menschen liken den Post (Stand: 15. Januar), knapp 500 Nutzer kommentieren. Zwischen „Danke“ und „Toll, dass ihr das macht“ sind jedoch auch zahlreiche Hasskommentare zu lesen. „Scheiß Propaganda“, „Dadurch wird der Islam auch nicht besser“ und „Ihr seid kein Teil Deutschlands“ sind nur ein Teil der Anfeindungen, mit denen die muslimische Gemeinde im Netz konfrontiert wird. Sie wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, betont der Vorsitzende der Balinger Gemeinde, Mansoor Ahmad. „Es macht uns natürlich emotional, das zu lesen. Aber es gibt uns auch Standhaftigkeit: Wir wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben und nicht negativ auf solche Kommentare reagieren.“

Kalif ist das geistliche Oberhaupt​​

Zwei Wochen nach dem Jahresbeginn sitzt er neben Imam Abdul Hannan Sheikk im Gemeindezentrum der Ahmadiyya in der Eyachstadt. Hinter ihnen hängen Banner mit den Kalifen. Für die Ahmadiyya ist der Kalif das geistliche Oberhaupt, das Gottes Gebote umsetzt. Derzeit zählt die Gemeinde in Balingen 130 Mitglieder.​

Schon seit mehr als 20 Jahren räumen sie am 1. Januar die Innenstadt auf, so Ahmad. Dieses Jahr habe man die Aktion aber auch für ein politisches Statement genutzt: Mit dem Video wollten sie Bezug nehmen auf die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz in Brandenburg, die im Oktober vergangenen Jahres für viel Wirbel gesorgt hatte, weil sie Fragen nach Zugehörigkeit und Integration aufwarf. „Es macht etwas mit einem, wenn der Bundeskanzler uns mit der Aussage das Gefühl gibt, nicht zum Stadtbild zu gehören“, sagt Sheikk.​

Die Kommentare auf Instagram haben ihn hingegen zum Teil sogar belustigt. Auch, weil er Ausgrenzung in ganz anderem Ausmaß erlebt habe. In seinem Heimatland Pakistan werden Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde verfolgt, so der Imam. „Dort können wir unseren Glauben nicht friedlich ausleben.“ Er schätze die Glaubensfreiheit in Deutschland daher umso mehr. „Im Zollernalbkreis habe ich bisher wenig rassistische Äußerungen erlebt“, bemerkt Ahmad.

„Wollen in den Dialog treten“​

Er ist in der Eyachstadt aufgewachsen. Innerhalb des Islams versteht sich die Ahmadiyya-Gemeinde als eigene Glaubensrichtung. Mit anderen muslimischen Gemeinden im Landkreis haben sie keinen Kontakt, bedauert der Vorsitzende. „Wir laden sie immer wieder zu uns ein, aber bekommen in der Regel keine Antwort. Dabei wollen wir in den Dialog treten.“​​

Es störe sie, dass Muslime oft in eine Schublade gesteckt werden und sie mit pauschalen Vorurteilen konfrontiert seien: Merz habe mit seiner Aussage in dieselbe Kerbe geschlagen. Wenn ein terroristischer Attentäter etwa Menschen in den Tod reißt, und er sich selbst als Moslem bezeichnet, dann würden Medien und Politik die Tat mit dem Islam in Verbindung bringen. „Aber wortwörtlich bedeutet Islam Frieden. Jemand, der so etwas macht, ist in unseren Augen kein gläubiger Moslem“, sagt der Imam. Er wünscht sich einen offeneren und differenzierten Diskurs.

Viele Muslime leisten tagtäglich einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft​

Die Debatte um das Stadtbild gehe jedoch weit über einzelne Kommentare oder politische Aussagen hinaus, betont Sheikk. Viele Muslime leisteten tagtäglich einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft – auch in Deutschland, ergänzt Ahmad. „Wenn alle Muslime Deutschland verlassen müssten, dann würden viele Bereiche zusammenbrechen. Was wäre denn dann zum Beispiel mit dem Pflegebereich?“ Er selbst und viele Mitglieder der Gemeinde haben studiert, arbeiten hart, engagieren sich ehrenamtlich, betont der Vorsitzende. „Würde man behaupten, dass diese Menschen nicht zum Stadtbild passen?“ Dass sie dennoch häufig pauschal beurteilt würden, störe ihn. Aktionen wie die Aufräumaktion in Balingen seien für ihn ein sichtbares Zeichen dieser Zugehörigkeit. „Wir sind Teil dieser Gesellschaft.“​

Die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung, allen voran der Rechtsruck in Europa, bereitet dem Imam Sorgen: „Es wird eine schwierige Zeit über unsere Gemeinde kommen.“ Trotzdem wolle man Hass und Anfeindungen keinen Platz geben. Aktionen wie die Aufräumaktion in Balingen zeigten, dass die Gemeinde Teil des Stadtbilds sei – und bleiben wolle.