Gruppen Jugendlicher versuchen in Rottweil, andere einzuschüchtern, suchen Streit – es kommt auch zu Übergriffen mit Verletzten. Die Polizei ist aktiv.
Rottweil - Eine große Gruppe Jugendlicher umringt einen 19-Jährigen, schüchtert ihn ein, sucht offensichtlich Streit. Dann schlägt einer aus der Gruppe zu. Am helllichten Tag mitten in Rottweil. Und das ist kein Einzelfall.
Das Opfer, das in der Nähe arbeitet, wollte sich an jenem Freitagnachmittag eigentlich nur schnell einen Snack aus dem Culinara-Markt am Nägelesgraben holen. Doch dieser Gang endet mit einer aufgeplatzten Lippe und einer Gehirnerschütterung. Unvermittelt wird er vor dem Markt von der großen Gruppe Halbwüchsiger in die Mangel genommen. Bis es zum Faustschlag kommt.
Von mehreren Leuten umringt und drangsaliert
Seine Mutter wendet sich an unsere Redaktion: Dies sei kein Einzelfall, sagt sie. Ihr Sohn sei schon einmal von der Gruppe drangsaliert worden. Weitere Fälle seien ihr bekannt. Sie sagt: Rottweil habe zunehmend ein Problem mit einigen Jugendgruppen, die meinen, die Stadt gehöre ihnen.
Unsere Redaktion geht der Sache nach. Und tatsächlich: Die Polizei bestätigt, dass sich das Phänomen in Rottweil seit Jahresbeginn verstärkt habe. Die Polizei habe in den vergangenen Monaten eine deutliche Häufung derartiger Vorkommnisse registriert, so Polizeipressesprecher Uwe Vincon. Der Fall vor dem Lebensmittelmarkt sei der jüngste von mehreren Fällen gewesen. Große Gruppen Jugendlicher seien "auffällig", suchen nach Beobachtung der Polizei anlass- und rücksichtslos Streit, schüchtern andere verbal ein – und es sei auch zu Übergriffen mit verletzten Personen gekommen, so wie im Fall des 19-Jährigen.
Polizei ist weg – Gruppe kommt wieder
Die Schilderungen der Mutter gegenüber unserer Redaktion zum Fall ihres Sohnes kann Vincon genauso so bestätigen. Wie sie berichtet, habe ihr Sohn nach dem Angriff die Polizei gerufen, die Beamten hätten den Fall vor Ort im Nägelesgraben aufgenommen. Kaum sei das Polizeifahrzeug weggewesen, sei die Gruppe Jugendlicher wieder auf der anderen Straßenseite aufgetaucht – "mit maximalem Selbstbewusstsein". Daraufhin habe ihr Sohn erneut die Polizei gerufen, da er einige aus der Gruppe klar identifizieren konnte. Und die Polizei kam zurück.
18 Personalien aufgenommen
"Wir haben dann insgesamt 18 Personalien aufgenommen", so Uwe Vincon auf Nachfrage. Das macht deutlich, dass es sich nicht etwa um ein kleines Grüppchen handelt. Einer der Beschuldigten sei an diesem Mittwoch vernommen worden. Zum laufenden Verfahren kann Vincon keine Details nennen. Nur soviel: Der Vernommene sage, er sei nicht Schuld und stelle sich eher als Opfer dar.
Darüber können der 19-Jährige und seine Familie nur den Kopf schütteln. Die Mutter fuhr mit ihrem Sohn nach dem Angriff in die BG-Unfallklinik. Dort wurde ein Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades diagnostiziert.
Wie der Pressesprecher des Präsidiums Konstanz erklärt, nehme die Polizei das Thema überaus ernst. Nach den ersten Vorkommnissen seien die Jugendsachbearbeiter entsprechend sensibilisiert worden, man stehe in Kontakt mit den Jugendkoordinatoren der Kripo und habe sich auch mit der Stadtverwaltung ausgetauscht. Die Polizei fahre verstärkt Streife und gehe gegen das Gebaren der Jugendlichen "stringent" vor. Das heißt: Auch niedrigschwellige Verstöße werden konsequent geahndet, so Vincon.
Auf Instagram Polarisierung der Jugendlichen verfolgt
Parallel zu den Vorfällen in der Stadt hat die Polizei auf Instagram und anderen sozialen Medien eine "Polarisierung" von Jugendlichen in Rottweil mitverfolgt. Dass nun mehrere Gruppen rivalisieren, könne man so nicht erkennen, so Vincon. Vielmehr seien es wohl "lose Zusammenschlüsse".
Dass jugendliche "Gangs" einen auf dicke Hose machen und andere drangsalieren, das kennt man eigentlich nur aus größeren Städten. In Rottweil will die Polizei "zeitnah gegensteuern". Die Jugendlichen, die jetzt so auffällig sind, seien gerade einmal 16, 17 Jahre alt, erklärt Vincon. "Wenn die dann 20 sind, wird’s schon schwieriger." Schon jetzt sei aber zu beobachten, dass sich die Lage beruhigt. Der Fall des 19-Jährigen, der sich vor knapp zwei Wochen ereignet hat, sei der bislang letzte gewesen.
Wenn die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen sind, geht das Ganze an die Staatsanwaltschaft. Die Mutter des 19-Jährigen ist gespannt, wie es weitergeht. Sie selbst habe noch nichts von der Polizei gehört. Ihr ist es wichtig, für das Thema zu sensibilisieren. Ihr Sohn jedenfalls geht seit dem Angriff mit einem unguten Gefühl in die Stadt.