Isa Benzing ist Geschäftsführerin von Pisacare. Die Agentur aus Villingen-Schwenningen vermittelt ausländische Pflegefachkräfte nach Deutschland. Foto: Simone Neß

Bis 2049 werden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland voraussichtlich mindestens 280 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Isa Benzing, eine junge Gründerin aus Villingen-Schwenningen, zeigt, wie internationale Fachkräfte zur Lösung beitragen können. Ihre Agentur Pisacare rekrutiert Pflegefachkräfte aus dem Ausland.

Der Pflegenotstand ist längst auch im Schwarzwald-Baar-Kreis Realität, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen arbeiten die Fachkräfte schon jetzt zum Teil am Limit. Währenddessen sitzen 10 000 Kilometer entfernt auf den Philippinen junge Menschen an ihren Schreibtischen und pauken deutsche Grammatik. Ihr Ziel: ein Job in Deutschland, ein Visum und ein neues Leben.

 

Was die Einrichtungen in Deutschland und die Fachkräfte aus dem Ausland verbindet ist Pisacare. Die Agentur aus Villingen-Schwenningen hat sich darauf spezialisiert, ausländische Pflegefachkräfte nach Deutschland zu vermitteln und leistet damit einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen den Fachkräftemangel in der Pflege.

Ein Familienfreund legt den Grundstein

Das Unternehmen 2019 gründete Isa Benzing gemeinsam mit ihrer Schwester die Agentur Pisacare. Die Idee kam durch einen engen Familienfreund, der vom dramatischen Fachkräftemangel in der Pflege berichtete, erzählt die heute 31-Jährige.

Isa Benzing hat Sozialwirtschaft studiert und im Marketing eines Personaldienstleisters gearbeitet, doch sie verspürte schon länger den Wunsch, näher am Menschen und im sozialen Bereich tätig zu sein. Anfangs erschien ihr die Gründung einer solchen Agentur noch absurd – doch je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigte, desto reizvoller wurde der Gedanke. „Ich reise sehr gerne und finde unterschiedliche Kulturen unglaublich spannend“, sagt sie. Gleichzeitig sei ihr bewusst gewesen, dass die Pflege immer mehr in den Vordergrund rücke.

Dass der Weg nicht so einfach werden würde, wie es sich Isa Benzing anfangs vorgestellt hat, zeigte sich schnell. „Wir sind da schon auch ein bisschen blauäugig reingehüpft“, gesteht sie. 2020 reiste sie auf die Philippinen, um vor Ort Akquise zu betreiben – doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen. „Der Start war heftig“, erinnert sie sich zurück, die Firma habe sie neben dem Studium und Nebenjob gegründet und musste sich erst ein entsprechendes Know-how aneignen.

Fokus liegt auf den Philippinen

Heute sagt die 31-Jährige: „Das ist der beste Job, den ich bisher je hatte.“ Ihre Schwester ist mittlerweile aus dem Unternehmen ausgestiegen, doch die Familie steht ihr weiterhin zur Seite. Die strategischen Entscheidungen trifft sie allein, unterstützt wird sie von einem kleinen Team – darunter eine Vollzeitkraft in Indien, die eng mit den Bewerbern zusammenarbeitet.

Pisacare vermittelt Fachkräfte aus Indonesien, Thailand und Indien, den Fokus hat die Agentur jedoch auf die Philippinen gelegt. Der Inselstaat im Westpazifik kämpft mit explodierenden Bevölkerungszahlen. Seit 1960 ist die Einwohnerzahl von 28 auf fast 117 Millionen gestiegen. Täglich verlassen rund 4000 Menschen das Land, um anderswo Fuß zu fassen und gleichzeitig die Familie in der Heimat finanziell unterstützen zu können.

Zusammenarbeit mit lokalen Agenturen

Der Prozess Doch wie arbeitet Pisacare? Am Beispiel der Philippinen gibt Isa Benzing einen Einblick in ihre Arbeitsweise und den Prozess, der in Regel ein Jahr dauert. Für die Rekrutierung von Fachkräften ist Pisacare verpflichtet, mit Agenturen vor Ort zusammen zu arbeiten. Sowohl die Agenturen vor Ort, Pisacare als auch die Bewerber und Kunden sind registriert und lizenziert.Von den Agenturen vor Ort bekommt Pisacare die Lebensläufe zugeschickt und lädt die Bewerber zu einem Bewerbungsgespräch ein. Passt es von allen Seiten, meldet Pisacare die Bewerber an einer Sprachschule im Heimatland an. Dort müssen die Bewerber einen Sprachkurs mit Sprachniveau B2 absolvieren. Währenddessen sammelt Pisacare alle benötigten Dokumente.

Erst wenn die Sprachprüfung absolviert ist, kann ein Visum im beschleunigten Fachkräfteverfahren beantragt werden. Voraussetzung für ein Visum ist der bereits geschlossene Arbeitsvertrag. Das Verfahren geht bis zu vier Monate. Ist das Visum ausgestellt, wird der Flug gebucht.

Pflegekraft in Anerkennung

„Wenn die Bewerber in Deutschland ankommen, sind sie eine Pflegekraft in Anerkennung“, erklärt Isa Benzing. Für die Anerkennung ihrer Berufsausbildung müssen die Fachkräfte eine Prüfung ablegen. Diese dürfen sie nur zwei mal antreten. „Der Druck steigt natürlich immens, wenn sie beim ersten Mal nicht direkt bestehen“, erklärt die 31-Jährige.

Damit die Bewerber auf diese wichtige Prüfung besser vorbereitet sind, bietet Pisacare einen Kurs an, mit dem die Fachkräfte noch während der Visazeit in ihrem Herkunftsland auf die Prüfung in Deutschland vorbereitet werden.

Vertraglich ist geregelt, dass Pisacare auch noch zwölf Monate nach der Einreise den Bewerbern als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Dass Pisacare in der Praxis oft deutlich länger als Ansprechpartner fungiert, daraus macht Isa Benzing kein Geheimnis.

Isa Benzings Wunsch ist, dass durch Pisacare eine Community entsteht, durch die Bewerber hier in Deutschland schnell Anschluss finden. In regelmäßigen Meetings tauscht sie sich mit den Bewerbern aus. Wenn sich diese dann selbstständig für Silvester, Weihnachten oder einen Urlaub verabreden, geht der 31-Jährigen das Herz auf.

Unterschiedliche Regeln zwischen den Bundesländern

Die Kunden Pisacare vermittelt Pflegekräfte an Einrichtungen in ganz Deutschland, konzentriert sich jedoch überwiegend auf Baden-Württemberg – vor allem wegen der unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern für ausländische Fachkräfte, wie die Geschäftsführerin erklärt.

Zu den Kunden zählen laut Isa Benzing überwiegend Pflegeeinrichtungen, aber auch Kliniken würden über Pisacare Fachkräfte rekrutieren. Als Beispiele nennt sie die Helios-Kliniken, Caritasverbände oder die Stiftung St. Franziskus.

Dass sich Pisacare inzwischen so gut am Markt etabliert hat, hat die 31-Jährige vor allem Mund-zu-Mund-Propaganda zu verdanken. Gleichzeitig sei der Bedarf bei den Einrichtungen enorm – auch wenn es in der Praxis oft an den finanziellen Mitteln scheitere. Es sei häufig ein schmaler Grad zwischen dem zur Verfügung stehenden Budget und dem dringend benötigten Personal, erklärt sie.

Bürokratie ist ein großes Problem im Alltag

Die Herausforderungen Im Gespräch mit Isa Benzing wird schnell klar: Die finanziellen Bedingungen in Pflegeeinrichtungen sind längst nicht die einzige Hürde in ihrem Arbeitsalltag.

Ganz oben steht da die Bürokratie, die den Traumjob der 31-Jährigen manchmal „zu einem nicht so schönen Job macht“, gibt sie ehrlich zu und sagt: „Das bringt einen manchmal schon an die Grenzen.“

Formulare, Vorschriften, uneinheitliche Regelungen – und Behörden, die noch mit dem Fax arbeiten: Der „Papierkrieg“ raube Zeit und Nerven. Was sie sich wünscht? Mehr Einheitlichkeit, mehr Flexibilität, mehr Spielraum für Sachbearbeiter – und vor allem mehr Digitalisierung.

Wohnungsmarkt ist eine Herausforderung

Eine große Herausforderung sieht Isa Benzing auch auf dem Wohnungsmarkt. Vertraglich sind die Arbeitgeber dazu verpflichtet, den künftigen Arbeitnehmern eine Wohnung zu organisieren. Zwar müssen sie diese nicht bezahlen, doch allein die Suche sei schon problematisch. „Oft scheitert eine Zusammenarbeit daran“, gibt Isa Benzing einen realistischen Einblick. Zwar hätten manche Kunden eigene Immobilien, die sie den Mitarbeitern zur Verfügung stellen könnten, doch das sei eher die Ausnahme als die Regel.

Auch die politische Lage wirke sich zunehmend aus. Fachkräfte aus Indonesien würden aktuell lieber etwas Abstand zu Deutschland halten, und auch der Ukraine-Krieg verunsichere die Bewerber. „Deutschland ist schon jetzt unattraktiv für Fachkräfte“, stellt Isa Benzing nüchtern fest. Ein Grund dafür sei neben der Migrationsdebatte auch die Sprachbarriere. Viele Fachkräfte gingen deshalb lieber in ein englischsprachiges Land.

Immerhin: In Sachen Willkommenskultur hätten ihre Bewerber bislang kaum negative Erfahrungen gemacht. Punkten könne Deutschland mit seinem Gesundheits- und Sozialsystem – und der Möglichkeit des Familiennachzugs. Als „Heart of Europe“ sei das Land für viele auch wegen der guten Reisemöglichkeiten attraktiv.

An Visionen mangelt es nicht

Ein Ausblick Isa Benzing mangelt es für die Zukunft nicht an Visionen. Erst vor kurzem hat die 31-Jährige das Angebot der Agentur erweitert. Denn die Nachfrage nach Betreuung in der privaten Pflege sei immens. „Die Menschen sind wirklich verzweifelt“, schildert die Geschäftsführerin. Angehörige seien berufstätig und müssen gleichzeitig die eigenen Eltern pflegen, dabei fehle es an Unterstützung, schildert sie Situationen von Privatpersonen, die sich an sie gewendet haben.

„Man hat öfter weinende Menschen am Telefon, und da muss ich dann einfach etwas tun“, sagt sie. Aus diesem Grund habe sie sich für ein zweites Standbein entschieden. Pisacare vermittelt nun auch Pflegekräfte an Privatpersonen. Diese kommen in der Regel aus Osteuropa, aktuell rekrutiert die Agentur vor allem aus Polen.

Isa Benzings Ziel ist es, die Pisacare-Community weiter auszubauen. Derzeit arbeitet die Agentur an einer Software mit einem Forum, in dem sich die Bewerber austauschen können. Ihr Anliegen ist dabei auch die Inklusion. Es gehe nicht nur darum, dass sich die ausländischen Pflegekräfte an deutsche Strukturen anpassen, sondern auch, dass die Deutschen von den internationalen Fachkräften lernen können.

Dankbarkeit der Bewerber

Was sie an ihrem Job besonders schätzt? Das Innovative, der Austausch, der Besuch von Veranstaltungen und Network-Partys. „Über den Tellerrand hinauszuschauen ist etwas, das mir mein Vater beigebracht hat“, sagt die 31-Jährige. „Man kann letztendlich alles ermöglichen“, ist sie überzeugt.

Die Vielseitigkeit ihres Jobs, das Zusammenspiel aus Betriebswirtschaft, Marketing, Kommunikation, Netzwerken und Reisen ist der Grund, warum Isa Benzing so viel Spaß an ihrer Arbeit hat.

Doch am meisten motiviert sie neben der Dankbarkeit ihrer Kunden die Dankbarkeit von den Bewerbern. Wenn die Fachkräfte Pisacare als Familie bezeichnen, dann weiß Isa Benzing, dass sich ihr Einsatz lohnt.

Paulo Peru fasst in Deutschland Fuß

Paulo Peru ist einer der Pflegefachkräfte, die Pisacare von den Philippinen rekrutiert hat. Wie es ihm inzwischen in Deutschland geht und was er an seinem Job so schätzt, erfahren Sie im zweiten Teil.