Bewaffnete Taliban sind in den Straßen von Kabul unterwegs. Foto: AFP//WAKIL KOHSAR

Der Funke Hoffnung, dass die Taliban lernfähig sind, lässt den Ingenieur Massud Heydari nicht ganz verzweifeln. Dennoch misstraut er den moderaten Tönen der Islamisten. Was erlebt er aktuell in Kabul?

Kabul - Sein altes Auto lässt Massud Heydari (Name geändert) in einem Versteck stehen, sein Haus ganz in der Nähe des Flughafens von Kabul betritt der Mittvierziger seit Tagen nicht mehr. „Ich will nicht sofort erkannt werden“, sagt der Ingenieur, der bis vor wenigen Monaten als Vertragsbeschäftigter der afghanischen Regierung zugearbeitet hat. „Keiner weiß, wie es mit den Taliban weitergehen wird“, sagt Heydari und würde am liebsten wenigstens für ein paar Monate das Land verlassen. „Doch das ist gerade fast unmöglich.“

 

Wie viele seiner Landsleute ist Heydari in ständiger innerer Alarmbereitschaft und immer auf Handyempfang. Die Erinnerungen an die Taliban-Tyrannei vor zwei Jahrzehnten kommen hoch. Groß ist die Angst, dass die „wahre islamische Herrschaft“, die die neuen Machthaber angekündigt haben, ein langer Albtraum wird. Und dass nicht nur für die afghanischen Mädchen und Frauen, denen schon einmal alle Freiheiten geraubt wurden.

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Plünderer nützten das Machtvakuum aus

„Es gibt so viele Ungewissheiten“, sagt Heydari, dem die Unberechenbarkeit der Islamisten und ihren noch immer nicht verkündeten Pläne den Schlaf raubt. Noch habe er von keinen größeren Übergriffen der Taliban in den Straßen Kabuls gehört, von keinen Strafaktionen. Allerdings nutzten Plünderer das Machtvakuum aus, Nachbarn hätten von Dieben erzählt, die sich als Taliban ausgegeben haben, aber wohl keine waren. „Die nehmen mit, was ihnen gefällt, auch Autos“, erzählt der mehrfache Familienvater und ist besorgt, dass die alltägliche Infrastruktur bald kollabiert.

„Aktuell gibt es genug Lebensmittel in den Geschäften, das ist die Ware, die vor ein paar Tagen geliefert wurde.“ Die Vorräte könnten bald aufgebraucht sein, auch an den Banken sei seit Tagen kein Geld mehr erhältlich, weiß Heydari. Beim Videotelefonat über Zoom bricht immer wieder die Verbindung ab. „Das Netz ist schlecht, die Elektrizität sei seit Monaten ein Problem.“ Immer wieder gebe es Stromausfälle. Immerhin sei der Gesundheitsminister mit den Taliban zusammengekommen, auch niedrigrangige Regierungsmitarbeiter seien in ihre Büros zurückgekehrt.

Taliban gegen sich moderat und kooperativ

Bei ihrer ersten Pressekonferenz am Dienstag gaben sich die Sprecher der Taliban erstaunlich moderat und kooperativ. „Wir wollen kein Chaos in Kabul sehen“, hieß es und dass sich die Regierung bald formen werde. Ziel seien guten Beziehungen zu den Nachbarn, auch dürften Frauen „innerhalb der Grenzen des Islams“ ihrer Arbeit nachgehen. Die genauen Regeln würde die neue Regierung festlegen.

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Das Ende der Regierung Aschraf Ghani, die Rückkehr der Taliban sind Entwicklungen, die den Ingenieur nicht überraschen. „Der Präsident hat seine Macht seit Jahren missbraucht und ist durch und durch korrupt gewesen“, er habe Günstlingswirtschaft betrieben, ständig seine Mitarbeiter ausgetauscht. „In dem Ministerium, in dem ich gearbeitet habe, gab es vier Minister in fünf Jahren“ – kein Wunder, dass kaum Projekte realisiert werden konnten, bilanziert der Afghane, der auch schon für westliche Organisationen gearbeitet hat. Von einem „hohlen System ohne Stabilität und Kontinuität“ spricht er, von unerfahrenen Chefs, die gigantische Budgets miserabel verwaltet und sich dabei selbst bereichert hätten.

Die vage Hoffnung, dass auch die Taliban lernfähig sind, lässt Heydari in diesen Tagen des radikalen Umbruchs nicht ganz verzweifeln. „Sie wollen internationale Anerkennung und Hilfsgelder, dann müssen sie sich auch entsprechend verhalten“, sagt er. Sonst stünden die Taliban bis auf wenige Ausnahmen völlig isoliert da. „Wenn es ihnen allerdings nur um Rache geht, dann hat dieses Land keine Zukunft.“