Jeder Flug aus Kabul könnte der letzte sein. Foto: Msgt. Donald R. Allen/U.S. Air F

Wer den Anspruch hat, Afghanistan in Richtung Deutschland zu verlassen, der verliert ihn nicht, wenn der Flughafen schließt, kommentiert Christian Gottschalk.

Stuttgart - Es schien ja kaum denkbar, dass sich die Katastrophe von Kabul noch weiter zuspitzt, aber genau so scheint es nun zu kommen. Noch sind nicht einmal alle Staatsbürger der ausländischen Nationen ausgeflogen, geschweige denn ein Bruchteil der Afghanen, die Schutz und Hilfe begehren, da schließt sich das Tor in die Freiheit. Die Angst vor Anschlägen auf den Flughafen wächst, womöglich verriegeln deutsche und amerikanische Soldaten schon an diesem Donnerstag die letzten Türen der letzten Flieger, die von dort abheben. Tausende Afghanen werden das unter Tränen auf ihren Smartphones sehen.

 

Es braucht neue, kreative Wege

Die politisch Verantwortlichen für dieses Drama haben sich schuldig gemacht, und sie sind dabei, sich noch weiter schuldig zu machen. Zwar hat in der westlichen Welt die Aufarbeitung des kollektiven Versagens begonnen, das ist gut und richtig. Es ist aber auch bei weitem nicht genug. Kein zurücktretender Außenminister rettet mit diesem Schritt ein Menschenleben. Das könnte aber gelingen, wenn weiter verhandelt wird. Mit den Taliban, und mit den Anrainerstaaten. Wer den Anspruch hat, Afghanistan in Richtung Deutschland zu verlassen, der verliert ihn nicht, wenn der Flughafen schließt. Der Weg in die Sicherheit wird gefährlicher, komplizierter, länger. Er muss nicht unmöglich werden. Den Menschen neue, kreative Wege aus dem Land heraus zu ermöglichen, das muss jetzt das Ziel derer sein, die in der jüngsten Vergangenheit so versagt haben.