Nach den jüngsten Anschlägen in Kabul füllen sich die Krankenhäuser mit Verwundeten. Foto: dpa/Mohammad Asif Khan

Die Spannungen und die Gewalt zwischen dem sogenannten Islamischen Staat in Afghanistan und den Taliban dürften weiter zunehmen.

Istanbul - Rücksichtslos und auf möglichst viele Opfer angelegt: Der Selbstmordanschlag am Flughafen von Kabul, bei dem bis zu 170 Menschen starben, trug die Handschrift des IS-K, des Ablegers des sogenannten Islamischen Staates in Afghanistan. Die Gruppe macht seit Jahren mit besonders brutalen Anschlägen von sich reden. Terroristen des IS-K stürmten im vergangenen Jahr die Entbindungsstation eines Krankenhauses in einem schiitischen Viertel von Kabul und töteten 24 Mütter und Neugeborene. Bei einem Anschlag auf eine Mädchenschule in Kabul vor wenigen Monaten starben 85 Kinder. Sowohl der IS-K als auch die Taliban und das Terrornetzwerk Al-Kaida sind radikalsunnitische Gruppen. Dennoch tobt zwischen ihnen ein erbitterter Machtkampf, der sich nun noch verschärfen dürfte.

 

Der IS-K war der erste Ableger des IS außerhalb von Syrien und Irak

Der IS hat seit sechs Jahren einen afghanischen Ableger, der sich an der Grenze zu Pakistan bildete und zunächst vor allem aus Kämpfern der pakistanischen Taliban bestand, die sich von der Organisation losgesagt hatten. Die neue Gruppe wurde 2015 vom IS als Vertretung in „Khorasan“ – eine alte Bezeichnung für das Gebiet der heutigen Staaten Iran, Afghanistan und Pakistan – anerkannt. Der IS-K war der erste Ableger des IS außerhalb von Syrien und Irak und signalisierte die grenzüberschreitenden Ansprüche der Islamisten.

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Schon bald folgten erste Auseinandersetzungen zwischen dem IS-K und Al-Kaida. Das Terrornetzwerk hatte nach dem Einmarsch der internationalen Truppen in Afghanistan im Jahr 2001 sein Bündnis mit den Taliban erhalten und forderte die neue Organisation nun auf, sich unterzuordnen. Der IS-K lehnte das ab und verlangte seinerseits, die Taliban sollten sich dem IS anschließen. Das Lager der Dschihadisten zersplitterte damit weiter.

Die Gräben zwischen den beiden Lagern sind tief

Der Konflikt zwischen dem Islamischen Staat und Al-Kaida hat eine lange Geschichte: Die IS-Vorläuferorganisation im Irak wurde im Jahr 2004 als Zweig von Al-Kaida gegründet, überwarf sich aber schon bald mit der Kaida-Führung, die von den Taliban unterstützt wird. Jetzt stehen sich beide Seiten in Afghanistan als Feinde gegenüber.

Die Gräben zwischen den beiden Lagern sind tief. Obwohl der IS nach seiner Niederlage in Syrien und im Irak vor zwei Jahren stark geschwächt ist, beansprucht er die Führung bei den Dschihadisten. Der IS-K betrachtet die Taliban als afghanische Nationalisten und als unislamisch, weil sie mit den USA verhandeln. Dagegen verurteilen die Taliban Anschläge wie die vom Donnerstag in Kabul, bei denen fast 30 Taliban-Mitglieder getötet wurden.

Mit besonders brutalen Anschlägen will der IS-K Kämpfer für sich gewinnen

Strategisch setzt Al-Kaida nach Einschätzung des Nahostexperten Daniel Byman von der US-Denkfabrik Brookings Institution auf den Kampf gegen die USA, um Amerika zum Abzug aus dem Nahen Osten zu zwingen und so eine islamistische Machtübernahme in Ländern wie in Saudi-Arabien zu ermöglichen. Der IS will dagegen zunächst den Muslimen seine radikalen Vorstellungen aufzwingen und hat globale Ambitionen – deshalb sieht er in muslimischen Zivilisten, die er als Ungläubige definiert, ebenso legitime Ziele wie in amerikanischen Soldaten.

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Mit besonders brutalen Anschlägen will der IS-K neue Kämpfer für sich gewinnen. Laut einem UN-Bericht sind in jüngster Zeit bis zu 10 000 Dschihadisten aus Nachbarstaaten nach Afghanistan gekommen, von denen sich einige dem IS-K angeschlossen haben könnten. Afghanistan sei zum „Las Vegas für Terroristen“ geworden, sagte der afghanische Sicherheitsexperte Ali Mohammad Ali der „New York Times“. Der IS-K sucht dringend neue Mitglieder, denn die Gruppe wurde in den vergangenen Jahren nicht nur von den internationalen Truppen in Afghanistan bekämpft, sondern auch von den Taliban und Al-Kaida. Mehrere Tausend Mitglieder von IS-K sollen dabei umgekommen sein. Die USA töteten zudem mehrere Anführer des IS-K. Der derzeitige Chef, Schahab al-Muhadschir, ist laut Medienberichten ein Araber aus dem Nahen Osten.

Die Gruppe könnte offensiver werden

Nach dem Kabuler Anschlag töteten die USA nach eigenen Angaben mit einer Kampfdrohne einen IS-K-Anführer, der Gewalttaten geplant haben soll. Der Beschuss aus einer US-Drohne auf ein Fahrzeug mit einem mutmaßlichen Selbstmordattentäter des IS-K am Wochenende vereitelte demnach zudem einen zweiten Anschlag am Flughafen von Kabul.

Drohnenangriffe dürften auch nach dem Abzug der US-Luftwaffe aus Afghanistan weitergehen, werden den IS-K aber alleine nicht in Schach halten können: Der Rückzug der internationalen Truppen reduziert den Druck auf den IS-K. Die Gruppe könnte deshalb wieder offensiver werden, vor allem da sie nach Einschätzung von Experten auf Unterstützer im angrenzenden Pakistan zählen kann. Zudem hofft der IS-K auf Überläufer von den Taliban. Allerdings sprechen die derzeitigen Kräfteverhältnisse klar gegen den IS-K. Die Extremisten haben nach den Rückschlägen der vergangenen Jahre laut den UN nur noch etwa 2000 Kämpfer, dagegen können die Taliban bis zu 100 000 Mann aufbieten.

Anschläge des IS-K könnten das neue Taliban-Regime destabilisieren

Trotzdem dürfte sich der Kampf zwischen den verschiedenen dschihadistischen Gruppen in Afghanistan verschärfen. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres registrierten die UN 77 Gewalttaten des IS-K, wesentlich mehr als die 21 Anschläge im gleichen Zeitraum 2020. Wenn die Taliban das Land erfolgreicher regieren wollen als in ihrer ersten Herrschaftszeit von 1996 bis 2001, werden sie Kompromisse machen müssen, die vom IS-K ausgeschlachtet werden können. Anschläge des IS-K könnten das neue Taliban-Regime destabilisieren. Mit dem Anschlag von Kabul hat nun der Krieg zwischen den Extremisten begonnen.