Noch immer rätseln die Militärs der Nato-Staaten, wie die afghanische Armee, die sie über Jahre ausgebildet und ausgerüstet haben, so schnell kapitulieren konnte – erste Erkenntnisse und Vermutungen aber gibt es wohl.
Berlin. - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat noch am Montagabend ungläubig festgestellt, dass die vom Westen nach Kräften unterstützte afghanische Armee kaum gekämpft habe um ihr Land, „warum auch immer“. Dabei gibt es erste Erklärungsversuche.
Ein Ende des im Jahr 2001 begonnenen Afghanistan-Einsatzes ist schon seit Jahren in der Diskussion. Schon früh wurde deshalb damit begonnen, Armee und Polizei des Landes so auszubilden und auszustatten, dass diese nach dem Abzug der westlichen Truppen selbst für Schutz und Sicherheit sorgen könnten. So hieß es schon beim Nato-Gipfel 2013, als der Übergang vom westlichen Kampfeinsatz hin zur Ausbildungs- und Unterstützungsmission namens „Resolute Support“ vorbereitet wurde, afghanische Kräfte führten bereits 95 Prozent aller Sicherheitsoperationen aus.
An den Fähigkeiten lag es nicht
Die Kennziffern waren durchaus bemerkenswert. Eine Truppenstärke von 300 000 Mann wurde gemeldet – US-Präsident Joe Biden wies am Montag darauf hin, dass Afghanistans Armee vor ihrem Zusammenbruch über mehr Soldaten verfügte als mancher etablierte Nato-Verbündete: „Wir haben ihre Gehälter bezahlt“, ergänzte er – schließlich war auch den westlichen Militärs die Gefahr bewusst, dass schlecht versorgte Kämpfer von der Fahne gehen könnten. Auch über den Abzug hinaus, bis 2024, sollte daher Geld fließen. Für neue Ausrüstung und Technik wurde bereits 2007 ein Fonds eingerichtet, in den insgesamt 3,2 Milliarden Dollar flossen, 766 Millionen davon aus Deutschland. Darüber hinaus wurde Afghanistan mit Kampfjets ausgestattet, die die Lufthoheit gegenüber den Taliban garantieren sollten.
Es fehlt nicht an Kampferfahrung
An der nötigen Kampferfahrung fehlte es nicht, auch die Kampfbereitschaft ließ viele Jahre nicht zu wünschen übrig, die internationale Unterstützungsmission namens ISAF war schließlich seit 2015 nur noch unterstützend tätig. Entsprechend hoch war der Blutzoll: Während rund 3500 Soldaten der Koalitionstruppen beim Einsatz in Afghanistan starben, waren es bei den afghanischen Sicherheitskräften rund 66 000.
Aus dem Bundesverteidigungsministerium ist zu hören, dass auch nach vielen Jahren am Hindukusch unterschätzt worden sein könnte, wie stark die Taliban gerade in der schwer zugänglichen Provinz lokal verankert sind. Der Afghanistan-Kenner Anatol Lieven schrieb am Dienstag auf dem Netzportal „Politico“, dass der Westen die langjährige Praxis lokaler Waffenstillstandsabkommen rivalisierender Gruppen nicht verstanden oder ignoriert habe: „Charakteristisch für Afghanistan in den vergangenen Wochen waren nicht Kampf-, sondern Verhandlungen zwischen den Taliban und afghanischen Streitkräften – manchmal moderiert von Stammesältesten vor Ort.“ Auch die „Washington Post“ berichtete am Sonntag von einer „atemberaubenden Serie von ausverhandelten Kapitulationen“.
Wie groß war die Armee wirklich?
Ein Pentagon-Sprecher wies darauf hin, dass die afghanische Luftwaffe in den zurückliegenden Wochen „doppelt so viele Einsätze geflogen hat wie die US Airforce“. Ein Hinweis darauf, dass das Land nicht völlig kampflos aufgegeben wurde. Noch vor gut einer Woche rühmte sich ein Regierungssprecher in Kabul, die eigenen Sicherheitskräfte hätten den Taliban in der Provinz Helmand sowie in Kandahar „große Verluste“ zugefügt und wieder die Oberhand auf den Straßen deren traditioneller Hochburgen. Trotz zwischenzeitlicher Erfolge wurde jedoch schnell klar, dass sich nicht 300 000 Mann den Taliban entgegengestellt haben, deren Stärke auf lediglich 80 000 Kämpfer geschätzt wird. Ein Teil der afghanischen „Armee“ könnte tatsächlich nie existiert haben, weil das Geld dafür stattdessen in korrupte Regierungskanäle floss.
Geschwächte Kampfmoral
Als entscheidend gilt vielen Militärexperten inzwischen der Kollaps der Kampfmoral. Zum einen mussten nach Erkenntnissen der Bundeswehr immer wieder Kommandeure ausgetauscht werden – die Loyalitäten gegenüber den neuen Befehlshabern waren deutlich schwächer als zuvor. Während der Kämpfe um Mazar-i-Sharif setzten sich zudem zwei Kommandeure direkt nach Usbekistan ab, ebenso schlecht für die Kampfmoral wie die teils mangelnde Verpflegung, über die es Berichte gibt. Aus welchen Gründen Vorgesetzte das Weite suchten, ist noch unklar. Allerdings gibt es Berichte, dass die Taliban nach der Sicherung vieler ländlicher Regionen in den größeren Städten gezielt führende Militärs mit der Gewaltandrohung gegen Familien erpresst haben, diese aber keine Rückendeckung des Staates oder der inzwischen abgezogenen Koalitionstruppen mehr erwarteten. Als bekannt wurde, dass führende Regierungsmitglieder und zuletzt der Präsident das Land verlassen hatten, muss die Kampfbereitschaft endgültig in sich zusammengebrochen sein.