Die AfD im Land wollte Björn Höcke nicht als Wahlkampfhelfer. Der Reutlinger Kreisverband schon. Höcke wird in der Halle gefeiert, und davor verteufelt.
Es gibt in fast jeder Familie irgend einen Onkel, auf den einige beim Familienfest ganz gut verzichten können. Björn Höcke ist so ein Onkel bei der AfD. Der Thüringer Landes- und Fraktionschef gehört zu den Vertretern seiner Partei, die immer wieder Stoff dafür bieten, dass der Verfassungsschutz nicht nur ein Auge auf die AfD wirft. In Thüringen gilt der Landesverband als rechtsextrem, sein Vorsitzender ohnehin. Und weil die AfD in Baden-Württemberg in diesem Landtagswahlkampf sehr viel konzilianter auftritt, weil um konservative CDU-Wähler gebuhlt wird, diese aber nicht verschreckt werden sollen, ist Björn Höcke nie offiziell als Wahlkampfhelfer angefragt worden. Der hiesige Spitzenkandidat Markus Frohnmaier hat sogar einen bereits angekündigten Auftritt abgesagt. Nun kam Höcke doch, dann halt ohne Frohnmaier.
Viele AfD-Gegner vor, viele Fans in der Halle in Reutlingen
Der ungeliebte Onkel hat oft auch eine erkleckliche Anzahl an Fans. In diesem Fall waren das rund 700 Menschen, die der Einladung des Reutlinger Kreisverbandes gefolgt sind. Der hatte Höcke am Samstagabend geladen. Und dort wurde der Politiker, der wie kein Zweiter das Zeug dazu hat, die Massen zu polarisieren, gebührend empfangen. Lautstark, von rund 4000 Gegendemonstranten vor der Halle, und nicht minder lautstark von den eigenen Unterstützern innen. Er habe auch Alice Weidel und den sachsen-anhaltinischen AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund angefragt, sagt der örtliche Kandidat Maximilian Gerner. Die hätten keine Zeit gehabt, Höcke schon.
Björn Höcke ist ein verurteilter Straftäter. Zwei Mal, im Mai und im Juli 2024 hat ihn das Landgericht Halle für schuldig befunden, weil er die SA-Parole „alles für Deutschland“ verwendet hat. Der Bundesgerichtshof hat inzwischen beide Urteile bestätigt. Überwunden scheint Höcke die Urteile und die rund 30 000 Euro Geldstrafe noch nicht zu haben. „Einordnen“, will er das ganze in Reutlingen, und erklärt, dass er immer ein rechtstreuer Bürger gewesen sei, der „nie Steuern hinterzogen und nie meine Frau geschlagen hat“. Er spricht von einem „politischen Prozess“, davon, dass der einschlägige Straftatbestand juristisch fragwürdig sei und die entsprechende Formulierung keine Erfindung der Nazis. Ersteres sehen auch manche Juristen so, die der AfD nicht nahe stehen. Zweiteres war schon die erfolglose Strategie vor Gericht. Höcke glaubt wahrscheinlich was er sagt, wenn er erklärt, verurteilt worden zu sein, weil er alle Kraft dem deutschen Volke zu widmen versprochen habe. Die „Nazi-Keule“, die immer wieder gegen ihn geschwungen werde, sei ihm ohnehin egal, sagt er. „Die Nazis haben sich gewaschen, ich werde nicht auf das Waschen verzichten. Die Nazis haben deutsch gesprochen, ich werde weiterhin deutsch sprechen“.
Das Lieblingswort von Höcke in Reutlingen heißt „Kartellparteien“
Höcke, der ehemalige Lehrer, ist sich der Wirkung von Sprache bewusst. Er nutzt das regelmäßig. Eine seiner Lieblingsvokabeln, die er im Thüringer Landtag ebenso häufig verwendet wie in der Reutlinger Wittumhalle, ist das der „Kartellparteien“. Die seien verantwortlich für den Niedergang Deutschlands. „Zu dem Kartell gibt es nur eine Alternative“, sagt Höcke. Wer möchte, dass Baden-Württemberg lebt, der müsse AfD wählen. Die Halle bebt bei den „Höcke, Höcke“-Rufen.
Den Vorwurf, die AfD gefährde die Demokratie durch die Verachtung staatlicher Institutionen und einen völkischen Nationalismus, dreht Höcke in das Gegenteil. „Demokratien werden von den Machthabern bedroht“, der „real existierende Regierungsextremismus“ bedrohe unser Land. Die „Kartellparteien“ hätten in der Corona-Zeit eine Diktatur etabliert gehabt, würden ein funktionierendes Energiesystem zerstören und seien für die Migrationskrise verantwortlich, die es zwar in Deutschland, nicht aber in Polen gebe. „Völkermord“, sagt Höcke.
Ausführungen über das neue Volk von Höcke in Reutlingen
Es sind wahrscheinlich gerade diese Töne, die die wahlkämpfende Landes-AfD nicht laut in die Welt transportiert haben wollte. Die Staatsbürgerschaft werde „verramscht“, doziert Höcke, 300 000 Menschen seien 2024 deutsch geworden, im vergangenen Jahr noch mehr. „Die Kartellparteien schaffen sich ein neues Volk“, lautet die Schlussfolgerung. Das kommt an im Saal, ebenso der Satz, dass „unser Volk über Jahrzehnte einer Charakterwäsche unterzogen wurde“. Es sei der „historische Auftrag“ der AfD, wieder „Patrioten in die hohen Staatsämter zu bringen“.
Dort sieht Höcke derzeit Politiker, die in „transatlantischen Beziehungen bestrahlt“ worden seien. Deutschland sei fremdbestimmt, Merz vom Finanzdienstleister Black Rock, Annalena Baerbock von einer Bunten-Agenda. 500 Millionen Euro Steuergeld fließen laut Höcke in die so genannte bunte Zivilgesellschaft, diejenigen, die während der Rede draußen demonstrieren. Das werde man ändern, so wie den Verfassungsschutz und das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Und die deutschen Autobahntoiletten. „Wer die mit offenen Augen in den Blick nimmt, der weiß, wie der Zustand Deutschlands ist“, sagt Höcke.