Beim „Bürgerdialog“ in der Stadthalle lassen Redner kein gutes Haar an sämtlichen Politikern der anderen Parteien
„Bürgerdialog“ hört sich nett an. Etwa 300 Besucher kamen am Samstag zu einer AfD-Veranstaltung unter diesem Motto in der Stadthalle zusammen.
Statt Dialog gab es aber vor allem Reden von der Bühne herab, die von hoher Aggression auf das bestehende Parteiensystem geprägt waren und wo es für besonders harte Aussagen besonderen Beifall gab.
Eines zog sich an diesem Abend durch: Die aktuelle Lage in Deutschland wurde in apokalyptischen Bildern gezeichnet. Zunächst erklärte ein Werbefilm, dass in Deutschland „nichts mehr funktioniert“ und die AfD die einzige Rettung sei. Selbst die CDU gilt als „Heuchler“, gehofft wird darauf, dass die AfD stärkste politische Kraft in Deutschland wird, und als Endergebnis sieht der AfD-Landtagsabgeordnete Joachim Steyer „Alice Weidel als künftige Bundeskanzlerin.
„Sandalen tragende Körnerfresser“
Als erster Redner der auf der Bühne wie in einer Talk-Show auf Sofas und Sesseln platzierten AfD-Politiker gab Steyer den Ton vor, indem er politische Gegner schon mal als „Sandalen tragende Körnerfresser“ titulierte und sämtliche politische Gruppierungen außerhalb der AfD als „Einheitspartei“ einstufte. Sie alle seien verantwortlich, dass „Deutschland auf dem Sterbebett“ liege. Nur die AfD könne das Land „aus dem Tal des Todes“ führen.
Lob für US-Vizepräsident Vance wegen Kritik an Deutschland
Der AfD-EU-Abgeordnete Markus Buchheit lobte US-Außenminister JD Vance für seine Kritik an angeblichen Demokratiemängeln in Deutschland, die sich darauf bezog, dass hier niemand mit der AfD zusammenarbeiten möchte.
Deutschland sieht er von Denk- und Sprechverboten geprägt. Den EU-Institutionen in Brüssel warf er nicht nur überbordenden Bürokratismus vor, sondern er bezeichnete sie als „Deep State“ – ein Begriff, den US-Verschwörungstheoretiker gerne benutzen – sowie als Auswuchs von Unfreiheit und Totalitarismus.
Hans-Peter Hörner sieht Klimawandel als „etwas ganz normales“ an
Hans-Peter Hörner, Kreisrat und Landtagsabgeordneter der AfD, nutzte seine Rede dazu, den Leuten im Saal die Angst vor dem Klimawandel zu nehmen. Der sei „etwas ganz normales“, an das man sich eben anpassen müsse. Dass durch das Verbrennen fossiler Energie CO₂ erzeugt wird und sich in der Atmosphäre anreichert, könne gar kein Problem sein, denn CO₂ sei ja kein Gift sondern „das ist Luft“ und etwas, was Pflanzen als Nahrung bräuchten. Windräder dagegen erzeugten Infraschall, der in der Medizin zur Behandlung neurologischer Erkrankungen nutze.
Daniel Winkler ist überzeugt, dass die Deutschen „indoktriniert“ sind
Daniel Winkler, aktueller AfD-Bundestagskandidat im Wahlkreis, setzte einen Schwerpunkt vor allem bei der Meinungsfreiheit, die er durch eine angeblich mit Milliardenbeträgen gesponsorte Woke-Bewegung gefährdet sieht.
Die Bevölkerung sei durch die aktuelle Medienlandschaft „indoktriniert“ und müsse endlich wieder „neutral“ informiert werden, bevor man sie dann in einer Volksabstimmung über die Zuwanderung abstimmen lassen solle.
Die aktuelle Entwicklung nach der Wahl Trumps gefällt ihm, „der Wind hat sich gedreht“, hielt er fest. Seine Hoffnung: Es werde „am Ende wieder alles so normal sein wie früher“.
Alles soll so normal werden wie es früher einmal war
Dass der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hess den Rednerreigen abschloss, war sicher kein Zufall. Auf ihn hatte das Publikum gewartet, er gilt als Garant extrem markiger Zuspitzungen, für die es dann auch immer starken Beifall gab. Am Ende erhoben sich die Zuhörer klatschend und jubelnd.
Martin Hess hält Vortrag im Zustand „gesteigerter Form der Wut“
Hess, ein kräftig gebauter Mann mit lauter Stimme, der frei auf der Bühne herumlaufend redet, vom eigentlichen Beruf her Polizist ist, begann gleich damit, dass er „eine gesteigerte Form der Wut“ spüre. Und der ließ er in seiner hochemotional geführten Rede freien Lauf.
Er begann mit dem Anschlag von München, zählte die weiteren Attentate auf öffentliche Veranstaltungen in den vergangenen Monaten auf, sah dann aber angesichts migrantisch geprägter Gewaltgefahr bereits einen Freibadbesuch als hochgefährliche Mutprobe an.
„Migration ist die Mutter allen Übels“
Die Verantwortlichen sieht er in all den Politikern, die je an der Regierung sind oder waren und die in Bezug auf „illegale Migration“ untätig seien. „Niedertracht“ und „charakterliche Verkommenheit„ warf er ihnen vor, wurde für den Satz „Migration ist die Mutter allen Übels“ bejubelt, erklärte aber auch, „gut integrierte Ausländer sind ein Gewinn für Deutschland“.
Die CDU kette sich durch ihren Brandmauer-Grundsatz für eine künftige Regierung an Koalitionen mit SPD und Grünen, hielt er fest. Und diese würden zuverlässig verhindern, dass sich bei Einwanderungsfragen etwas ändere.
Eine Fragerunde schloss sich an, aber angesichts der extrem emotional aufgeladenen Redebeiträge über zwei Stunden hinweg zuvor, fiel das Aufmerksamkeitslevel im Saal schnell ab.