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Ärztliche Versorgung Neubürger sucht in Nagold vergeblich einen Hausarzt

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Hausärzte im Kreis sind ziemlich ausgelastet – für Hinzugezogene ist es da nicht immer leicht einen zu finden. Foto: Thomas Söllner – stock.adobe.com

Nagold ist ein gefragter Wohnort. Doch wie sieht es mit der ärztlichen Versorgung aus? Mit dem Umzug steht oft auch die Suche nach neuen Ärzten an. Der Neu-Nagolder Jörg Grigoleit sucht noch immer nach einem neuen Hausarzt. Mehr zu diesem Thema lesen Sie in unserem (SB+)Bericht.

Nagold - Jörg Grigoleit ist vor zweieinhalb Jahren nach Nagold-Schietingen gezogen. Zuvor lebte der Rheinländer einige Jahre in Böblingen. Dort einen Haus- oder Zahnarzt zu finden war nicht schwer, sagt er. In der Nagolder Umgebung sieht das allerdings anders aus.

"Wir sind ausgelastet, wir nehmen keine neuen Patienten auf", so die Antwort die Grigoleit damals nach seinem Umzug erhalten hat und heute, bei seinem zweiten Versuch einen Arzt zu finden, wieder erhält. Er habe in Nagold und Umgebung so gut wie alle Zahn- und Hausärzte angerufen. "Eine ärztliche Versorgung für zugezogene Menschen ist in Nagold nur bei Notfällen gewährleistet", sagt er. Vorsorgeuntersuchungen oder Routinebehandlungen gebe es für Leute wie ihn hingegen nicht. Er wäre auch bereit ein paar Monate auf einen Termin zu warten, doch diese Wahl sei ihm nicht gelassen worden.

90 Kilometer für einen Termin

Grigoleit fährt daher weiterhin zu seinen Ärzten nach Böblingen. Der 59-Jährige ist selbstständiger IT-Berater und ist beruflich "sehr gut ausgelastet". Seine Arztbesuche muss er daher im Vorfeld gründlich planen. Für einen Termin muss er insgesamt 90 Kilometer zurücklegen.

"Nagold ist eine hübsche, kleine Stadt mit Flair", sagt Grigoleit. Er fühle sich wohl hier. "Da ist es doch auch ganz normal, dass man seine Ärzte auch in seiner Heimat sucht, oder?" Angesichts der neu entstehenden Wohngebiete, dürften bald noch weitere Personen von diesem Problem betroffen sein, vermutet er.

Eine Begründung, warum die Nagolder Ärzte so ausgelastet seien hat Grigoleit nicht bekommen. Da er vor zweieinhalb Jahren bereits abgewiesen wurde, denkt er nicht, dass das Problem an der Pandemie liege. Er stellt klar: "Ich habe nichts gegen Ärzte. Ich ziehe meinen Hut vor allen Ärzten, Krankenschwestern und dem Pflegepersonal, die an der Front gegen Corona helfen und einen absolut grandiosen Job machen." Doch die Nagolder Ärzte scheinen nicht so belastbar zu sein, wie ihre Kollegen in Böblingen, vermutet er.

Dass Grigoleit heute, wie schon vor zweieinhalb Jahren, keinen Hausarzt finden kann, verwundert auch Karl Köllhofer, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. "Ich halte das für eine Ausnahme", sagt er. Zugezogene Personen, die keinen Hausarzt in der Nähe ihres neuen Wohnorts haben, würden in der Regel von den Kollegen im Kreis als Patienten aufgenommen werden. Die Begründung der Ärzte, dass sie überlastet seien, klinge jedoch plausibel. Es sei mit die einzige Begründung, die juristisch akzeptiert werde. Und die Ärzte im Kreis seien auch tatsächlich "hoch ausgelastet", sagt Köllhofer.

Das ist mitunter auch auf die Pandemie zurückzuführen. Die Arbeit laufe derzeit "wie mit Sand im Getriebe". Bei Patienten mit Husten, Halsweh, Fieber und anderen Infektanzeichen, müssen Sondersprechstunden eingerichtet werden, für die der Aufwand groß ist, unter anderem weil Schutzkleidung vorbereitet und getragen werden muss. Er selbst mache beispielsweise auch Abstriche für Corona-Tests in Pflegeheimen und kann in dieser Zeit keine Patienten betreuen.

"Dieses Problem gibt es bereits seit Jahren"

Dass Hausärzte im Kreis ausgelastet sind, ist allerdings nichts Neues. "Dieses Problem gibt es bereits seit Jahren", so Köllhofer. Es gibt einen Mangel an Hausärzten. Es gehen mehr in den Ruhestand, als derzeit nachkommen. Und die Ärzte, die nachkommen, arbeiten weniger. "Die jüngere Generation hat das berechtigte Bedürfnis, sich nicht abzuarbeiten. Das Stichwort lautet Work-Life-Balance." Damit gemeint ist die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. Junge Ärzte bevorzugen heutzutage ein Angestelltenverhältnis mit einer 40-Stunden-Woche. Um mehr Zeit für ihre Familie zu haben, wollen manche auch in Teilzeit arbeiten. Bei den "altgedienten", selbstständigen Ärzten waren 60-Stunden-Wochen hingegen nichts Unübliches.

Köllhofer betrachtet den Rückgang der Arbeitszeiten als positive Entwicklung, die allerdings einen negativen Nebeneffekt hat. Wenn ein selbstständiger Arzt in Ruhestand geht, braucht es mehr Ärzte, um die Lücke zu füllen. Und gerade im ländlichen Bereich sei es schwer, Nachfolger zu finden. Doch die Aussichten seien nicht schlecht, meint Köllhofer. "Allgemeinmedizin ist an den Universitäten nicht mehr das Stiefkind." Lehrstühle an den Universitäten sind keine Seltenheit mehr und der Ärzte-Nachwuchs zeigt auch vermehrt Interesse. Viele wollen Facharzt für Allgemeinmedizin werden. "Es wird aber noch ein paar Jahre dauern, bis sich die Auswirkungen davon zeigen und sich die Lage verbessert."

Der Landkreis Calw versucht das Problem mit einem Stipendienprogramm, das 2015 gestartet wurde, anzugehen. Aktuell gibt es 16 Stipendiaten. Zwei davon sind in Facharztweiterbildung und 14 im Studium. Es werde noch Jahre dauern, bis die Maßnahme Wirkung zeige, so das Landratsamt.

Bei Zahnärzten kann eine Überbelastung ebenfalls ein Grund sein, weshalb die Behandlung eines Patienten abgelehnt wird, wie die Kassenzahnärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KZVBW) erklärt. Zahnarztpraxen müssten sich aufgrund der Pandemie mit "zeitintensiven organisatorischen Zusatzmaßnahmen" beschäftigen.

Eigentlich kein Mangel an Zahnärzten

Generell ist "festzustellen, dass wertvolle Arbeitszeit durch die Bewältigung ausufernder Bürokratisierung verloren geht." Das sei ein Grund für die nachlassende Bereitschaft, eine eigene Praxis zu gründen. Doch anders als bei den Hausärzten gebe es in Nagold keinen Mangel an Zahnärzten. Pro Einwohner gebe es hier sogar mehr Zahnärzte als in Böblingen, so die KZVBW. "Insofern sind die geschilderten Probleme des Patienten auf den ersten Blick nicht nachzuvollziehen."

Grigoleit lässt sich vorerst weiter von seinen Ärzten in Böblingen behandeln: "Mir persönlich wird wohl nichts anderes bleiben und über 100 Kilometer für eine Zahnreinigung oder einen ganz normalen Checkup zu fahren."

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg erklärt, was Patienten tun können, die nach dem Umzug keinen neuen Hausarzt finden: "Sie müssen entweder ihren Suchkreis erweitern oder sich an die 116117 wenden. Dort werden auch Termine bei Hausärzten vermittelt." Wer keinen Zahnarzt findet, kann sich mit seinem Anliegen unter Telefon 0621/380000 an die zuständige Bezirksdirektion der KZVBW wenden.

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