Michael Wallmeierhat eine Nachfolgelösung für seine HNO-Praxis gefunden: Seine Tochter Vera übernimmt diese zum 1. April.
Es bleibt in der Familie: Dieser Satz ist nicht immer positiv konnotiert. Im Falle der HNO-Praxis von Michael Wallmeier in Balingen ist er es aber – alle Parteien dürften profitieren. Zum 1. April geht der Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in den wohlverdienten Ruhestand. Für ihn übernimmt Tochter Vera Wallmeier. Wir haben beide Mediziner rund vier Wochen vor dem Wechsel in der Praxis getroffen.
Vater und Tochter sitzen gut gelaunt in einem der Behandlungszimmer. In knapp einem Monat übergibt Michael Wallmeier die Praxisschlüssel an seine Tochter Vera. Völlig von der Bildfläche wird er aber nicht verschwinden. „Mein Vater arbeitet sechs Monate lang weiter als sogenannter Sicherstellungsassistent“, erklärt die 39-jährige Fachärztin. Das dient einer reibungslosen Übergabe.
Und auch danach bietet der 68-jährige Vater an, als mögliche Vertretung auszuhelfen. „Das wird meine Tochter entscheiden. Ich bin auf jeden Fall richtig froh und stolz, dass die Praxis auf diesem Wege weitergeführt wird“, so Michael Wallmeier.
Aufwand und Arbeit gespart
Zudem hat diese Lösung dem angehenden Ruheständler eine Menge Aufwand und Arbeit erspart. Steht nämlich keine Nachfolgelösung auf der Matte, muss eine gefunden werden. Und das ist heutzutage gar nicht so einfach. Praxen werden derzeit eher geschlossen und sprießen nicht aus der Erde.
Tochter Vera freut sich auf die neue Aufgabe: „Es ist ein schönes Gefühl, das Lebenswerk meines Vaters fortführen zu dürfen. Er hat diese Praxis vor 33 Jahren aus dem Nichts aufgebaut, und nun darf ich dieses Werk fortführen“, so Vera Wallmeier.
Die perfekte Lösung also für Vater und Tochter – und für die Patienten. Michael Wallmeier betont: „Es ändert sich sonst rein gar nichts. Die Strukturen, das Angebot und die medizinischen Fachangestellten bleiben genau so erhalten wie bisher.“ Rund um Ostern wird die Praxis aber für eine Woche geschlossen sein, sodass die Technik EDV-relevante Umstellungen vornehmen kann.
Erfahrung in Tübingen
Einige Patienten kennt die künftige Praxisärztin bereits aus ihrem bisherigen Job. Bislang war sie als HNO-Ärztin an der Uniklinik in Tübingen beschäftigt. Hin und wieder kam es vor, dass Patienten aus der Praxis in Balingen zur Uniklinik überstellt wurden und dann bei Vera Wallmeier auf dem Patientenstuhl Platz nahmen. Beim Blick auf den beruflichen Werdegang beider Mediziner wird klar, dass die Übergabe in dieser Form fast schon Formsache ist. Zu deutlich sind die Parallelen und Überschneidungen der beiden: Studium in Tübingen, die berufliche Station in Stuttgart im Katharinenhospital und das Liebäugeln zu Beginn der jeweiligen Laufbahn mit dem Fachbereich der Anästhesie.
So absolvierte die 39-Jährige vor dem Medizinstudium die Ausbildung zur Anästhesiepflege. „Erst während des Studiums kam der Kurswechsel in den Bereich HNO.“ Nach dem Klinikalltag folgt nun die Umstellung zur Arbeit in der Praxis. Diese Umstellung bringt laut Vera Wallmeier neue Herausforderungen mit sich, aber auch viele Vorteile.
Der Ton, etwa im HNO-Notdienst sei teilweise sehr rau gewesen, meint die Ärztin. „Manche Patienten kommen mit der Erwartung, dass ihnen sofort geholfen wird und sie nach fünf Minuten wieder gehen können.“
An der Praxisarbeit schätzt die Medizinerin vor allem, „dass ich Patienten über einen längeren Weg begleiten kann. In der Uniklinik wird so ein Arzt-Patienten-Verhältnis nicht wirklich aufgebaut“. Allerdings steige nun auch der bürokratische Aufwand sowie datenschutzrechtliche Pflichten. „In der Klinik hatte ich damit viel weniger zu tun.“
Stichwort Bürokratie: Die Budgetierung im Gesundheitswesen Anfang der 90er-Jahre sowie die vor Jahren eingeführte und wieder abgeschaffte Praxisgebühr in Höhe von zehn Euro waren die zwei Aspekte, denen Michael Wallmeier keine Träne hinterher weint.
„Das waren Entscheidungen, die wir nicht beeinflussen konnten und einfach mittragen mussten“, so der 68-Jährige, der ansonsten auf 33 erfüllende Jahre zurückblickt und nun mit Freude seiner Tochter dabei zusehen darf, wie sie die Praxis in die Zukunft führt.