Der Ärztemangel trifft den Kreis Rottweil bereits seit vielen Jahren hart. Vor allem Haus- und Kinderärzte werden dringend benötigt. Gesundheitsamtsleiter Heinz-Joachim Adam hat jetzt eine gute und eine schlechte Nachricht.
Der Mangel ist eklatant: 22 Hausärzte fehlen im Mittelbereich Rottweil – die Versorgungsquote liegt damit bei unter 75 Prozent. Das definiert auch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) als Unterversorgung. Auf den gesamten Landkreis gesehen fehlen außerdem vier Kinderärzte. Die Versorgungsquote von 67 Prozent wertet die KVBW in diesem Zusammenhang als „drohende Unterversorgung“.
Dass der Mangel festgestellt wurde, hat als erste Maßnahme zur Folge, dass die KVWB speziell für das Versorgungsgebiet Rottweil den Fördertopf mit Zuschüssen in vollem Umfang für die Pädiatrie und die hausärztliche Versorgung öffnet. Das sei bisher nicht so gewesen, und dafür sei man sehr dankbar, berichtete der Rottweiler Gesundheitsamtsleiter Heinz-Joachim Adam dem Verwaltungsausschuss des Kreistags.
Bis zu 80 000 Euro für MVZ
Das bedeutet, dass für die Gründung eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) oder einer Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) bis zu 80 000 Euro winken, für eine Praxiserweiterung bis zu 40 000 Euro pro neuer Arzt und allein für die Anstellung eines Arztes 36 000 Euro (1500 Euro monatlich für zwei Jahre).
Zwei Praxen wollen Angebot erweitern
Noch erfreulicher sei, dass zwei Praxen bei einem „Forum Pädiatrie“ der Stadt Rottweil im März angekündigt hatten, ein pädiatrisches Angebot bei sich aufnehmen zu wollen.
Dabei handelt es sich um eine Praxis im Versorgungsbereich Schramberg, die bereits nach Allgemeinmedizinern, Kinderärzten, Gynäkologen und mehr sucht, und um die Chirurgische Praxisklinik Rottweil, in der bereits rund 50 Mitarbeiter tätig sind, und die unter anderem Fachärzte für Allgemeinmedizin ausbilden kann.
„Das bedeutet: Wir haben de facto zwei MVZ – pädiatrisch beziehungsweise fachübergreifend“, meinte Adam.
Fachärzte fehlen
Bei all den guten Nachrichten ist die schlechte jedoch eine ganz entscheidende und ernüchternde: Es fehlt nach wie vor an entsprechenden Fachärzten. Und um die zu finden, könnte ruhig noch mehr getan werden, ließ Adam im Ausschuss durchblicken.
Er erinnerte daran, dass für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung ausschließlich die KVBW zuständig sei, die allerdings gelegentlich „sehr zögerlich“ reagiere und gegebenenfalls manches Mal abwarte, „ob die Kommunen einspringen“.
Man habe die KVBW in jüngster Zeit bereits mehrfach angeschrieben und um eine Mitteilung dazu gebeten, was sie unternehme, um für die zwei Praxen Fachärzte zu gewinnen.
Eine Anzeige allein reicht nicht
Eine Anzeige im Ärzteblatt oder auf der Homepage der KVBW reiche nicht, so Adam. Er brachte eine Kampagne auf den sozialen Medien ins Spiel, die natürlich mit Kosten verbunden sei. Der Kreis will hierzu die KVBW ins Boot holen.
Ein im Kreis Rottweil niedergelassener Arzt verfolge derweil die innovative Idee, seine Praxis und die Gemeinde per Drohnenflug-Video vorzustellen und so dafür zu werben.
Ärzteportal wird aufgebaut
Ähnliches wolle man über ein Ärzteportal versuchen. Für den Aufbau eines solchen sei man unter anderem mit anderen Landkreisen im Austausch.
Worauf man dort ebenfalls den Fokus legen will: die Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Mediziner aus Nicht-EU-Ländern würden dabei „aus unserer Sicht von der KV alleingelassen“, so Adam. Unterschiede zwischen Approbation, eingeschränkter Berufserlaubnis, Gleichwertigkeitsprüfung, Kenntnisprüfung und so weiter würden sich schlichtweg nicht jedem erschließen.
Der Kreis arbeite bei diesem Thema eng mit der Anerkennungsberatung Baden-Württemberg, der Freiburg International Academy, zusammen und stehe auch mit der Kreisärzteschaft und der Bezirksärztekammer in Kontakt.
Genossenschaftliches Modell?
Weiter aktiv sei der Landkreis auch bei der Verbundweiterbildung Allgemeinmedizin, einem Zusammenschluss der drei Kliniken im Landkreis mit Fachärzten und der Bezirksärztekammer. Mit dieser will man eine strukturierte und vernetzte Ausbildung junger Mediziner im Landkreis gewährleisten. Im Einzelfall biete man Nicht-Muttersprachlern auch an, Bewerbungen für sie zu schreiben, meinte Adam.
Bei einem Treffen im Juli ist unter anderem die Vorstellung genossenschaftlicher Modelle für Arztpraxen geplant. Bereits seit 2024 sei man diesbezüglich mit einem beratenden Fachbüro in Gesprächen.