Schluss, Aus, vorbei ist das Kassenarzt-Dasein. Der Schwenninger Kinderarzt Stefan Röser hat nach chronischer Überarbeitung und angedrohten Regresszahlungen der KV wegen der Mehrarbeit die Notbremse gezogen. Im Gespräch erzählt er jetzt, wie es ihm nun geht.
Der Fall hat Schwung in die Diskussion um das marode Gesundheitssystem im Schwarzwald-Baar-Kreis gebracht: Im Frühling dieses Jahres kündigte der Schwenninger Kinderarzt Stefan Röser an, seine Kassenzulassung zurückgeben und fortan nicht mehr als Kassenarzt praktizieren zu wollen. Ein Nackenschlag für die ohnehin angeschlagene medizinische Infrastruktur. Kinderärzte waren auch da schon Mangelware. Und nun drohte auch noch einer, den Bettel hinzuwerfen, dessen Türen stets offen waren für jene, die viele Kollegen lieber nicht in ihren Praxen haben wollten: Sozialhilfeempfänger, Flüchtlingsfamilien, Patienten, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und mit komplizierten Formularen und Verfahren ihre liebe Mühe hatten. Röser war Einer für alle, auch für die Armen.
Während sich in sozialen Netzwerken und Elterngruppen Panik breitmachte und Tipps für Ärzte, die noch Kinder aufnehmen, heiß gedealt wurden, kam auch in die Politik Bewegung. Noch nie zuvor war so intensiv, so öffentlich und so flehentlich nach einem neuen Kinderarzt gesucht worden. Aber: ohne Erfolg. Also machte Röser nach dem halbjährigen, gewährten Aufschub wirklich ernst. Seit dem 1. Oktober ist seine Praxis in der Schwenninger Alleenstraße keine kassenärztliche Praxis mehr und werden die Leistungen direkt in Rechnung gestellt. Doch wie geht es dem so sozial eingestellten Mann, den viele nur den „Doc“ nennen, jetzt damit?
Ein schwerer Schritt
Er trägt an diesem Donnerstagmittag wieder eines seiner offenbar geliebten Karo-Hemden. Aber der Mann, der jetzt darin steckt, unterscheidet sich gravierend von dem, der er vor einem halben Jahr war. Stefan Röser lächelt, wie es scheint befreit, und auf die Frage nach seinem Befinden gesteht er ohne Umschweife: „Mir geht es besser, viel besser!“ Und doch wird schnell klar: Der Schritt hin zum Arzt für Privatpatienten und Selbstzahler fiel ihm schwer.
Am 30. September, einem Montag, da musste das Team nochmal alles geben: 120 Kinder strömten in die Praxis, erinnert sich Stefan Röser. Und tags drauf, am 1. Oktober: gerade einmal 30. Was für ein Unterschied. Was für ein Aufatmen. Aber auch: Was für eine Sorge.
Würden alle Patienten irgendwo unterkommen und neue Ärzte finden? Dass Stefan Röser seine „Kundschaft“ nach wie vor am Herzen liegt, wird rasch deutlich: „Ich behandle alle“, stellt er klar.
Aber ja, nun werde eine Rechnung gestellt. Vor allem die Medikamente gingen schnell ins Geld, wenn, dann scheitere es daran – „die haben ihren Preis, Punkt“. Ein kleines Kind, das gegen Tetanus geimpft werde und damit seine erste Standard-Impfung erhalte, koste dabei 150 Euro. „Das treibt mich um“, sagt der Schwenninger Kinderarzt und er weiß: „Es gibt Leute, die haben das Geld nicht – und es gibt keinen, der sie aufnimmt.“
Was unterm Strich bleibt
Die „GOÄ“, die Gebührenordnung für Ärzte, nach der er abrechnen müsse, gebe glücklicherweise ein bisschen Spielraum. Der komplette Praxisapparat müsse sich zudem auch erst noch „eintakten“.
Und was nach einem Praxistag und den gestellten Rechnungen unterm Strich bleibt, wird sich erst noch zeigen. Das alles braucht etwas Zeit, sagt der Doktor. Klar ist: „Es muss sich rechnen.“ Auch zwei Halbtagskräfte, eine 75-Prozent-Kraft und der Azubi wollen bezahlt sein. Er ist zuversichtlich und hält an seinem Team fest: „Diesen Schatz gebe ich jetzt nicht so einfach aus der Hand“, sagt er mit Blick auf seine Mitarbeiter.
Angst, dass die Einnahmen nicht reichen, verspürt Stefan Röser aktuell trotzdem nicht. „Ich habe es sehr viel ruhiger, aber nicht in dem Maße weniger Einnahmen“, erklärt er. Aktuell mache er mit knapp einem Drittel an Arbeit den halben Umsatz von früher.
Und trotz der Sorge um seine kleinen Patienten ist ihm mittlerweile wohler. Endlich könne er ihnen wieder eine Vorsorge zukommen lassen, wie sie Sinn macht, „und nicht, wie es die KV vorgibt“, sagt er beim Gedanken an die Kassenärztliche Vereinigung, deren Vorgehen er so oft als Gängelei und pure Bürokratie empfunden hat. Und auch seinen Mitarbeitern gehe es jetzt besser, ohne die Angst vor dem Ansturm in der kalten Jahreszeit, die sich nach dem Sommer bedrohlich „wie eine schwarze Wand“ vor dem Praxisteam aufgebaut habe.
Was er den Patienten jetzt rät
Die Hoffnung, dass sich im Gesundheitssystem der Region doch noch etwas zum Besseren wendet, gibt der Arzt auch nach 21 Praxisjahren in der Doppelstadt nicht auf. Und sei es, indem seinen Patientenfamilien geholfen wird.
Denen rät er nämlich nach erfolgloser Suche nach einem neuen Arzt und finanzieller Überforderung als potenzieller Selbstzahler: „Geht zu Euren Kassen!“ Die würden die Sache mit den Selbstzahlern nämlich ganz unterschiedlich handhaben – und die eine oder andere erstatte einiges dann schließlich doch.
Vorsorge sei schließlich auch eine Patientenpflicht – und „ich muss mich nicht abspeisen lassen mit Oberndorf oder Freiburg zum Impfen“, findet Röser.