Wäre man im Fußball, dann hätte Günther Hermus, der Vorsitzende des Rottweiler Tierschutzvereins, die rote Karte gezeigt bekommen. Nicht vom Schiedsrichter, sondern von sechs Bürgermeistern und einer Bürgermeisterin der an den Tierschutzverein vertraglich gebundenen Gemeinden.
Diese trafen sich am Mittwochnachmittag zum runden Tisch – ohne Hermus. Wollten einmal der Presse ihre Sicht des schwelenden Streits um die Fundtierpauschale und die exorbitant gestiegenen Kosten des Tierheims darlegen.
Der Vorsitzende des Tierschutzvereins hatte sich in der Vergangenheit mehrfach an unsere Redaktion gewandt, weil das Tierheim in finanziellen Nöten steckt. Er, der in seinen Augen für die gute Sache, nämlich den Tierschutz kämpft, gerät nun aber unter Druck.
Die Bürgermeister, so etwa Ines Gaehn, fühlten sich erpresst. Sie erzählen von E-Mails, in denen Hermus für den Tierschutzverein mal das eine, dann das andere fordere. Immer gehe es um Geld, das nicht ausreiche. 13 Mails sollen es allein in den vergangenen drei Monaten gewesen sein. Die bislang letzte Stufe der Eskalation aus Sicht der Bürgermeister: die von Hermus geforderte Aufhebung des Fundtiervertrags und Neuverhandlungen.
Klartext am runden Tisch Und so solle, so könne es nicht weitergehen. Rottweils Bürgermeisterin Gaehn, ihr Fachbereichsleiter Bernd Pfaff, Dunningens Bürgermeister Peter Schumacher, Deißlingens Bürgermeister Ralf Ulbrich, Dietingens Bürgermeister Felix Hezel, Bösingens Bürgermeister Peter Schuster, Wellendingens Bürgermeister Thomas Albrecht und Villingendorfs Bürgermeister Marcus Türk bezogen im Gespräch mit unserer Redaktion in einer Deutlichkeit Stellung, die so sicherlich nicht an der Tagesordnung ist.
Und sie gehen mit dem Tierschutzvereinsvorsitzenden hart ins Gericht: „Absprachen mit Herrn Hermus haben nur eine kurze Halbwertszeit“ (Peter Schumacher), „Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist so nicht möglich“, (Peter Schuster), „Ein anderer Vertragspartner ist nötig“ (Ralf Ulbrich), „Eine lösungsorientierte Kommunikation sieht anders aus“ (Ines Gaehn).
Ein Scherbenhaufen
Was von der jahrzehntelangen Zusammenarbeit zwischen dem Tierschutzverein Rottweil und den Gemeinden übrig ist, gleicht offenbar einem Scherbenhaufen. Um die Fundtierpauschalen und Kosten, um die es aus Hermus’ Sicht vor allem geht, um die gehe es für die Kommunen schon lange nicht mehr.
Die Liste an Kritikpunkten ist lang und habe letztlich dafür gesorgt, dass keinerlei vertrauensvolle Zusammenarbeit mehr möglich sei. Darunter fällt etwa die Kritik an der Abgabepraxis der Tiere im Tierheim am Eckhof, die auch in unseren Leserbriefen vermehrt angeklungen ist, und die wachsende Zahl der Fundtiere. „Wir haben die höchste Anzahl an Katzen“, kommentiert Schumacher. „Ich frage mich, wo sind da die rechtlichen Grundlagen etwa bei der Vermittlung“, sagt Gaehn
„Man ist geneigt, ins kleinste Detail zu gehen. Und das kann nicht sein“, sagt Schuster, der ein ganzes Paket an Schriftverkehr dabei hat.
Und nun? Wie soll das weitergehen? Ohne Tierschutzverein keine Fundtierversorgung, zu der die Gemeinden aber verpflichtet sind. Ohne Gemeinden keine verlässlichen Einnahmen für das Tierheim.
Um was geht es?
Gaehn sagt: „Ums Geld geht uns ja gar nicht.“ Dass die Kosten des Tierheims in der Vergangenheit gestiegen sind, liege auf der Hand.
Mit den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs, der Inflation und dem neuen Gebührenkatalog der Tierärzte habe das Tierheim zu kämpfen. Ja. Doch ständiges Nachsteuern, ständig neue Forderungen nach mehr Geld – das sei für eine Gemeinde ebenso wie für eine Stadt auf Dauer nicht tragbar.
Der 2021 geschlossene Fundtiervertrag beinhaltet eine jährliche Steigerung der Fundtierpauschale um drei Prozent und gilt bis 2026. Einmalig wurde die Pauschale auf 3,90 Euro erhöht, normalerweise liegt sie bei 3 Euro je Einwohner.
Hinzu kommen Tierarztrechnungen, die von den Vertragspartnern, also den Gemeinden, bezahlt würden. Die Energiekosten des Tierheims würden von der Walter-Jehmüller-Stiftung getragen, erklärt Bernd Pfaff.
Neue Entwicklung Dass trotz dieser vertraglichen Regelungen keine Verlässlichkeit bestehe, zeige auch die neueste Entwicklung. Nachdem der Vorsitzende des Tierschutzvereins von den acht Gemeinden die Aufhebung des Fundtiervertrags gefordert hatte, gegenüber Bürgermeistern Ines Geahn sogar gedroht habe, die Fundkatzen im Rathaus abzuliefern, sei er nun per Mail zurückgerudert.
In der E-Mail, die der Redaktion vorliegt, schreibt Hermus dass er den Fundtiervertrag nun doch einhalten will. Allerdings – und das stößt in der Bürgermeisterrunde abermals auf Unverständnis – zum Nachteil der Mitarbeiter.
Maßnahmen, um die Kosten zu senken, seien unter anderem keine Überstundenzahlungen mehr, keine Weihnachtsgratifikation, keine Inflationsausgleichszahlungen. Da kann Marcus Türk nur mit dem Kopf schütteln.
Dunningen schert aus Dunningen hat übrigens die Aufhebungsvereinbarung unterzeichnet. Für Schumacher ist das Tuch zerschnitten. „Ich möchte mit dem Tierschutzverein in Rottweil nichts mehr zu tun haben. Wir haben eine Alternative gefunden“, sagt er. Man stehe aktuell mit dem Tierschutzverein Schramberg in Verhandlungen und werde – wenn man sich einige – auf jeden Fall wechseln.
Gaehn ist es wichtig, zu betonen, dass es nicht an den Mitarbeitern des Tierheims liege. Ihre Arbeit sei wichtig, werde gesehen. „Auf der Arbeitsebene läuft alles sehr gut und problemlos“, lobt auch Schumacher.
Wie geht es weiter?
„Wir alle haben ein Herz für Tiere“, sagt Schuster. Darum sei ihnen auch daran gelegen, die Zusammenarbeit weiterzuführen. Aber: „Es ist ein anderer Ansprechpartner nötig“, betont Ulbrich. Der Verein müsse sich Gedanken machen. „Ich glaube nicht, dass der Mehrheit der Mitglieder klar ist, wie despektierlich ihr Vorsitzender kommuniziert.“
Ein Weiter so mit Günther Hermus kann es also für die beteiligten Gemeinden nicht geben. Nun liegt der Ball beim Tierschutzverein. Und der hat kommenden Montag seine Mitgliederversammlung.