Eine neue, öffentlich ausgestellte Skulptur erhitzt die Gemüter in Neapel. Was ist da bloß als Neuinterpretation des Kleides von Pulcinella zu sehen?
Selektive Wahrnehmung kann einem Streiche spielen. Seit einer Woche steht das Kunstwerk von Gaetano Pesce nun auf der Piazza Municipio in Neapel: 12 Meter ragt es wie eine Säule in den Himmel, umhüllt von einem Stoff der mit Pastell-Rosa, -Gelb, -Blau und -Grün durchzogen ist, ein weißer Kragen umschließt die Spitze. Nachts leuchtet das Ganze von innen.
Darstellen soll es eine feminine Neuinterpretation des Kleides von Pulcinella. Vor dem pfahlartigen Gebilde stehen zwei etwa fünf Meter hohe rote Herzen, die von einem Pfeil durchbohrt sind. „Es soll die Beziehung zwischen Pulcinella und dem Herzen Neapels repräsentieren“, so Neapels Bürgermeister Gaetano Manfredi. Aber er hat Verständnis. „Als ich es zum ersten Mal sah, dachte ich auch das, was die anderen denken.“ Was die anderen denken, ist vor allem in den sozialen Medien zu verfolgen. Der Begriff „Pulcinella“ hat bei TikTok in nur einer Woche zehn Millionen Aufrufe gehabt. Auch auf Instagram, Facebook und X sind die Schlagworte #napoli und #pesce ein Garant für Wortspiele. Der Titel des Werkes „Tu si `na cosa grande“ (deutsch: „Du bist eine großartige Sache“) wird da etwa zu „Tu si `na cosa glande“ (glande=Eichel). Und schlichte Verwunderung macht sich breit: „Und wo genau ist da nun Pulcinella zu sehen?“
Anlehnung an Neapels Symbolfigur
Dabei ist der Pulcinella, die Symbolfigur des neapolitanischen Volkstheaters, in der süditalienischen Stadt omnipräsent. Er wird als schlau, listig, aber auch grob, einfältig und tölpelhaft beschrieben. Er trägt ein weißes Kostüm mit weiten Ärmeln und Pluderhose, dazu eine schwarze Halbmaske mit einer langen Vogelnase.
Das Werk von Gaetano Pesce wurde im Rahmen der „Napoli Contemporanea“ aufgestellt. Ein Projekt, das die Stadt selbst zum Museum macht: Zeitgenössische Kunst wird an zentralen Orten ausgestellt. Das letzte Werk, das auf der Piazza Municipio ausgestellt war - und von einem Feuer zerstört wurde -, ist die „Venere degli stracci“ von Michelangelo Pistoletto. „Da Pistoletto a Pistolone“ scherzt ein User auf X, von Pistoletto zur Riesen-Pistole.
Der Designer und Architekt Gaetano Pesce bekommt die Aufregung um seinen Pulcinella nicht mehr mit. Er ist im April im Alter von 84 Jahren gestorben. Pesce ist vielen vor allem durch seine Möbel ein Begriff. Sein Design-Debut war der aufblasbare Sessel „Up“, später arbeitete für Unternehmen wie Cassina und Vitra. Seine Werke sind unter anderem im Museum of Modern Art in New York und im Centre Pompidou in Paris zu sehen. Zur Mailänder Möbelmesse 2019 hatte er auf dem Platz vor dem dortigen Dom eine acht Meter hohe Skulptur eines Frauenkörpers in Form eines Sessels aufgestellt. Zahlreiche Pfeile bohrten sich in die Brüste und den Schoß der Figur, die den Titel „Maestà Sofferente“ (Leidende Majestät) trug. Auch damals ließen die Diskussionen nicht lange auf sich warten.
Manche fordern eine Entschuldigung
Unangebracht sei es, so etwas auf einem öffentlichen Platz aufzustellen, lautet die Kritik nun auch in diesen Tagen. Und auch die Kosten für den Pulcinella von 180 000 Euro sind Gegenstand der Debatte. Kommunalpolitiker der rechtsnationalen Fratelli d’Italia von Regierungschefin Giorgia Meloni haben den parteilosen Bürgermeister Manfredi bereits aufgefordert, sich bei den Neapolitanern zu entschuldigen. Der aber findet: „Das ist doch sehr positiv, wenn diskutiert und kritisiert wird. Das heißt, dass wir eine lebendige Stadt sind.“
Bis zum 19. Dezember ist der Pulcinella von Pesce noch auf der Piazza Municipio zu bestaunen. Wo er dann unterkommt, ist noch nicht geklärt.