Jetzt also doch? In nichtöffentlicher Sitzung soll der Oberndorfer Gemeinderat den Abriss eines markanten Gebäudes in der Stadt beschlossen haben, wird gemunkelt. Das Thema war schon zu Amtszeiten Hermann Ackers ein heißes Eisen. Wir haken bei der Stadt nach.
Gleich von mehreren Lesern erreichen uns dieser Tage aufgebrachte Zuschriften – alle mit demselben Thema: Das ehemalige evangelische Lehrerwohngebäude in der Wasserfallstraße 41 soll abgerissen werden – und das trotz des Kaufangebots eines möglichen Investors, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Das sei in einer nichtöffentlichen Sitzung Thema gewesen. Wir wollen vom Bürgermeister wissen: Tatsache oder reine Spekulation?
Der mauert auf unsere Anfrage hin. An Spekulationen beteilige er sich nicht. Und schon gar nicht gebe er Inhalte aus nichtöffentlichen Gemeinderatssitzungen preis, teilt er mit. Zur Frage, ob das Lehrerwohngebäude abgerissen werden soll, erhalten wir weder eine Bestätigung noch ein Dementi.
Nutzung nicht angedacht
Was Bürgermeister Matthias Winter mitteilt, ist, dass das Gebäude derzeit leer stehe. Eine Nutzung – so erfahren wir auf Nachfrage – sei nicht angedacht, „zumal wir ausreichend Gebäudekapazität in städtischem Eigentum haben“.
Wir möchten außerdem wissen, wie die Stadt den aktuellen Zustand des Gebäudes bewertet. Darauf heißt es von Winter: „Das genannte Gebäude hat einen hohen Sanierungsbedarf, der sich wirtschaftlich nicht darstellen lässt.“
1898 von der Stadt gekauft
Die Zukunft des Gebäudes und insbesondere dessen Sanierungsbedürftigkeit war schon zu Zeiten von Bürgermeister Hermann Acker ein heiß diskutiertes Thema.
Bereits 2018 war der Abriss der ehemaligen Härdtner’schen Uhren- und Silberwarenfabrik angedacht. Das Gebäude wurde – so schreibt der verstorbene Oberndorfer Zeichner Erwin Eberhardt in seinem Bilderbogen – 1898 von der Stadt gekauft, die dort zwei Schulräume für die evangelische Volksschule einrichten ließ. Das Wohnhaus diente als Unterkunft für die evangelischen Lehrer.
Flüchtlinge 2018 ausquartiert
In den 1950er-Jahren befand sich in den Räumen eine Fahrschule, zuletzt waren es Sozialwohnungen. Im Sommer 2018 wurden die dort untergebrachten Flüchtlinge jedoch anderweitig untergebracht. Der Zustand des Hauses sei zu schlecht, um es noch bewohnen zu können, hieß es vom damaligen Bürgermeister Hermann Acker.
Unterschiedliche Bewertungen
Dessen Abbruchabsichten stießen jedoch auf Widerstand. Man habe versäumt, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, so eine Kritik. Außerdem delikat: Ein Zimmerermeister, der das Gebäude auf Eigeninitiative unter die Lupe nahm, stellte – entgegen der Aussagen der Verwaltung – eine intakte Bausubstanz fest.
Daraufhin nahm der Ausschuss für Umwelt und Technik 2019 das ehemalige Lehrerwohnheim ebenfalls in Augenschein. Der Posten Abbruch – 55 000 Euro standen dafür im Wirtschaftsplan des Wasserwerks für 2019 – war auf Antrag der SPD-Fraktion mit einem Sperrvermerk versehen worden.
Vor Ort stellte mancher Rat fest, dass es doch nicht so schlimm aussehe wie erwartet. Und auch die Möglichkeit, dieses Stück „alte Baukultur der Stadt“ zu erhalten, wurde laut.
Von Acker hieß es damals darauf, die Stadt habe das Gebäude 2013 von der OWO übernommen – und das von vornherein mit dem Ziel, es irgendwann einmal abzureißen, um eine Erweiterungsfläche für das Wasserwerk zu haben.
Eine Sanierung würde einen Rückbau bis auf den Rohbau bedeuten, und mit einem Investor würde man sich die Erweiterungsmöglichkeit auf alle Zeit verbauen, so Ackers Fazit damals.
„Fass ohne Boden“
Auf unsere Anfrage im Oktober 2021 bekräftigte er noch einmal, das Gebäude befinde sich nach der Beurteilung des Hochbauamtes in einem desolaten Zustand und sei nicht mehr bewohnbar.
„Eine Sanierung ist in finanzieller Hinsicht nicht vertretbar und käme einem Fass ohne Boden gleich“, so Acker. Anderseits bestehe aktuell kein dringender Bedarf für den Rückbau des Gebäudes, hieß es damals.
Ein Verkauf des Objektes, das sich in Besitz des Eigenbetriebs Wasserversorgung befinde, scheide nach wie vor aus.
Bürger fordern Bekenntnis
Was sich in den Jahren 2018 und 2019 zugetragen hat, ist den Oberndorfern offenbar noch gut im Gedächtnis. So fordert ein Leser nach der damals aus seiner Sicht „skandalösen Vorgehensweise“ und der Wendung, dass der „einsam betriebene Abriss“ verhindert werden konnte, nun ein offenes Wort zum Thema Lehrerwohngebäude.
„Gemeinderat und Bürgermeister sollten jetzt den Mumm haben, die neuesten Fakten öffentlich zur Diskussion zu stellen, statt wie so oft Fakten mit der Abrissbirne Beschlusskraft zu verleihen“, schreibt er.
Eine Leserin meint derweil, in Rottweil würde eine Villa dieser Art schon lange unter Denkmalschutz stehen. In Oberndorf dagegen entstehe aus ihrer Sicht ein Parkplatz nach dem anderen, und im Tal sehe die Baulücke auf dem Brauereigelände „so schlimm aus wie eine schlechtverheilte Wunde“.
Sie fragt sich nicht nur, was nach einem etwaigen Abriss an der Stelle der Villa Härdtner entstehen soll, sondern auch: „Hat man in Oberndorf am Neckar Angst vor Bürgerbeteiligung und wenn ja, warum?“