Von wegen stabile Lage: Mitarbeiter und das DRK sind anderer Meinung. Es sei mittlerweile schon Standard, dass die Helios-Klinik Rottweil die Aufnahme von Patienten ablehnt. Foto: Otto

Michael Török reicht es. Wenn die Helios-Klinik in Rottweil öffentlich von einer "stabilen Personalsituation" spreche, sei das schlicht gelogen, sagt der Betriebsratsvorsitzende beim DRK-Kreisverband Rottweil. Und auch Klinik-Mitarbeiter wehren sich: Die Realität sehe ganz anders aus.

Kreis Rottweil - Wir hatten bei den drei Kliniken im Kreis – Rottweil, Oberndorf und Vinzenz-von-Paul-Hospital – nach der aktuellen Lage gefragt. Einzig die Helios-Klinik berichtete von einer stabilen Personalsituation und gab weitgehend Entwarnung. Beim Lesen der Aussagen der Helios-Sprecherin sei ihm der "Kragen geplatzt", sagt Michael Török im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Öffentlichkeit werde über die tatsächliche Situation bewusst getäuscht. Das sagen auch völlig überlastete Klinik-Mitarbeiter, die sich an unsere Redaktion wenden. Sie seien schockiert und fassungslos.

 

Beschäftigte entsetzt über Darstellung der Klinik-Leitung

Im Namen vieler Kolleginnen und Kollegen berichtet eine Mitarbeiterin, dass man entsetzt über die Aussagen der Helios-Klinik sei, die "in keinster Weise die Wahrheit widerspiegeln". Sarah-Sofie Schulz, Referentin der Klinikleitung, hatte unter anderem berichtet, man habe ausreichend Kapazität um Patienten aufzunehmen und sei für eine weitere Corona-Welle gut gewappnet. Der Krankenstand könne weiter kompensiert werden.

Personal völlig überlastet

"Wir Mitarbeiter sind wirklich sprachlos, dass das so kommuniziert wird", sagt die Beschäftigte im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Wahrheit sei: Das Pflegepersonal sei völlig überlastet. Jede Schicht sei knapp besetzt. An eine mögliche neue Corona-Welle wolle man gar nicht denken. "Die Lage ist jetzt schon katastrophal." Wenn jetzt beispielsweise auf der Intensivstation noch Patienten isoliert werden müssten, sei das gar nicht mehr leistbar.

Gefährdungsanzeigen werden geschrieben

Das Pflegepersonal sei teilweise für so viele Patienten verantwortlich, dass vom Personal so genannte "Gefährdungsanzeigen" geschrieben werden. Darin wird auf die Situation hingewiesen und erklärt, dass man unter diesen Umständen die Verantwortung nicht tragen könne. Diese Gefährdungsanzeigen würden von der Klinikleitung "zur Kenntnis genommen". Weiter passiere nichts. Die Ärzte würden versuchen das Personal insofern zu unterstützen, indem geschaut werden, welche Patienten verlegt werden können.

Dass es einen Mangel an Pflegekräften auch in anderen Kliniken gebe sei unbestritten, sagt eine Mitarbeiterin. Aber dass die Helios-Klinik in Rottweil nach außen kommuniziere, es sei alles in Ordnung, sei ein Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter, die am Limit arbeiten. "Wir sind verärgert und enttäuscht."

Öffentlichkeit wird gezielt falsch informiert

Diese Schilderungen werden vom DRK-Betriebsratsvorsitzenden Michael Török untermauert. Was ihm beim Lesen der Aussagen der Helios-Sprecherin durch den Kopf ging, die suggeriert, es sei alles recht entspannt? "Lug und Trug. Da wird die Öffentlichkeit gezielt falsch informiert." Erst am vergangenen Freitag habe die Leitende Oberärztin die stationäre Aufnahme an der Helios-Klinik wieder für das ganze Wochenende abgemeldet. Das Gespräch sei dokumentiert. Am Samstag muss Török dann lesen, dass für die Klinikleitung angeblich alles in bester Ordnung sei.

Török ist als Notfallsanitäter im Rettungsdienst genau wie seine Kollegen täglich damit konfrontiert, dass die Helios-Klinik in Rottweil regelmäßig Patienten abweist, weil die Betten nicht belegt werden können. Andere Kliniken im Umland seien bereits genervt von den vielen Verlegungen aus Rottweil.

Török sagt: "Wir haben seit Monaten immer wieder Probleme Patienten bei Helios unterzubringen. Die Intensivstation wurde über Monate wegen Personalmangel nur mit vier Patienten belegt. Bis heute kann die Intensivstation nicht maximal belegt werden. In der täglichen Arbeit ist es entweder eine nervtötende Diskussion, wenn wir Patienten anmelden wollen – oder die beiden Akutkrankenhäuser im Landkreis – Helios und SRH – sind schon im Vorfeld abgemeldet. Laut Krankenhausgesetz Baden-Württemberg Paragraf 28 sind die Krankenhäuser verpflichtet, Patienten ›einstweilig‹ aufzunehmen. Im Sinne des Patienten und um Diskussionen zu vermeiden sind meine Kolleginnen und Kollegen aber immer bemüht, ein aufnahmefähiges Krankenhaus zu finden und anzufahren."

In anderen Klinken ist man zunehmend genervt

Laut Török werden die Kliniken in Villingen-Schwenningen, Balingen, Albstadt, Tuttlingen, Singen und Herrenberg angefahren. Und natürlich die Unikliniken Tübingen und Freiburg, vor allem bei schwerverletzten Patienten. In den anderen Kliniken sei man jedoch zunehmend genervt von den Rottweiler Anfragen. "Der Rettungsdienst ist neben dem Patienten der Leidtragende des Systems. Wir werden vom ärztlichen Personal und den Pflegekräften immer häufiger regelrecht angefeindet, auch wenn wir für die Situation am wenigsten können. Und wir fahren ja nicht freiwillig weiter entfernte Krankenhäuser an.

Drastische Lage auf der Intensivstation

Betreffen die Abmeldungen also nur die Notaufnahmen oder auch die Stationen? "Sowohl als auch", sagt Török. "Ganz besonders schlimm ist meiner Ansicht nach die Situation der Helios-Intentsivstation. Theoretisch stehen hier neun oder zehn Betten zur Verfügung. Aufgrund Personalmangels können aber regelhaft nur vier oder sechs Betten belegt werden. Ganze Zimmer werden geschlossen – das ist auch einer der Gründe, warum wir Patienten, die einen Schockraum benötigen, nicht nach Rottweil fahren können. Denn sollte sich im Schockraum herausstellen, dass die Weiterbehandlung im OP und in der Folge auf der Intensivstation nötig ist, fehlt eben diese Kapazität. Also wird vorsichtshalber die Aufnahme gleich ganz abgelehnt.

Pessimistischer Blick in die Zukunft

Klinik-Mitarbeiter und Michael Török zeichnen damit ein besorgniserregendes Bild. Doch wie soll es weitergehen? Glaubt Török, dass sich an der Situation irgendwann etwas ändern wird? "Ich bin da leider mehr als pessimistisch. Seit Jahren geht es immer nur in eine Richtung mit den beiden Krankenhäusern im Landkreis und zwar in die falsche. Genaue Zahlen habe ich natürlich nicht, aber die Diskussionen über eine Patientenaufnahme kam auch schon vor zehn Jahren gelegentlich vor, aber mittlerweile ist das der Standard. Vor diesem Hintergrund verstehe ich auch nicht, warum die Referentin der Helios-Klinik nicht einfach die Fakten nennt und statt dessen versucht, die Realität zu vertuschen."

Auch die Klinik-Mitarbeiter wünschen sich Aussagen, die – wie bei anderen Kliniken – zumindest in die richtige Richtung gehen. Was da von der Klinikleitung in der Öffentlichkeit dargestellt werde, sei schlicht und einfach falsch. Wichtig sei, gemeinsam Lösungen zu suchen. Die Ausbildung von mehr Hilfspersonal sei eine Möglichkeit, sagt eine Mitarbeiterin. Die aktuelle Situation sei jedenfalls "nicht tragbar".