Das Foto zeigt (von links) den CDU-Abgeordneten und Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel, Bundesminister Gerd Müller, Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Präsidenten der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) Takehiko Nakao anlässlich der Eröffnung der 49. Jahreshauptversammlung der ADB in Frankfurt am Main Anfang Mai 2016. Foto: Büro Fuchtel

Mit ihm geht eine Ära zu Ende – in der Hauptstadt Berlin, dem Sitz der Bundesregierung, der er viele Jahre angehört hat. Noch mehr aber sicher im Nordschwarzwald, für den Hans-Joachim Fuchtel seit 1987 ununterbrochen als Abgeordneter für den Wahlkreis Calw-Freudenstadt im Bundestag saß. Grund genug zu fragen, wie sich der nahende Abschied anfühlt.

Nordschwarzwald - Mit der bevorstehenden Bundestagswahl im September tritt "unser Gewicht in Berlin", wie sich Fuchtel mit einem Augenzwinkern gerne selbst nannte, ab von der (ganz großen) politischen Bühne. Grund genug, schon einmal nachzufragen, wie sich der langsam näherrückende Abschied so anfühlt. Und welche Aufgaben jetzt im Endspurt seiner politischen Laufbahn noch auf ihn warten – als neben Wolfgang Schäuble dienstältester Abgeordneter im Deutschen Bundestag; und noch Noch-Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium.

 

Herr Fuchtel, wie haben Sie bisher die Corona-Pandemie überstanden? Sind Sie bereits geimpft?

Hans-Joachim Fuchtel: Ich habe schon immer mal zum Herrgott gebetet, dass ich es mit 69 Jahren ohne Infektion schaffe, denn als Parlamentarischer Staatssekretär geht zwar vieles oft mit 10-Stunden-Videokonferenz am Tag, aber ins Parlament, auf die Regierungsbank, in den Ausschuss – da geht es eben nicht virtuell. Und von Berlin in den Wahlkreis auch nicht. Ich habe es überstanden und bin jetzt auch (zwei Mal) geimpft. Mir geht es wohl wie allen: wieder mehr und unter den Menschen zu sein. Die Bedeutung wird einem da völlig neu bewusst.

Wie fühlt es sich an: knapp drei Monate vor der Bundestagswahl – und Sie machen keinen eigenen Wahlkampf?

Ganz offen: nach neun Wahlkämpfen ein neues, befreiendes Gefühl. Denn jeder Wahlkampf fordert viel Kraft bis zum Übermaß, wenigstens wenn man es so macht wie ich. Meine Parole hieß immer: "Wahlkampf heißt nicht Wahlschlaf"; und nach der Wahl ist vor der Wahl.

Welche Aufgaben stehen aktuell auf Ihrer Arbeits-Agenda? Welche Projekte wollen Sie bis zum Ausscheiden aus dem Bundestag und der Regierungsarbeit noch abschließen?

Gewählt bin ich bis zum Ende der Legislaturperiode. Also wird schon aus Respekt vor dem Steuerzahler – denn bis dahin werde ich auch als Abgeordneter bezahlt – bis zum letzten Tag richtig voll gearbeitet, insbesondere nehme ich mich der Fragen der Bürger an. Da hatte ich in der "heißen" Corona Zeit nochmals ganz schön Hochkonjunktur. Im Wahlkreis sind wichtige Zukunftsprojekte in die Wege geleitet worden, und der Erfolg, etwa beim Ausbau der Breitbandversorgung in Form finanzieller Zuschüsse, kommt in erfreulicher Größenordnung in den Städten und Gemeinden an. 17,7 Millionen Euro an Bundesmitteln für den Breitbandausbau sind bereits im Landkreis Calw angekommen und 22 Millionen Euro haben die Kommunen des Landkreises Freudenstadt bisher erhalten. Zur Erinnerung: Bei meiner letzten Bundestagskandidatur hatte ich den Bürgerinnen und Bürgern versprochen, um jeden Euro für unsere Region zu kämpfen. Das Kombi-Terminal in Horb-Heiligenfeld, das erste erfolgreiche Projekt in dieser Konstellation und Art, ist nach langer, harter Arbeit gelungen – ein Meilenstein. Das hat kein Grüner, sondern ein CDU-Politiker begleitet! Die Ansiedelung des Holzwerkes in Seewald – aus einem Traum wurde Wirklichkeit. Hier sind noch Potenziale, etwa für so eine Art "Lego-Land-Holz". Da möchte ich noch helfen, die Ideen zu konkretisieren. Zum einem, um dadurch den Tourismus weiter zu beleben; und zum anderen, das Bewusstsein für Holz von Kindesbeinen an zu stärken. Vielleicht ergreifen auf diese Weise mehr Jugendliche den Beruf des Schreiners. In Berlin habe ich neben sehr vielen anderen Projekten für ein Start-up-Konzept für die Agrarwirtschaft in den letzten Wochen fest gerackert und bin damit auf der Zielgeraden.

Und welche (Herzens-)Projekte müssen Sie als Bundestagsabgeordneter Ihrem Nachfolger im Wahlkreis und als Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium hinterlassen?

Im Wahlkreis sind wir bei der Nutzung digitaler Instrumente zur Beseitigung von Bürokratie mit vorne dran – aber es wäre schön, wenn das noch schneller gehen würde. Thema Wasserstoff: Auch die Wirtschaft muss sich an solchen Projekten beteiligen können. Es ist schließlich eine Zukunftstechnologie. Ach ja, beim Calwer Tunnel gilt es nun, den Erfolg vollends in die Scheune zu fahren. In Berlin ist die Vorbereitung für das Tierwohlkennzeichen und dessen Finanzierung gut vorbereitet, aber es muss in der nächsten Wahlperiode in die Schiene gefahren werden, wie auch die Umsetzung erfolgversprechender Forschungen im Bereich Resilienz von Pflanzen, angesichts der Klimasituation, um nur zwei wichtige Punkte zu nennen.

Wie werden Sie voraussichtlich Ihren Abschied aus dem aktiven politischen Dienst gestalten? Gibt es schon Ideen oder Planungen vielleicht für eine "Abschieds-Tournee"?

An Ideen hat es mir noch nie gefehlt. Es soll von meiner Seite ein lockerer und fröhlicher Abschied werden. In Dankbarkeit, dass ich so viel Vertrauen von den Wählerinnen und Wählern bekommen habe – immerhin über nahezu 35 Jahre. Voraussichtlich werden es ein paar Abende werden ohne konkrete Themen, "Ein Abend mit Fuchtel" eben.

Sie sind aktuell mit der dienstälteste Mandatsträger im Deutschen Bundestag – und damit einer der erfahrensten; welches sind die Momente in Ihrem Politiker-Leben, in denen Sie diese Erfahrungen aktuell noch mal am besten ausspielen oder in die politische Arbeit einbringen können?

Ich sag mal: tagtäglich bei der Unterstützung von Bürgeranliegen, strategischen Überlegungen in Berlin, Abfederung von Problemsituationen – man hat eben schon Vieles erlebt und geht mit ruhigen Nerven und möglichst emotionsfrei an die Sachen dran.

Gibt es Dinge im (politischen) Berlin, die Sie vor Ihrem Abschied dort noch einmal unbedingt machen oder unternehmen wollen? Und die Sie vielleicht später vermissen werden?

Bis zur Corona-Pandemie konnte ich als für den Export zuständiger Parlamentarischer Staatssekretär so manches erfolgreich bewirken, vor allem in Asien und den USA sowie Südamerika. Immerhin exportiert die deutsche Agrarwirtschaft ein Drittel aller Produkte und "Made in Germany" hat auch bezüglich der Lebensmittel einen exzellenten Ruf. Hier weitere Aktivitäten mit all meinem Know-how zu entfalten – das wird mir schon gewaltig fehlen.

Herr Fuchtel, Sie waren in Ihren verschiedenen Funktionen als Mitglied der Bundesregierung auch immer so etwas wie der "heimliche Außenminister" – zum Beispiel als Griechenland-Beauftragter der Bundeskanzlerin oder später als Mitglied des Verwaltungsrates der KfW-Bank und Aufsichtsratsvorsitzender der DEG sowie als deutscher Gouverneur bei der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) und der Inneramerikanischen Bank (IDB). Welches war oder wird Ihre letzte dienstliche Auslandsreise sein? Und was war oder wird die Aufgabenstellung sein?

Die letzte Auslandsreise diente der Eröffnung der internationalen Lebensmittelmesse in Dubai, die ich als Vertreter von Deutschland als Partnerland dieser Messe zusammen mit dem dortigen Finanzminister mit Rundgang und all den Ritualen samt Reden und Empfängen eröffnete. Dies ist die größte Messe nicht nur für den Mittleren Osten, sondern sie strahlt weit nach Asien und in den pazifischen Raum bis Australien aus. Ich nutze diese Gelegenheiten grundsätzlich auch für hochrangige politische Gespräche. In diesem Fall ging es um Klimaschutz und fachspezifisch besonders um Lebensmittelsicherheit. Auch hier ist Deutschland international führend. In den VAE kam hinzu, dass man mich dort immer noch als früheren Ehrenpräsidenten des Deutschen Kamelvereins "Fatamorgana" kennt und schätzt. Ich erinnere mich, dass mein Terminkalender sprichwörtlich überquoll.

Für ein Resümee zu Ihrem gesamten politischen Leben ist es sicher noch (etwas) zu früh, schließlich laufen Sie in Ihren aktuellen Ämtern noch unter "Volllast" – aber wie beeinflusst die aktuelle Pandemie Ihren Endspurt in Berlin und im heimischen Wahlkreis? Hätten Sie es sich vielleicht anders gewünscht?

Ja, meistens kommt es anders, als man denkt. Ohne die Pandemie wäre ich sicher noch viel mehr vor Ort unterwegs gewesen und da wäre es wesentlich schwieriger gewesen, Kilos abzubauen, was zum Trost wenigstens 15 Kilo gebracht hat. Und im Wahlkreis war die Reduzierung der Außentermine sicher eine Art Hinausgleiten aus dem "Joch" der Rolle eines Leithammels.

Sie werden Berlin – wenn nicht gemeinsam, dann aber zumindest zeitgleich mit der Bundeskanzlerin verlassen. Erleben Sie das auch als eine Ära, die da für Deutschland zu Ende geht? Und wie wichtig war die Entscheidung der Kanzlerin, nicht wieder zu kandieren, für Ihre eigene, um nun den (vermutlich Un-)Ruhestand zu wagen?

Mit dem Abschied von Angela Merkel geht zweifellos eine Ära zu Ende, deren politische Ergebnisse in der Welt bewundert werden. Dass ich ein klein bisschen jeweils im anvertrauten Sektor dabei sein konnte, macht mich sehr zufrieden und mich, mit Verlaub, auch stolz. Ich hatte bereits vor der letzten Bundestagswahl für mich die Entscheidung getroffen, nicht erneut zu kandidieren, denn ich denke, Politiker sollten aufhören, solange das vom Wahlvolk noch bedauert wird.

Hat Sie der "Abschiedsschmerz" als Abgeordneter und Staatssekretär schon erreicht? Haben Sie Verabschiedungsrunden schon begonnen? Wenn ja, von wem? Und was möchten Sie beim "großen Abschiednehmen" so gar nicht erleben?

Ob Sie es glauben oder nicht: Ich verspüre keinen Abschiedsschmerz, sondern freue mich auf den neuen Lebensabschnitt, den ich auf jeden Fall in Richtung privat im Blick habe.