Heinz Rettenberger vor der Agentur für Arbeit in Stuttgart. Foto: Schiermeyer

Die Bundesagentur für Arbeit appelliert an die Arbeitgeber, älteren Arbeitslosen eine Chance zu geben. Wie schwer diese es haben, zeigt das Beispiel einer früheren Führungskraft.

Der Anteil älterer Menschen mit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ist in Baden-Württemberg so hoch wie nie: Laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) sind gut 24 Prozent mindestens 55 Jahre alt. Der Anteil der Arbeitslosen in dieser Altersgruppe beträgt aktuell 25,5 Prozent – das sind 77 158 von 303 099 Menschen ohne Job. Darunter sind etwa ein Drittel Fachkräfte und jeweils rund zehn Prozent „Experten“ und „Spezialisten“ – also viele (hoch-)qualifizierte Menschen. Angesichts der Fachkräftelücken appelliert die BA an die Arbeitgeber, auf die Erfahrung und Zuverlässigkeit der Routiniers zu setzen.

 

Generelle Vorbehalte gegen ältere Beschäftigte?

Dass es ältere Arbeitslose viel schwerer haben, in den Job zurückzukehren, zeigen auch die Erfahrungen von Heinz Rettenberger. „Es ist völlig sinnlos, sich ab 60 Jahren zu bewerben“, zieht der 62-jährige Stuttgarter sein „vernichtendes Fazit“ einer fast 30-monatigen Phase ohne Job. „Viele Arbeitgeber wollen einfach keine Alten, weil sie gegen diese klare Vorbehalte haben.“ Insgesamt 2291 Bewerbungen hat die frühere langjährige Führungskraft als Abteilungsleiter Logistik und Einkäufer sowie als Ausbilder abgesetzt. Davon waren 1863 Initiativbewerbungen mit Hilfe eines von der Rentenversicherung vermittelten Jobcoaches, der Rest übliche (Online-)Bewerbungen. Diese verteilten sich auf ungefähr zwei Dutzend Funktionen – Einkäufer oder Sachbearbeiter etwa.

Mittlerweile erstellt er nur noch etwa ein halbes Dutzend Bewerbungen im Monat. „Mehr Ausschreibungen finde ich auch gar nicht“, sagt Rettenberger. Die immer schwierigere Lage am Arbeitsmarkt spürt er auch: Die ausgeschriebenen Stellen für Führungskräfte und Sachbearbeiter seien gegen dem vorigen Jahr deutlich zurückgegangen. Von der Arbeitsagentur hat er bisher 113 Jobvorschläge bekommen – da sei „nicht annähernd etwas dabei gewesen, was einen Wert für mich hat“. Etliche der Stellen seien auch gar nicht mehr offen gewesen, sondern zuvor besetzt worden. Eine Handvoll Anfragen erhielt er über das BA-Stellenportal direkt von suchenden Firmen. Penibel führt er eine Liste mit den Vorschlägen und teilt der Sachbearbeiterin monatlich einen Zwischenstand mit, „damit sie sieht, dass ich etwas tue“. Aus seiner Sicht hat Rettenberger schon gute Vermittler gehabt. Insgesamt hat sich aber Resignation angehäuft: „Die Arbeitslosigkeit wird nur verwaltet.“

„Die Arbeitslosigkeit wird nur verwaltet“

Etliche Angebote hätten Arbeitsorte wie München oder Frankfurt sowie ganz andere Tätigkeitsfelder betroffen, teils mit niedrigeren Löhnen als im Raum Stuttgart. „Da habe ich mich schon gewundert.“ Wenn er pendeln müsste und dafür eine Wohnung oder ein Auto bräuchte, müsste das Gehalt entsprechend höher ausfallen, damit der Job noch lukrativ ist. Auf die Frage, warum er solche Vorschläge erhalte, sei ihm gesagt worden, dass das Computersystem dafür verantwortlich sei. „Absolut unverständlich“ findet er, dass Stellenvorschläge der Arbeitsagentur zum Beispiel Vertriebserfahrung oder umfassende Englischkenntnisse voraussetzen. In seinem Account sei aber hinterlegt, dass er diese Anforderungen nicht erfüllt. „Demnach kann das System nicht funktionieren, wenn es die Abfragen nicht richtig deutet und Unpassendes vorschlägt.“

28 Vorstellungsgespräche ohne Erfolg

Dass es bei ihm trotz 28 Vorstellungsgesprächen nicht geklappt hat, führt er unter anderem darauf zurück, dass ihn die Personalverantwortlichen angesichts seiner Vita für „völlig überqualifiziert“ gehalten hätten – oder dass man ihm nicht zutraue, sich in einer Belegschaft einzugliedern, ohne bald wieder nach einer höheren Position zu streben. Jüngere Personalerinnen „wissen oft gar nicht richtig, wie sie mit mir umgehen sollen“. Zuweilen hatte er den Eindruck, dass er nicht aus Überzeugung eingeladen worden sei, sondern um eine bestimmte Anzahl an Bewerbern intern vorweisen zu können. Heute hat Rettenberger keine großen Erwartungen mehr an eine neue Stelle. Die Ansprüche müssten im Alter drastisch heruntergeschraubt werden, meint er – sowohl beim Gehalt als auch beim Verantwortungsbereich. Mittlerweile bewerbe er sich auch auf Sachbearbeiterstellen mit einem Jahressalär von ungefähr 50 000 Euro, was gut 20 000 unter der ursprünglichen Vorstellung liegt. „Wer so gerne arbeiten würde wie ich, geht mit der Schmerzgrenze runter – Hauptsache, der Job macht einigermaßen Spaß.“

So nimmt der 62-Jährige nun die Rente ins Visier: Bis Februar erhält er noch Arbeitslosengeld. Nach weiteren drei Monaten praktisch ohne Einkommen kann er von Mitte 2026 an in Rente gehen, freilich mit einem Abschlag von mehr als 400 Euro im Monat. Sein Rat an alle Älteren, die in ähnliche Nöte geraten: „Man darf sich nicht auf andere verlassen, sondern sollte selbst aktiv werden.“ Und gerade am Anfang habe es lange gedauert, „bis alles bei der Arbeitsagentur auf die Schiene gesetzt war“. Daher: „Nur nicht den Mut verlieren, auch wenn es schwer ist.“