Ausflug beim letzten Besuch zu Weihnachten im Jahr 2022 mit Mutter Sarah (von links) , Kavitha Schulze und Schwester Sangeetha Foto: zVg/Kavitha Schulze

Hinter Haustüre Nummer acht wird erzählt, wie Weihnachten in Afrika ein Fest der Gemeinschaft ist. Kavitha Schulze erinnert sich an Weihnachten in Sierra Leone.

Sierra Leone liegt an der Westküste Afrikas – und Weihnachten dort ist anders, als viele es aus Deutschland kennen. Kavitha Schulze öffnet heute die Haustüre Nummer acht und erzählt über das Weihnachtsfest in Sierra Leone, wo sie geboren und aufgewachsen ist.

 

Für sie begann das Fest schon im Oktober, wenn ihre Mutter ihren berühmten „Fruitcake“ zubereitete: ein üppiger Pudding mit getrockneten Früchten, der bis Weihnachten jeden Sonntag mit Rum beträufelt wurde. Das war ein kulinarischer Höhepunkt, eine Vorfreude auf die Festtage.

„Wir feierten immer zu Hause – mit einem offenen Haus für Freunde, Nachbarn, Verwandte und Bekannte aus der Kirchengemeinde“, erzählt Kavitha Schulze. Am 24. Dezember zauberte ihre Mutter ein Festmahl: oft eine ganze Ziege, Truthahn, der nicht leicht zu bekommen war, Hähnchen, ein großer Fisch, Schweinebraten aus dem Ofen, Couscous, verschiedene Salate und manchmal „Jollof Reis“, ein klassisches Reisgericht. Ihr Vater kochte gern Curry, und zum Frühstück richtete er am ersten Weihnachtsfeiertag für alle Frühstück – und zwar „English Breakfast“. Für die Kinder bereitete ihre Mutter kleine Päckchen mit Süßigkeiten vor. Es war stets genug Essen da, ganz gleich, wie viele Gäste kamen.

Unabhängig vom Glauben

Weihnachten in Sierra Leone bedeutete Miteinander, unabhängig von Glauben oder Herkunft: Christen gingen morgens zur Kirche, dann wurde gemeinsam gefeiert – egal ob Christ, Muslim oder Hindu. „Mein Vater war Hindu aus Sri Lanka, meine Mutter ist Christin, und alle waren willkommen“. Es war selbstverständlich, auch die Feiertage der anderen mitzugestalten und zu feiern.

Es geht nicht um Religion

Was Kavitha Schulze am meisten in Erinnerung geblieben ist – das Fest drehte sich nicht um Religion, Deko oder Geschenke, sondern um das Zusammenkommen von Familie und Freunden. Weihnachtsbäume, aufwendige Deko oder Geschenke gab es nicht – nur in einigen Geschäften war vereinzelt dekoriert. Selbst in der Kirche stand kein Baum. Die Temperaturen waren angenehm kühl bei etwa 24 Grad.

Zweiter Festtag am Strand

Am zweiten Weihnachtstag zieht es alle an den Strand, um die Reste vom Vortag zu genießen. Dann wird es richtig voll – denn viele Verwandte und Gäste aus aller Welt reisen nach Sierra Leone, um zu feiern.

Der Weg nach Amerika und London

Bis zu ihrem 20. Lebensjahr lebte Kavitha Schulze in Sierra Leone, ging dann nach Amerika und kehrte später zurück. Mit 28 lernte sie auf einer Reise nach London ihre große Liebe Lothar kennen. 2007 zog sie zum ihm nach Bochum, lernte Deutsch, und 2009 kam Sohn Karl zur Welt. Seit 2010 lebt die Familie in Weil am Rhein. „Anfangs war das Alemannisch eine Herausforderung, doch schon lange ist das kein Problem mehr und ich fühle mich hier zu Hause.“

Besuche der Mutter

Ihre Mutter besuchte sie alle zwei Jahre, ihre Schwester öfter. Einmal kam auch eine Freundin aus Kindertagen aus Sierra Leone zu Besuch. So konnte ihre Familie Weihnachten auch in Deutschland erleben – mit Lichtern, Baum, Plätzchen und Geschenken. Im Jahr 2017 lag sogar Schnee, was meine Mutter besonders freute. In diesem Jahr kann ihre Mutter „leider nicht zu Besuch kommen“. Die Visumsbeschaffung ist schwieriger geworden, und unter anderem ist die Reise nach Ghana für einen Termin bei der Deutschen Botschaft teurer als der Flug nach Deutschland. „Das macht mich traurig.“

Fest des Zusammenseins

Für Kavitha Schulze bleibt Weihnachten in Sierra Leone das Fest des Zusammenseins – bunt, herzlich und voller Wärme. Es sind die Erinnerungen an Familie und Freunde, an ein offenes Haus und geteilter Freude, die das Fest so besonders machen. Geschenke und Deko sind nebensächlich; im Mittelpunkt steht das Miteinander – damals wie heute.

Kindheitserinnerung

Kavitha Schulze  bleibt eine Weihnachtsgeschichte unvergessen: „Ich war neun Jahre alt, meine Schwester sechs. Unsere Mutter hatte den Truthahn zubereitet – ein besonders prächtiges Exemplar. Wir konnten nicht widerstehen, stibitzten den kompletten Truthahn und suchten uns ein Versteck. Doch unsere Mutter fand uns, jede von uns mit einem Truthahnschenkel in der Hand – da half kein Leugnen mehr.“ sat