Klaus Zoller am Computer Foto: Alexander Anlicker

Soziale Medien haben oft den Ruf weg als asoziale Medien. Dass es auch anders geht, zeigen Facebook-Gruppen zu Bad Bellingen, Efringen-Kirchen, Weil am Rhein und Lörrach.

Die Facebook-Gruppe Weil am Rhein und Umgebung zählt nach einem Jahr rund 6500 Mitglieder, in der Gruppe Efringen-Kirchen und Umgebung sind es rund 4000. Dies sind nur zwei von vielen Gruppen im Markgräflerland, hinter denen Administratoren wie der Hertinger Klaus Zoller stecken. Der 52-Jährige kümmert sich in seiner Freizeit um mehr als ein Dutzend Facebook-Gruppen, die er und Ursula Reichert zu verschiedenen Gemeinden und Hobbys gegründet haben.

 

Zoller lebt seit anderthalb Jahren in Hertingen. Zuvor wohnte er siebeneinhalb Jahre in Badenweiler, wo er sich wohl gefühlt habe und nach wie vor im Patientenmanagement einer Klinik arbeitet. Den Ausschlag für sein Engagement habe eine überstandene Erkrankung gegeben.

In dieser schwierigen Phase habe er in Badenweiler sehr viel Unterstützung erfahren, woraufhin er durch ehrenamtliches Engagement etwas zurückgeben wollte. Das Ergebnis war die Gründung der ersten Facebook-Gruppe „Badenweiler isch in“. Daraus erwuchs auch sein Engagement für den Verein Sportbadfreunde Badenweiler sowie die Mitarbeit am Stand der Bädergemeinde an der Neuenburger Landesgartenschau. Die Facebook-Gruppe zählte schnell 1700 Mitglieder.

Viele Vereine, die Feuerwehr und die Tourismus-Verantwortlichen beteiligen sich an der Gruppe und nutzen die Gelegenheit, für ihre Anliegen und die Bädergemeinde zu werben. Toll findet Zoller, dass sich auch Badenweilers Bürgermeister Vincenz Wissler in der Gruppe dem Lob und der Kritik der Mitglieder stellt. So eine Gruppe könne man aber nicht alleine führen, betont er und verweist auf ein Team von vier Administratoren und Moderatoren.

Private Gruppen

Nach und nach seien weitere örtliche Facebook-Gruppen hinzugekommen. Ursula Reichert hat Zoller angesprochen, als sie auf der Suche nach einem weiteren Administrator für die Gruppen Efringen-Kirchen und Umgebung sowie Bad Bellingen und Umgebung war. „Es lief ganz gut, auch mit den anderen Admins“, erzählt Zoller und verweist auf die entstandenen Freundschaften. Die nächste Gruppe kam hinzu, als die Initiatoren von „Netzwerk Müllheim und Umgebung“ an Reichert und Zoller abgegeben haben. Zwischenzeitlich haben die beiden noch eine Vielzahl anderer lokaler Gruppen gegründet, wie „Dorffunk Hertingen“, „Weil am Rhein und Umgebung“, „Lörrach und Umgebung“ und zuletzt „Eimeldingen, Binzen und Umgebung“.

Neue Gruppen im Markgräflerland werden nur da gegründet, wo es noch keine funktionierenden „privaten“ Gruppen gibt, erklärt Zoller. „Privat“ bedeutet dabei, dass alles, was in der Gruppe gepostet wird, nicht außerhalb der Gruppe geteilt werden kann.

Alle Gruppen werden moderiert, und die Beiträge sowie Kommentare der Mitglieder werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern freigegeben, erklärt Zoller und ergänzt: „Soziale Medien sind die verlogenste Gesellschaft, die es gibt, und eine Plattform für Verschwörungstheorien.“ Er sagt: „Wir wollen in unseren Gruppen Lügereien unterbinden und kontrollieren jeden Beitrag.“ Die Hauptlast liege dabei auf den Schultern von Ursula Reichert, die den Löwenanteil stemme und fast jeden Kommentar kontrolliere.

Es gibt klare Regeln

„Wir positionieren uns klar gegen rechts“, sagt Zoller. Kommunalpolitische Themen seien in der Gruppe durchaus erwünscht, sonstige Politik nicht. Als Beispiel nennt er das Thema Corona, das viele Facebook-Gruppen entzweit habe. „Das Thema Corona ist tabu“, sei dann auch eine der ersten Regeln für die Badenweiler-Gruppe gewesen.

Die Mitglieder, nicht die Administratoren, sollen im Mittelpunkt stehen. „Wir akzeptieren auch schwierige Beiträge“, betont Zeller und meint damit, dass auch Beiträge von Menschen mit Behinderung wie beispielsweise Legasthenie erwünscht seien. „Wir schreiten sofort ein, wenn diese Menschen angegriffen werden.“

Die lokalen Facebook-Gruppen seien eine große Familie, unterstreicht er und schwärmt von den Treffen mit den Mitgliedern, etwa bei der Eis-Challenge in einer Eisdiele in der Region.

Was sind die Themen?

Mit Ausnahme von Politik sei fast alles möglich. Werbung für Unternehmen aus der Region sei durchaus erwünscht, solange sie nicht überhand nimmt. Dies gilt insbesondere auch für die Gastronomie in der Region, hier seien Beiträge ausdrücklich erwünscht. Was gut ankomme und viele „Likes“ bekomme, seien Ausflugstipps, Fotos von Festen und Veranstaltungen. Es gebe aber auch Mitglieder, die mit Natur- und Landschaftsfotos eine kleine Fangemeinde haben. Reichert und Zoller posten aber auch Links zu den Online-Beiträgen der Tageszeitungen, wenn sie die jeweilige Ortsgruppe betreffen.

Mehr Frauen als Männer

Der Altersdurchschnitt der Mitglieder in den Facebook-Gruppen liegt bei 55 Jahren, berichtet Zoller. Auch seien unter den Mitgliedern mehr Frauen als Männer, ergänzt er. Die Mehrheit der Mitglieder sei aber passiv und nutze Facebook nur als Informationsquelle. Nur fünf Prozent der Mitglieder würden sich aktiv mit Beiträgen und Kommentaren beteiligen.

Basteln, Veranstaltungen und Airfryer

Neben den „Ortsgruppen“ betreut Zoller noch eine Vielzahl anderer Facebook-Gruppen, etwa eine deutschlandweite Bastelgruppe oder eine zum Thema Heißluftfritteuse. Hinzu kommen noch eine Vielzahl von regionalen Themengruppen: Beispielsweise der „Markgräfler Kreativ- und Hobbyraum“, wo Handarbeiten, Schmuck, Kunst und Bastelideen ausgetauscht werden, sowie die Gruppen „Wein- und Genusswelt Südbaden“, „Markgräfler Treffpunkt“, „Markgräfler Veranstaltungskalender“ oder „Netzwerk und Events Südschwarzwald“.

Hobby-Winzer

Vieles, wie die Freigabe von Beiträgen, sei Routine, und gehe mittlerweile recht zügig, berichtet Zoller. Als Frühaufsteher setzt er sich morgens mit einer Tasse Kaffee gut zwei Stunden auf sein „Facebook-Bänkchen“ im Hof und fängt an, die Beiträge zu moderieren.

Was immer mehr werde, seien Betrugsversuche. Als Beispiele nennt er betrügerische Verkäufer von Papageien oder von Brennholz. Diese Beiträge werden gleich gelöscht, betont er. Auch im Urlaub sei das Smartphone am Strand mit dabei, erklärt er und sagt, dass man die Gruppe nicht zwei Wochen einfach so laufen lassen könne.

Trotz allem findet der Hobby-Winzer noch Zeit, um einen befreundeten Winzer bei der Bewirtschaftung von vier Hektar Reben zu unterstützen.