Adile Dibek wird in Ulm geboren, zieht drei Kinder groß, arbeitet als Verkäuferin. Seit einiger Zeit erfindet sie sich neu – und Tausende lieben ihre schwäbisch-türkischen Rezepte.
Kleine Fleischstücke in sämiger Soße brutzeln in einem Topf. Man hört die Stimme einer Frau: „Saulegger, Kavurma!“ Adile Dibek steht in ihrer Küche, die Haare unter einem Tuch mit goldenen Münzanhängern, leise spielt im Hintergrund türkische Musik. „So, hallole“, sagt Adile Dibek in die Kamera. „I hab eich gfragt, was soll i mit meim Fleisch macha, ihr hend gsagt: Kavurma.“ Ein türkisches Fleischgericht. Wer ist diese Frau, Adile Dibek, die sich in ihren Videos Atzge nennt und den Schwaben erklärt, wie man Köfte, Kavurma und Mercimek Çorbası kocht? Eine 47-jährige Ulmerin mit türkischen Wurzeln, in sozialen Netzwerken begeistern sich Tausende für ihre schwäbisch-türkischen Videos. Dabei ist Adile Dibek eigentlich Verkäuferin bei Lidl, schafft im Museum als Aufsicht, und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in einem 600-Einwohner-Ort 15 Kilometer südwestlich von Ulm im Alb-Donau-Kreis.
Adile Dibek ist es gewohnt, sich erklären zu müssen.
Hier in der Küche ihres Hauses filmt sie sich, sagt Sätze wie: „Na hausch do Zwiebla nei.“ Abonnenten schreiben dazu: „Supertoll, deine Gerichte, lecker, und so unterhaltsam erklärt.“ Adile trägt Alltags-Outfits, eine gemütliche Fleecejacke oder einen rosa Jogginganzug, auf dem in geschwungener Schrift steht: „Coffee and Cuddles“.
Als sie heute die Haustür öffnet, wallen ihre blonden langen Haare über ihre Schultern, man erkennt sie kaum, denn in den Videos trägt sie immer ein Kopftuch. „Aus hygienischen Gründen“, sagt Dibek gleich, obwohl man gar nicht danach gefragt hat, warum sie ein Kopftuch trägt. Man merkt schon, sie ist es gewohnt, sich erklären zu müssen.
Adile Dibek wächst in den 80ern in Ulm auf, es geht ihr gut, wäre da nicht immer das gleiche Drama: „Nächstes Jahr gehen wir zurück in die Türkei“, sagt der Vater. Adile will aber nicht weg aus Ulm, nicht weg von ihren Freundinnen. Die Türkei kennt sie aus dem Urlaub. In dem türkischen Dorf ihrer Familie leben nur 60 Leute. Als Adile klein ist, holen die Frauen Wasser aus dem Brunnen mit einer Stange über den Schultern und zwei Eimern daran, viele haben Kühe und Hühner. Das ist schön. Aber daheim ist Adile in Ulm.
Der Großvater von Adile Dibek kommt 1969 nach Deutschland
Glücklicherweise folgt dann immer doch noch ein Jahr in Deutschland, und noch eins. Die Familie spart, steckt alles in ein Haus in der Türkei, das der Vater bauen lässt. Heute leben Adile Dibeks Eltern dort, von der kleinen Rente könnten sie in Deutschland nur schlecht leben, sagt die Tochter.
1969 erreicht Dibeks Großvater als Erster der Familie Ulm. Er stammt aus Zonguldak, einer Kohleregion etwa 260 Kilometer nordwestlich von Ankara an der Schwarzmeerküste. Der Großvater hat Glück in Deutschland, er schafft bald bei Telefunken und holt seine Frau nach, dann die Kinder. 1973 kommt Adiles Vater nach Ulm. Er findet einen Job bei Weroplast in Tailfingen, später als Lagerist bei Müller. 1979 wird Adile geboren, ihre Mutter zieht drei Kinder groß, arbeitet als Putzfrau.
Adile wächst zwischen zwei Welten auf, der Vater ist gläubig, die Familie geht oft in die Moschee. Trotzdem will sie kein Kopftuch tragen, im Gegensatz zu ihrer Schwester. Adile fürchtet sich davor, eine Außenseiterin zu sein. Die Schwester geht zu Hause als Vorbild voran, sie muss das Kopftuch aber in der Schule ablegen. Keine von beiden Schwestern kann es allen recht machen.
Trotz guter Noten musste Adile Dibek die Hauptschule besuchen
Adiles Noten in der vierten Klasse sind so gut, dass sie aufs Gymnasium könnte. Doch der Lehrer nimmt sie beiseite und sagt: „Adile, du bleibst einfach hier auf der Hauptschule, wir bekommen bald noch eine zehnte Klasse, dann kannst du Mittlere Reife machen, falls das dann noch Thema sein sollte.“ So kommt es, dass Adile und die anderen „Ausländerkinder“ die Hauptschule besuchen. Eine zehnte Klasse wird es nie geben, so lange Adile Dibek diese Schule besucht.
Die Lehrerinnen und Berufsberater schwärmen gegenüber den türkischen Mädchen vom tollen Beruf der Verkäuferin. Coop, Gubi, Edeka, dort landen sie dann auch alle, Adile und ihre Freundinnen. Adile bei einer kleinen Edeka-Filiale, erst da lernt sie richtig Schwäbisch. Die alten Leute kommen an die Kasse und sagen: „Hant Sie mir a Gugg?“ Adile fragt: „Entschuldigen Sie, wie bitte?“ – „A Gugg!“ Bald hat sie sich all die neuen Wörter einverleibt. Die junge Adile liebt das Schwäbische, den warmen, lustigen Klang.
Es sind die 90er – Tarkan erobert die Herzen der Frauen
Es sind die 90er, als Adile Dibek in Ulm in Ausbildung ist. Genau zu dieser Zeit schlägt Tarkans Hit „Sımarık“ ein wie eine Bombe, weltweit himmeln junge Frauen einen deutsch-türkischen Sänger an, Sohn von Gastarbeitern in Rheinhessen mit hellgrünen Augen und rabenschwarzem Haar, der davon singt, wie frech die Frauen jetzt sind. Tarkan – auch so ein Weltenwechsler: In der türkischen Gesellschaft wird er nie richtig akzeptiert, Konservative halten seine Texte für obszön. Doch für die junge Generation, für Adile und ihre Freundinnen, ist Tarkan ein Idol. Das Video zu seinem Kuss-Kuss-Hit dreht er im französischen Marseille, wird darin von einer Gruppe schöner Frauen in Miniröcken verfolgt. Tarkan trägt einen Ohrring, junge Männer imitieren seine Frisur. Er vermittelt ein Männerbild, das nichts mit den Machos der Vergangenheit zu tun hat.
Adile lernt ihren Mann in der Türkei kennen, als sie 15 ist. Am Meer. Schreibt ihm Briefe, jahrelang, immer montags telefoniert sie drei Minuten für zwölf Mark mit ihm. Bald schon hat sie ihn so weit: Er kommt zu ihr nach Deutschland. Von ihrem Mann lernt Adile in diesen ersten gemeinsamen Jahren so richtig kochen. Er kann es, denn er lebt allein bis er zu Adile zieht. Mit seinem Umzug gibt er auch seinen Beruf auf, seine Ausbildung als Elektriker wird in Deutschland nicht anerkannt. Seit 25 Jahren arbeitet er mittlerweile bei der Bahn als Reinigungskraft. Die Kollegen sind nett, viele Türken, am Abend nach der Schicht trinken sie Tee.
Adile Dibek hat einen Job als Aufsicht im Museum „Die Einsteins“ in Ulm, bald wechselt sie zum Servicepoint im Rathaus, das erzählt sie voller Freude. Und noch ab und zu steht sie bei Lidl an der Kasse, seit 20 Jahren ist sie Mitarbeiterin. Ein Knochenjob.
Als Adile Dibek ins Ulmer Umland zieht, ist das eine Umstellung
Als Dibek 2016 mit ihrem Mann und ihren Kindern in das Haus im Ulmer Umland zieht, schauen die Leute im Ort genau, wer da kommt. Wenn ihre Mutter oder Schwester mit Kopftuch zu Besuch sind, fragen sie: „Muss das sein? Du hast doch auch keines an.“ Und wenn Dibek abends weggeht, kommt anfangs die Frage, ob sie alleine rausdürfe. Adile muss sich daran gewöhnen. In der Nachbarschaft ist sie mit dem, was manche Migrationshintergrund nennen, allem Anschein nach allein. Doch mittlerweile kenne man sich, schätze einander.
Ende 2024 denkt Adile Dibek eines Morgens vor der Arbeit: Jetzt koche ich noch eine Linsensuppe, Mercimek Çorbası. Die können sich der Mann und die Kinder später aufwärmen. Und plötzlich hat sie die Idee, daraus ein Video für TikTok zu machen, sagt ins Handy: „Guck, des ko au a Schwob.“ Dibek lädt das Video hoch. Dann fährt sie zur Arbeit. Abends, bevor sie ins Bett geht, schaut sie in das Soziale Netzwerk: 80 000 Views, so oft ist das Video angeschaut worden. Den Leuten gefällt die türkische Schwäbin, sie schrieben: „Gelungene Integration.“
Für Adile Dibek klingt das absurd und auch ein bisschen lustig. Sie ist in der dritten Generation in Deutschland, fühlt sich als Ulmerin. Und ist es nicht tatsächlich so: Unsere Vorfahren sind alle irgendwann irgendwo hergekommen oder hingegangen. Ihre Traditionen und Geschichten haben sie uns hinterlassen – oder eben auch nicht.
Wer ist hier denn der deutschere Deutsche, und wer nicht? Müssen sich die einen mehr anstrengen als die anderen, um akzeptiert zu werden? Dibek will kein Integrationswunder sein, einfach nur Adile, Atzge, eine Frau und Mutter, eine Ulmerin mit türkischen Wurzeln, und eben: ein Mensch .
In ihren Videos kann Adile Dibek sich selbst zurückerobern
Die schwäbischen Formulierungen, die Adile Dibek in den Videos nutzt, hat sie in ihrem Leben in Ulm eingesammelt. Etwa als sie an der Metzgertheke arbeitet und die Wurst mit den Fingern anfasst, weil sie das so bei der Kollegin gesehen hat. Da stürmt der Meister herbei und schreit sie an: „Jessas, doch ned mit de nackede Händ!“ Adile antwortet: „Entschuldigen Sie, bitte.“ Heute gibt sie in ihren Videos Hackfleisch in eine Schüssel, mit Zwiebeln, Petersilie, sagt: „Jetzt gohsch do nai, mit de nackede Händ, jawoll!“ Adile Dibek lacht, sie will nicht lästern, weder über die Deutschen, noch über die Türken oder die Deutsch-Türken. Immer überlegt sie gründlich, will keinen kränken.
Doch die Einverleibung der schwäbischen Sätze ist auch Landgewinnung. In ihren Videos kann Adile Dibek sich selbst zurückerobern. Hier kann sie darüber bestimmen, wie ihre Geschichte erzählt wird. Das ist beflügelnd, nach all den Jahren, in denen alle immer so genau wussten, was für ein türkischstämmiges Mädchen in Deutschland das Richtige sein soll. Was hätte Adile lernen können, wäre sie, wie ihre Noten es nahelegten, aufs Gymnasium gekommen?
Es sei eine Frechheit, dass Dibek als Türkin schwäbische Kochvideos verbreite, schreibt einer
Adile Dibek stellt sich diese Fragen für sich selbst nicht mehr, will sich nicht beklagen: „Mein Vater hat uns so erzogen: arbeiten, keine Sozialhilfe.“ Doch bei der Schullaufbahn ihrer Kinder ist Adile Dibek wachsam. Mit ihnen spricht sie nur Deutsch, das bereut sie jetzt, sagt lachend: „Mein Sohn spricht Türkisch wie ein Deutscher.“
Adile Dibek ist kein politischer Mensch, ist selten wählen gegangen, aber jetzt macht sie sich Sorgen, auch wegen der AfD. Ihre Kinder bestehen darauf: „Ihr müsst wählen gehen!“ Bei einer der vergangenen Wahlen, als die Familie Dibek in der Wahlstube steht, fragt eine Frau, ob sie hier nicht falsch seien. Adile wird wütend. Die Tochter packt ihre Mutter am Ellbogen: „Lass es, Anne.“ Auch im Netz bekommt Dibek hin und wieder seltsame Kommentare: Es sei eine Frechheit, dass sie als Türkin schwäbische Kochvideos verbreite, schreibt einer. Dibek greift das auf und reagiert in einem Video direkt darauf.
Zum Glück bleibt so etwas die Ausnahme, sagt sie. Die meisten sind dankbar für Tipps zur türkischen Küche. Lustig findet sie auch die Kommentare der Deutsch-Türken unter ihren Videos. Die schreiben oft ganz eifrig: „Nein, nein, so geht nicht türkische Linsensuppe, du musst mehr Mehl rein machen.“ Oder: „Da fehlt noch Zitrone.“ Das liebt sie auch, diese Debatten über die richtigen Rezepte. Genau wie das Öl und die Gewürze aus der Türkei in ihrer Küche. Es gefällt ihr, wenn sie auf dem Salz jeden Tag die türkischen Wörter sieht.