Als Baby hat er nur geschrien, in der Schule war er der hibbeligste: Robin Hägle hat ADHS. Mit Vorträgen will der Student anderen Betroffenen Mut machen.
Was die Wissenschaft sagt und was Robin Hägle täglich erlebt – das seien manchmal zwei Paar Schuhe, sagt er. „Die Stimmen derjenigen, die täglich mit ADHS leben, sollten gehört werden“, sagt der 22-Jährige. Seine Stimme erhebt er und hält Vorträge. Denn er sagt: „ADHS ist eine Superkraft.“
Ein Jahr lang war Hägle in der Jugend komplett auf das Skateboardfahren fixiert, dann lag sein Fokus auf dem Thema Fahrrad. „Das war mein Leben, ich konnte an nichts anderes denken, ich habe alles gewusst.“ Der Unterricht rauschte damals an ihm vorbei, statt aufzupassen, hat er im Klassenzimmer Fahrräder konfiguriert.
Ohne Medikamente ging es nicht
Dass etwas anders mit Robin ist – seine Mutter beschreibt ihn als lautes Baby. Im Kindergarten war er unruhig. Mit sechs Jahren, also dem frühest möglichen Zeitpunkt, wurde er von Psychiatern getestet. Die Diagnose: ADHS.
Hägle bekommt Medikamente. Ohne die, meint er, hätte er sich in der Schule gar nicht konzentrieren können. Einerseits. Andererseits haben Betroffene die Fähigkeit, sich voll und ganz auf ein Thema zu fokussieren und darin absolute Experten zu werden. Hyperfokus heißt das. Hägle: „Als Höhlenmenschen wären wir die besten gewesen.“
ADHSler haben eine andere Wahrnehmung
Robin Hägle hat gelernt, seine „Superkraft“ gezielt einzusetzen. Er studiert soziale Arbeit im dualen Studiengang, seine Praxisphasen hat er bei der AOK in Balingen. Der junge Mann weiß, dass ADHSler auch eine andere Wahrnehmung haben. Sitzt er zum Beispiel mit seiner Freundin im Konzert, bekommt er die Gespräche drei Reihen hinter sich mit.
Das kann anstrengend sein. Viele Betroffene, berichtet Hägle, würden auf Boxsäcke eindreschen oder hundert Liegestützen machen, um die tagsüber angestaute Energie abzubauen. Hägle selbst spielt Fußball und ist Schiedsrichter bei Kinderturnieren.
„Da brauche ich einen Tunnel“, erklärt er. Würden zum Beispiel mitfiebernde Eltern der kleinen Kicker etwas über den Rasen rufen, beschäftige ihn das tagelang. Fußball sei dann sein Ventil. Als Spieler könne er heftig gegen den Ball treten. „Und ich mache gerne dumme Sprüche.“
Das hat Hägle mit Elon Musk wohl gemeinsam
Elon Musk, meint Hägle, sei „unter dem Radar ein ADHSler“. Als Unternehmer sei der Amerikaner absoluter Experte in einem Gebiet. Wie Musk auch gelinge es Betroffenen, außerhalb von Schubladen zu denken. Für sein Studium bedeute das für den Studenten: „Ich will es so einfach und schnell und so gut wie möglich machen.“
Mit seinen Vorträgen will Robin Hägle „die Welt ein bisschen besser machen“ und Verständnis wecken für ADHS. Jüngst hat er auf Einladung der Stadt Albstadt beim Citymanagement gesprochen. Unter anderem auch darüber, dass man die ADHS an die Umwelt anpassen soll und nicht die Umwelt an das Kind. Nur so könne aus der vermeintlichen Schwäche eine absolute Superkraft werden.
ADHS – was ist das?
ADHS
(Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die durch Symptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität gekennzeichnet ist.
Ein Beispiel dafür
ist der sogenannte Hyperfokus. Obwohl ADHS häufig mit Konzentrationsschwierigkeiten assoziiert wird, erleben viele Betroffene Phasen intensiver Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe, bei der sie alles andere ausblenden. Diese Zustände können produktiv sein, führen jedoch auch dazu, dass grundlegende Bedürfnisse wie Essen oder Schlaf vernachlässigt werden
Ein weiteres Phänomen
ist die affektive Labilität, also schnelle und unvorhersehbare Stimmungsschwankungen, die den Alltag erheblich beeinflussen können.
Der Vortrag
findet am Dienstag, 10. Juni, 18 Uhr, via Teams statt. Anmeldungen per Email an robin.haegle@gmx.de