Beim ADAC bestätigt eine externe Prüfung die schlimmste Befürchtung: Auch an der Platzierung beim Autopreis „Gelber Engel“ wurde gedreht – ADAC-Präsident Meyer tritt zurück. Foto: dpa

Der ADAC versucht durchzugreifen. Der Club will seinen Präsidenten Peter Meyer vom Hof jagen, der kommt dem Rauswurf mit seinem Rücktritt zuvor – will aber als Regionalchef Nordrhein weiter mitreden. Statt Aufbruch und Beruhigung herrscht weiter Chaos beim gebeutelten ADAC.

München - Noch am Morgen schien dem ADAC ein weiterer quälend lähmender Tag des Wegduckens und der Nicht-Information bevorzustehen. Die Führung des einst so stolz auftretenden Allgemeinen Deutschen Automobilclubs mit seinen fast 19 Millionen Mitgliedern wusste immer noch nicht zu sagen, wann und in welchem Rahmen die ersten Untersuchungsergebnisse der renommierten Wirtschaftsprüfer von Deloitte über die Betrügereien beim „Gelben Engel“ 2014 veröffentlicht werden. „Montag oder Dienstag“, sagt der ADAC-Pressesprecher Christian Garrels unserer Zeitung. „Wann genau, steht derzeit noch nicht fest.“

Um 10.33 Uhr kommt dann eine Mitteilung des Konzerns: Es ist die Stauprognose für das Wochenende, wegen zahlreicher Winterurlauber wird zäh fließender Verkehr von der A 1 bis zur A 99 erwartet. Zu diesem Zeitpunkt haben sie offenkundig gerade heftigst gerungen in der Führungsetage der gelben Münchner ADAC-Zentrale an der Hansastraße.

Das Präsidium hat sich versammelt, doch ob es überhaupt schon den Bericht der Wirtschaftsprüfer vorgestellt bekommen hat, ist zweifelhaft. Denn in dem Gremium der acht älteren Herren – und ohne eine einzige Frau – geht es darum, den Präsidenten, den Chef also, zum Rücktritt zu bewegen. Peter Meyer, 64 Jahre alt und seit 14 Jahren an der Spitze der ehrenamtlich tätigen Runde, scheint sich zu weigern und seine Devise aufrechter­halten zu wollen, dass er in der Krise nicht „ausbüxt“. Doch die anderen schmeißen ihn raus. Sie beschließen, wie es am Nachmittag heißt, „ein Suspendierungsverfahren gegen Peter Meyer“. Es gebe „erschütternde Ergebnisse­ der aktuellen Krisenaufarbeitung“.  Und Meyer sei „in seiner Funktion als ADAC-Präsident schon aufgrund der Satzung­ in besonderem Maße für Kommunikation und Außenwirkung verantwortlich“.

Kommissarisch soll nun Vizepräsident August Markl, 65 Jahre alt, den Club leiten. Im Mai soll ein neuer Chef gewählt werden.

Drei Wochen ist es her, als der Betrug bei der Wahl des angeblichen Lieblingsautos der Deutschen zum „Gelben Engel“ aufflog, seitdem ist der ADAC dem Dauerfeuer der öffentlichen Kritik ausgesetzt. Ein Beobachter meinte noch am Wochenende, der Verband werde die Skandale „nicht überleben“. Doch statt der vielfach versprochenen schonungslosen Aufklärung über gefälschte Wahlen zum angeblichen Lieblingsauto der Deutschen, Präsidiums-Transportflüge im Rettungshelikopter oder überteuerte Autobatterien, die Autofahrern mit einer Panne angedreht worden sein sollen, begibt sich das ADAC-Führungspersonal  in eine immer tiefere interne Schlammschlacht.

Die Rücktrittserklärung von Peter Meyer selbst, die nicht von der Münchner Zentrale, sondern von Meyers ADAC-Regionalableger Nordrhein verbreitet wurde, enthält heftige Attacken vor allem gegen die hauptamtliche Geschäftsführung des Vereins. Diese besteht wiederum aus fünf weiteren Herren unter der Leitung des Vorsitzenden Karl Obermair. Meyer sagt, er wolle nicht mehr „für Fehler und Manipulationen von hauptamtlichen Führungskräften“ verantwortlich gemacht werden.

Wen greift der Speditionsunternehmer aus Mülheim an der Ruhr, der auch im CDU-Wirtschaftsrat sitzt, damit an? Etwa den Vorsitzenden Karl Obermair, der sich nach ersten Vorwürfen im Zusammenhang mit den Gelber-Engel-Manipulationen hämisch über die Journalisten geäußert hat? Oder hat er Kenntnis darüber, dass die Tricksereien nicht allein von dem zurückgetretenen Kommunikationschef Michael Ramstetter ausgegangen waren? Rechtlich gesehen ist der ADAC ein sogenannter Idealverein. Das heißt, er ist nicht gemeinnützig, aber er strebt auch keinen Gewinn an. Vielmehr richtet er sich an den Interessen und Bedürfnissen der Mitglieder aus. Ein Idealverein sollte keine Leistungen auf den Markt bringen, auf jeden Fall darf er dies nicht als seinen Hauptzweck ansehen. Doch was ist mit den zwei Dutzend Unternehmen unter dem ADAC-Dach, die Reisen, Versicherungen oder Bekleidungswaren feilbieten? Und was ist mit der protzigen Aussage, dass der ADAC der größte Verkäufer von Autobatterien ist? 

Der neue ADAC-Präsident August Markl, ein Apotheker aus München, der das Bundesverdienstkreuz am Bande trägt, hat jüngst einen Vortrag über den ADAC und sein Image gehalten. Der Kerngedanke war, dass „die Marke ADAC“, also der Ruf des zuverlässigen Pannenhelfers, des unbestechlichen Testers, des sachkundigen Ratgebers, das „höchste Gut“ des Vereins sei. Dem dürfte nicht mehr so sein. Es folgen weitere Rücktrittsforderungen, etwa an Obermair.

Der Münchner SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn vermutet auch strafrechtliche Verfehlungen. Bei den Provisionen an Pannenhelfer für den Verkauf von Autobatterien sieht er den Verdacht auf ­Betrug. Zu Untreue und missbräuchlicher Verwendung von Mitgliedsbeiträgen könnte es gekommen sein, als ADAC-Präsidiumsmitglieder wie Peter Meyer mit dem Rettungshubschrauber von einem Termin nach Hause geflogen wurden. Oder als in Braunschweig der Rasen eines Fußballstadions mit dem Rettungshubschrauber getrocknet wurde.

Bei alldem ist an diesem ADAC-Chaostag die Studie der Deloitte-Wirtschaftsprüfer fast in Vergessenheit geraten. Wurden beim „Gelben Engel“, den der VW Golf als angeblich beliebtestes Auto der Deutschen gewann, nicht nur die Zahlen um das Zehnfache aufgebläht? Sondern wurde auch BMW in die „Top 5“ reingehievt, wurde also auch die Rangfolge manipuliert?

Am späten Nachmittag dann die Aufklärung des ADAC, der die Deloitte-Ergebnisse auch online gestellt hat: Ja, die Stimmen wurden vervielfacht. Ja, die BMW-5er-Reihe wurde nach oben gehievt und der VW Tiguan nach unten gedrückt. Der „verantwortliche Mitarbeiter“ hatte die Daten so manipuliert, dass insgesamt 125 954 Stimmen bei der „Gelbe Engel“-Wahl abgegeben wurden. 117 106 davon haben nie existiert. Auch für „veränderte Ergebnisse“ in den Vorjahren gebe es „eindeutige Hinweise“, so der ADAC. Die großen Hersteller Daimler, BMW und VW kündigen übereinstimmend an, alle vom ADAC vergebenen „Gelben Engel“ zurückzugeben, weil gefälschte Preise für sie wertlos seien. Gegen den Ex-Kommunikationschef  Michael Ramstetter werden rechtliche Schritte vorbereitet.