Martin Lindow als Rechtsanwalt Björn Diemel (karierter Anzug) erlebt in dem Stück Haarsträubendes. Foto: Baublies

Schrill, überdreht und sehr hektisch: So kam die Bühnenfassung des Erfolgs-Romans „Achtsam Morden“ von Karsten Dusse am Freitagabend im Lahrer Parktheater daher.

Die auf der Bühne unsichtbaren Morde geschahen sicher nicht mit Absicht. War Achtsamkeit das Motiv des ansonsten friedfertigen Rechtsanwaltes Björn Diemel? Gespielt von Martin Lindow hatte er zumindest keine Mühe, seine neue Errungenschaft Achtsamkeit mit den Gewalttaten zu erklären. Oder war es umgekehrt?

 

In der Inszenierung des Euro-Studios Landgraf hat Pascal Breuer (Regie) den ersten Roman von Karsten Dusse, der in der Taschenbuchausgabe mehr als 400 Seiten hat, auf zwei Stunden Bühnenzeit zusammengedrängt. Regie und Darsteller haben die konsequenterweise sehr schrille, schnelle und groteske Slapstick gut gespielt. Diemel, in der Ouvertüre wasserdicht verpackt, erklärte, dass er zum einen „kein gewalttätiger Mensch“ sei und zum anderen seine „ersten Morde erst mit 42 Jahren vollbracht“ habe.

Schauspieler wechseln Rollen zum Teil rasant

Hängen die erste Gewalttat und andere, die unweigerlich folgen, mit dem Beruf als schmieriger Mafia-Anwalt zusammen? Immerhin war der erste Mord nicht beabsichtigt, aber der im Kofferraum notgedrungen versteckte Mafioso Dragan (Stephan Bürgi) hätte die hochsommerliche Idylle des Vaters Diemel mit seiner Tochter Emely (Ronja Renko) an einem See nachhaltig gestört. Und nach 36 Stunden im Kofferraum eines Autos, das in der Sonne steht, ist auch das Leben eines Mafiosos unweigerlich zu Ende. Eine Erkenntnis: Wäre der Kriminelle seinerseits achtsam gewesen, hätte er seine Verbrechen auch nicht vor einem Reisebus mit 50 Schülern und 50 Handys begangen.

Also sieht sich der achtsame Diemel frei von Vorwürfen. Lag die Schuld möglicherweise bei der ebenfalls von Renko gespielten Ehefrau Katharina? Immerhin hatte sie, um ihre Ehe zu retten und einen Kindergartenplatz für das Töchterlein zu ergattern, ihrem Mann ein Achtsamkeitsseminar verordnet. Der Trainer Joschka Breitner (ebenfalls Bürgi) tritt als Kommentator immer wieder auf. Innerhalb der vielen verschiedenen Figuren, die Jenko und Bürgi in mitunter rasantem Wechsel spielen, war der Trainer immer an seinem barfüßigen Auftritt und der nonchalanten Langeweile zwischen verwirrend vielen anderen Figuren zu unterscheiden.

Im Stück geht es auch um einen verweigerten Kindergartenplatz für das Töchterlein. Denn der wird dem Ehepaar aufgrund der Tatsache verweigert, dass Diemel einen Mandanten vertritt, der im Gebäude der Kita ein Bordell eröffnen möchte. Am Ende, hier folgt das Bühnenstück exakt dem Roman, wird dann zudem ein weiterer Übeltäter in den Kofferraum des Diemelschen Pkws gepackt – und es ist immer noch sehr heiß.

Die Leistung und die Wandlungsfähigkeit von Ronja Renko (Tochter, Gattin, Kriminalkommissarin, russische Serviererin oder untergeordneter Mafioso) und von Stephan Bürgi (Achtsamkeitstrainer, mehrere Mafiabosse oder wunderbar komisch als gekränkte Sekretärin in der Kanzlei Diemels) war enorm. Lindow als Björn Diemel hatte dagegen eine feste Rolle. Er war – von dem ganz und gar schiefen Auftritt am Anfang abgesehen – immer und sehr zuverlässig zwischen Kreischen und Verzweiflung anzusiedeln. Das aber war verständlich angesichts des Missverhältnisses von dem Versuch achtsam zu sein und diversen Gewalttaten als Folge seiner Bemühungen.

Die Handlung kennt keinerlei Logik

Die schnelle und hektische Abfolge der Szenen, die mitunter vom Trio bewusst konterkariert wurde, ist eine Möglichkeit, den ersten Roman des echten Rechtsanwaltes Karsten Dusse auf der Bühne in erträglicher Zeit zusammenzudrängen. Die Entscheidung der Regie, hier alles sehr stark bis grotesk zu überzeichnen, war in diesem Sinne konsequent. Allerdings gehört „Achtsam morden“ als Buch zu den Leichtgewichten in dieser Literaturgattung. Die Handlung auf der Bühne hatte keinerlei Logik, noch wollte oder konnte sie auch nur annähernd realistisch sein.

Die Szenen, viel Wortwitz, eine angemessene Leistung aller Darsteller und sehr viel schwarzer Humor haben den verdienten Applaus bekommen.

Was ist „Achtsamkeit“

Der Duden definiert Achtsamkeit als „eine Form der Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart, sich selbst, dem Moment und dem Umfeld gegenüber“. Anders ausgedrückt: Achtsam bedeutet, „vorsichtig und sorgfältig“ zu handeln. So besehen war Diemel sehr achtsam: Im Stück kommt er mit seinen Taten ungeschoren davon.