Mit einem Cityroller soll eine Frau bei einer Auseinandersetzung in Rottenburg im Gesicht verletzt worden sein. (Symbolfoto) Foto: Jens Büttner/dpa

Zwei Rottenburger Großfamilien prügeln mit Fäusten, Stock und Stange aufeinander ein. Eine Frau bekommt einen Cityroller ins Gesicht und wird schwer verletzt. Dass sich der Vorfall aber auch ganz anders als gedacht hätte ereignen können, macht ein achtjähriger Junge vor Gericht klar.

Den Schlag mit dem Cityroller ins Gesicht der Frau habe es gegeben, gesteht der 23-jährige Angeklagte aus Rottenburg in dem Prozess am Amtsgericht gleich zu Beginn. Er sei aber passiert, weil er sich gegen mehrere Angreifer zur Wehr gesetzt habe. Die Frau – seine Nachbarin – habe er nicht absichtlich treffen wollen. Angeklagt ist er jetzt wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung.

 

Es ist ein Abend im Mai des vergangenen Jahres, als sich die Spannungen zwischen zwei benachbarten Familien in Rottenburg entladen. Der Nachbar des Angeklagten stellt zunächst fest, dass sein Auto zerkratzt ist. Er vermutet, dass die Kinder der Nachbarn für die Kratzer verantwortlich sind: Er sagt vor Gericht: „Die Kinder spielen die ganze Zeit vor dem Auto Fußball. Der Ball trifft immer wieder das Auto.“

Darüber, was in den Minuten nach der Entdeckung des Kratzers geschehen ist, gehen die Meinungen auseinander. Laut eigener Aussage habe der Autobesitzer sich lediglich geärgert. Dann soll der Angeklagte raus gekommen sein und sei sofort aggressiv gewesen.

Nachbar soll Fahrrad in Neckar geworfen haben

Der 14-jährige Cousin des Angeklagten schildert, wie er von dem Nachbar mit dem zerkratzten Auto konfrontiert worden sei: „Er hat mich geschubst und mein Fahrrad in den Neckar geworfen. Er wollte mich schlagen.“

Laut den Schilderungen des Angeklagten sei sein Bruder zu ihm ins Haus gekommen und habe gesagt, dass der Cousin unten geschlagen werden. „Ich bin nach unten gerannt, ohne Schuhe, nur mit Unterhemd und Boxershorts bekleidet“, berichtet der 23-Jährige. Draußen sei er auf drei Männer getroffen. Sie hätten ihn an den Haaren gezogen und ihn geschlagen. Dann seien immer mehr Leute auf ihn zugekommen. Er habe nach einem Cityroller gegriffen, um den Nachbarn mit dem zerkratzen Auto treffen. Dieser habe sich jedoch geduckt und der Roller habe dessen Frau im Gesicht getroffen.

In der Zwischenzeit müssen sämtliche Familienmitglieder beider Familien zum Schauplatz des Geschehens hinzugekommen sein, versuchten wohl entweder zu schlichten oder sich zu gegen die Kontrahenten zu wehren. Als Waffen seien laut Zeugen neben dem Cityroller unter anderem ein Holzstock und eine Eisenstange zum Einsatz gekommen. Die Mutter des Angeklagten schildert: Acht Personen seien auf ihren Sohn losgegangen. „Die Frauen haben ihn festgehalten, die Männer haben geprügelt.“

31-Jährige erleidet ernsthafte Verletzungen

Die schwersten Verletzungen trägt die 31-jährige Frau durch den Schlag mit dem Cityroller davon. Sie erleidet eine Nasenfraktur, die operiert werden muss, verliert einen Zahn, hat eine Gehirnerschütterung. Sie sagt vor Gericht: „Es geht mir nicht gut, ich werde im Dezember wieder an der Nase operiert.“ Sie bekomme schlecht Luft, habe noch Schmerzen und nachts Alpträume. Besonders dramatisch: „Ich hatte vier Wochen vor dem Vorfall entbunden und musste abstillen. Ich habe die Bindung zu meinem Kind verloren.“ Zwei Wochen lang habe sie sich nicht um ihr Neugeborenes kümmer können.

Vor Gericht ist sie aufgewühlt und aufgeregt, als sie von dem Vorfall berichtet. Der Angeklagte sei sehr aggressiv gewesen. Er habe sein T-Shirt zerrissen, sie beleidigt und sei wie ein Boxer herumgerannt, der ein „Eins-zu-Eins“ wolle.

Was Amtsgerichtsdirektor Stefan Fundel an den Schilderungen nicht nachvollziehen kann: Warum kommt es zu dem Schlag mit dem Cityroller, wenn der Angeklagte zurückgewichen sein soll? Er sagt: „Wenn Sie stehen geblieben wären, dann hätte er nicht zugeschlagen.“

Die Aussage des Achtjährigen

Dann erleben das Gericht und die zahlreichen Zuschauer im Saal noch einen ungewöhnlich jungen Zeugen: Der achtjährige Bruder des Angeklagten erzählt, wie sich die Geschichte aus seiner Sicht zugetragen habe. Er berichtet: „Wir haben Fußball gespielt. Der Mann fragte, wer die Kratzer am Auto gemacht hat. Dann ist er zum Auto gegangen und hat ein Messer geholt.“ Die Mädchen hätten seinen hinzukommenden Bruder an den Haaren gezogen, der Mann sei auf ihn gesprungen und habe ihm das T-Shirt zerrissen. Was den Einsatz des Cityrollers angeht, belastet der Junge seinen Nachbarn: „Der Mann hat mit dem Scooter seine Frau geschlagen und dann gesagt, dass es mein Bruder gewesen sein soll.“ Als die Polizei kam, seien alle Waffen in den Neckar geworfen worden.

Im Anbetracht der nicht vollständig aufzuklärenden Abläufe schlägt die Staatsanwaltschaft eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Schmerzensgeldzahlung von 500 Euro vor. Verteidigung und Richter stimmen dem Vorschlag zu.