Die Rotmilane in Neubulach fühlen sich in diesem Baum recht wohl. Acht Stück haben sich dort platziert. Foto: Michaela Mehlhorn

Ein ganzer Haufen Rotmilane sitzt zwischen Neubulach und Wildberg in einem Baum. Unsere Leserin hält den Moment mit ihrer Kamera fest. Das Verhalten sei durchaus normal, erklärt ein Experte aus dem Landratsamt das nicht alltägliche Naturschauspiel.

Neubulach - Michaela Mehlhorn aus Neubulach traute ihren Augen kaum, als sie vor Kurzem vom Neubulacher Hella-Glück-Stollen in Richtung Wildberg wanderte.

Denn auf einem Baum irgendwo zwischen zwei Bauernhöfen saßen acht Rotmilane – in friedlicher Eintracht wohlgemerkt. Mehlhorn zückte als Hobbyfotografin natürlich sofort ihre Kamera und lichtete das ungewöhnliche Naturschauspiel ab. "Das war reiner Zufall, die bleiben da ja selten so sitzen", erklärt Mehlhorn im Gespräch mit unserer Zeitung. So etwas habe sie noch nie gesehen, berichtet sie weiter. Doch das Bild der sitzenden Vögel habe sie an eine Reise nach Südafrika erinnert, wo die Aasgeier auf den Bäumen saßen und auf Nahrung lauerten.

Schlafgemeinschaften im Winter sind üblich

Und genau so ähnlich ist das Verhalten der Rotmilane auch zu deuten – vom Aas einmal abgesehen, denn Milane sind Greifvögel und ernähren sich hauptsächlich von noch lebendem Getier wie Mäusen. Doch dass die Milane gemeinsam in Bäumen sitzen, sei nichts Ungewöhnliches, wie Experte Winfried Haug vom Landratsamt Calw erklärt. Die hauptamtliche Naturschutzfachkraft, von denen es vier im Landratsamt gibt, kennt solche Phänomene vor allem aus dem Winter: "Da bilden die Tiere Schlafgemeinschaften und überwintern dann gemeinsam." Da könnten dann auch mal gut und gerne bis zu 20 Tiere gemeinsam nächtigen. Auch hierfür ist mitunter der Klimawandel verantwortlich, wie Haug weiß. Eigentlich überwintern die Tiere in wärmeren Gefilden Europas – etwa in Frankreich oder Spanien. Doch die wärmeren Winter veranlassen immer mehr Vögel dazu, bereits im Südwesten Deutschlands diese Jahreszeit auszusitzen – also auch im Kreis Calw.

Erst in der Brutzeit ent­wickeln die Tiere laut Haug ein Revierverhalten, rund um die Brutstätte selbst. "Um den Horst herum halten die sich dann schon auf Abstand", erläutert der Kreisökologe, wie der Job von Haug einst hieß. Doch an "attraktiven Nahrungshotspots" tauchen dann ab und an wie jetzt mehrere Rotmilane gleichzeitig auf. "Die kommen dann aus verschiedenen Richtungen", so Haug. Gerade an umgepflügten Äckern, Deponien oder landwirtschaftlichen Flächen sei das Interesse der Greifvögel besonders hoch, denn "da passiert was am Boden". Sprich, die vom Pflug aufgescheuchte Maus ist gerade noch der maschinellen Beackerung entkommen und sieht sich schon im nächsten Augenblick mit einer Armada hungriger Rotmilane konfrontiert. Und weil auf solchen Flächen eben so viel Nahrung vorhanden ist, beharken sich die Rotmilane auch nicht, sondern greifen sich aus dem reichhaltigen Nahrungsangebot jeweils ihren Teil ab. Danach geht es meist zurück zum Horst.

Aussagekraft der Statistik eher unklar

Mehlhorn aus Neubulach hat übrigens den Eindruck gewonnen, dass die Rotmilane in den vergangenen Jahren mehr geworden seien. Haug vom Landratsamt kann das in Teilen bestätigen. "Offensichtlich ist es schon mehr, es deutet jedenfalls viel drauf hin. Es ist eben die Frage: Zähle ich nur besser oder sind es tatsächlich mehr Tiere?", weiß Haug um die Problematik der Statistiken. Doch das Land Baden-Württemberg schließe daraus, dass es dem Rotmilan wieder besser gehe.

Das zeigen auch die Zahlen aus dem Greifvogelmonitoring von 2019: In Baden-Württemberg beläuft sich laut Landesanstalt für Umwelt (LUBW) der Bestand auf 4100 bis 4500 Revierpaare. Damit hat die Population in Baden-Württemberg laut LUBW einen relevanten Anteil am Weltbestand.

Und genau deshalb müsse man auch ein waches Auge auf die Vögel werfen, ergänzt Haug: "Das ist jetzt kein problematischer Vogel, aber wenn es dem Bestand bei uns schlecht geht, geht es der ganze Weltpopulation schlecht." Es sei jetzt allerdings nicht so, dass man sich um das Tier Sorgen machen müsse – jedenfalls nicht in Baden-Württemberg.

Auch deshalb wurde der Rotmilan aus der Roten Liste der bedrohten Arten mit Blick auf Gesamtdeutschland gestrichen. Anders sieht es hingegen in anderen Teilen Deutschlands aus. "Regional, insbesondere im Niederrheinischen Tiefland und in der Eifel, drohen die Bestände zu erlöschen, in der niederrheinischen Bucht und im Weserbergland ist der Rotmilan stark gefährdet", erklärt der Nabu aus Nordrhein-Westfalen mahnend.

Es gibt also bedeutende Unterschiede in den verschiedenen Rotmilan-Gebieten. In Neubulach scheinen sich die Tiere jedenfalls wohlzufühlen, wie das Bild von Mehlhorn nahelegt. Das, so die Hobbyfotografin abschließend, freue einen dann schon beim Wandern in der Natur.

Info: Der Rotmilan im Kurzporträt

Aussehen: Der Rotmilan ist ein Greifvogel, der eine Größe von rund 60 Zentimetern erreicht und bis zu 1,3 Kilogramm schwer wird. Charakteristisch sind vor allem der tief gegabelte Schwanz und die rötlichbraune Färbung.

Vorkommen: Der Vogel brütet vor allem in Mitteleuropa. Mehr als 50 Prozent der Weltpopulation lebt allerdings in Deutschland. Hiervon entfällt ein großer Teil auf Baden-Württemberg – um die 4500 Tiere hat die LUBW 2019 gezählt.

Lebensraum: Felder, Wiesen und Gehölze sind das bevorzugte Habitat des Rotmilans. Er ist vor allem in landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaften zu finden.

Nahrung: Kleine Säugetiere wie Wühlmäuse, andere Vögel oder Aas verspeist der Rotmilan zumeist. Vor allem auf frisch bearbeiteten Feldern, aber auch in der Nähe von Deponien sucht er nach Futter.

Nachwuchs: Nach dem Winter beginnt die Paarungszeit. Es werden zwei bis drei Eier gelegt. Zum Nestbau verwenden die Tiere auch Fremdmaterial wie Plastikfolien, Papier oder Plüschtiere. Rund 30 Tage dauert es, bis die Küken schlüpfen. Nach weiteren 50 Tagen sind sie flügge und verlassen das elterliche Nest.

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