Achim Klausner vom Revier Schönbuch Unterwegs mit dem Förster des Jahres
Der Förster des Jahres heißt Achim Klausner. Bekannt geworden ist er durch kurzweilige Social-Media-Beiträge, in denen es um Bäume, Pilze und Fällarbeiten geht – und manchmal auch um nervige Waldbesucher.
Es vergehen nur wenige Minuten, da entdeckt Achim Klausner bereits sein erstes Motiv. „Diese Eschen hier wurden gefällt, weil sie fast tot waren“, sagt der Förster und zeigt auf mehrere wuchtige Stämme, die im Unterholz liegen. Er seufzt. „Der invasive Pilz, der diese Bäume befällt, lässt sie von unten abfaulen. Über kurz oder lang werden vermutlich alle Eschen daran sterben.“
Achim Klausner durchstreift sein Revier Schönbuchlichtung-Nord. Er ist als Förster im Landkreis Böblingen zuständig für Stadtwald, Gemeindewald und Privatwälder in Holzgerlingen, Schönaich und Steinenbronn sowie den Genossenschaftswald Laubach bei Schönaich. Die morschen Eschen bilden einen traurigen Moment an diesem sonst so sonnigen Morgen. Doch Resignation ist nicht seine Sache. Stattdessen zückt er das Handy, kniet sich vors Totholz und drückt die Aufnahmetaste.
Anekdoten über Maulwürfe, Fichtenzapfen und Eichhörnchen-Babys
Sein Finger zeigt auf eine Stelle, die aussieht, als sei zu viel Wasser über einen Parkettboden gelaufen. „Wenn man genau hinguckt, ist das Holz hier verschiedenfarbig“, erklärt der Experte, während er bröckelnde Rinde durch seine Finger rinnen lässt. „Das ist schon die Vorstufe von Fäule.“
Und Cut! Nicht mal 20 Sekunden hat er gebraucht, um das Eschentrieb-Sterben zu erklären. Das Video wird er später bearbeiten, mit Musik unterlegen und bei Instagram hochladen – Waldpädagogik für die Generation Smartphone. Für Klausner ist es nicht das erste Video dieser Art. Schon seit mehreren Jahren füllt er das Internet mit Anekdoten über Maulwürfe, Fichtenzapfen und Eichhörnchen-Babys. Sein Engagement kommt auch jenseits von Baden-Württemberg gut an: Der Deutsche Landwirtschaftsverband, der jedes Jahr den Deutschen Waldpreis vergibt, hat Klausner zum Förster des Jahres 2024 gewählt. Er trägt diesen Titel bis Juli 2025, dann wird in Berlin sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin gekürt.
Viel Lob für Klausner
Der Preis „zeichnet Menschen aus, die (…) mit ihrem Einsatz für die nachhaltige Waldwirtschaft besonders positiv aufgefallen sind“, schreibt der Verband auf seiner Website. Auch der Landrat des Kreises Böblingen, Roland Bernhard, schwärmt über den Internet-affinen Förster: „Indem er die Menschen unterhaltsam quasi mit in den Wald nimmt, kann er vieles darstellen, was rund um die Forstwirtschaft wichtig ist“, sagt der parteilose Politiker. Dass Achim Klausner das alles aus eigenem Antrieb und vieles davon ehrenamtlich „einfach mal gemacht“ habe, ehre ihn als Mensch.
Dem Preisträger selbst ist so viel Lob fast schon unangenehm. „Ich habe während der Pandemie mit den Videos begonnen“, erzählt der 49-Jährige. „Mir taten die ganzen Leute leid, die im Lockdown nicht nach draußen konnten, während ich kraft meines Amtes jeden Tag im Wald war. Also wollte ich den Wald zu den Leuten bringen.“
Förster Klaus auf Youtube
Wie das geht, erfuhr der Förster von seiner damals 15-Jährigen Tochter. Sie half bei der Auswahl der Ausrüstung, kümmerte sich um den Videoschnitt und gab auch den einen oder anderen Tipp zum Inhalt. Wobei Klausner sowieso lieber einfach drauflosredet: „Ich bin eine One-Man-Show, brauche weder Stativ noch Drehbuch. Was ich sage, entsteht spontan in meinem Kopf.“
Das erste Video lud er am 2. April 2020 bei Youtube hoch. „Hallo nach Haus mit Förster Klaus“ heißt es, wobei er seinen Beruf schwäbisch-korrekt mit „sch“ ausspricht. Im raschelnden Laub tritt er an eine Blindschleiche heran, die vom nahen Frühlingserwachen kündet. Anders als oft angenommen, handele es sich dabei nicht um eine Schlange, sondern um eine Echse. „Sie ist weder glitschig noch blind. Und sobald es warm wird, kommt sie raus.“
Videos mit über einer Million Klicks
Es folgten 76 weitere Youtube-Kurzfilme. Mal geht es um Pilz- und Baumarten, ein anderes Mal um illegal entsorgten Müll oder unnötigen Lärm („Da bitte ich um Respekt“). Neben ernsten Themen kommen aber auch lustige Einlagen nicht zu kurz: Klausner, wie er bei minus 19 Grad seinen Hybrid-Geländewagen ausprobiert. Klausner, wie er sich eine Horde Waldameisen über die Hand krabbeln lässt. Klausner, wie er mit einer Motorsäge einen zugefrorenen Tümpel traktiert („Eis, Eis, Baby“).
Nach einem Jahr wechselte er die Plattform. „Bei Instagram geht das Editieren deutlich schneller“, findet der Förster des Jahres. Statt vier Stunden brauche er nur noch wenige Minuten, bis ein kompletter Clip fertig sei. Seine besten Beiträge? Ein Video über Kalk, der sauren Regen bekämpft (eine Million Klicks), sowie ein Video über Jogger mit Kopfhörern (1,4 Millionen). „Besonders der Jogger wurde kontrovers diskutiert“, sagt Klausner. „Lebt er gefährlich, weil er heranfahrende Forstfahrzeuge nicht hört, oder ist es sein gutes Recht, Kopfhörer im Wald zu tragen?“ Klausners Erkenntnis zu den Videos: „Das Volk will Brot und Spiele.“ Seichte Unterhaltung laufe oft besser als reine Wissensvermittlung. „Da muss ich mich anpassen und den richtigen Mittelweg finden.“
Bei Müll-Vergehen hört für den Förster der Spaß auf
Obwohl die Einschränkungen der Pandemie lange vorbei sind, macht Klausner weiter. Reichen ihm die 10 000 Follower, die bei Instagram aktuell seine Videos abonniert haben? Der Förster lacht. „Da bin ich wie ein Pfarrer. Im Notfall predige ich auch für einen.“ Ihm sei es wichtig, gerade mit jungen Menschen in Kontakt zu treten. „Das Wissen zum Wald nimmt ab, viele Kinder sind heute deutlich weniger draußen, als es bei meiner Generation der Fall war. Da versuche ich ein bisschen gegenzusteuern.“
Wenn eine Aufnahme beendet ist, wird der Förster des Jahres wieder zu einem „normalen“ Förster. Dann kümmert er sich um die Holzernte, pflanzt Bäume, flickt Schlaglöcher oder bittet Umweltsünder zur Kasse, die ihren Müll in den Wald werfen. Einmal habe er die Delinquenten sogar auf frischer Tat ertappt, bei der Entsorgung von Glaswolle. „Wenn jemand zum ersten Mal im Wald parkt, drücke ich schon mal ein Auge zu“, sagt Klausner. „Aber bei Müll kenn’ ich nix. Das gehört sich einfach nicht.“ Rund 40 bis 50 Knöllchen verteilt er pro Jahr; auch dazu ermächtigt ihn sein Amt.
Vier Waldarbeiter unterstützen ihn bei diesen Aufgaben – und manchmal auch beim nächsten Dreh. „Dann frage ich, ob sie die Kamera mal halten können“, erzählt Klausner, und es scheint ihm fast etwas peinlich. „Ich bin weder ein Allwissender noch ein Social-Media-Star. Ich will einfach nur meinen Beitrag leisten.“ Sagt’s und springt wieder in seinen Geländewagen. Das nächste Video dazu kommt bestimmt.