An diesem Samstag will sich der skandalgeplagte ADAC auf einer Hauptversammlung seinen Kritikern stellen. Stefan Heimlich sagt in seinem ersten Interview als ACE-Chef, wie der Stuttgarter Club von der Krise der Münchner Konkurrenz profitiert hat.
Herr Heimlich, der ACE ist im Schatten des ADAC bisher kaum wahrgenommen worden. Sie sind in einer Zeit ACE-Chef geworden, in der sich das ändert. Wie groß ist der Druck, diese Vorlage nun auch zu verwandeln?
Also erstens spüre ich keinen Druck und zweitens muss ich auch nichts verwandeln. Der ACE kann bereits seit 2009 eine stetig steigende Mitgliederzahl und einen steigenden Bekanntheitsgrad vorweisen.
Der ADAC hat knapp 19 Millionen Mitglieder, Sie haben 580 000.
Das stimmt. Wir wollen aber auch gar nicht so sein wie der ADAC, also eine Art Großkonzern, der sich ein Vereinskleid überzieht. Wir verfolgen keine kommerziellen Interessen, sondern wollen kostendeckend arbeiten. Das ist eine der Voraussetzungen, damit wir als Selbsthilfeorganisation unsere Aufgaben erfüllen und weiteres Vertrauen erwerben können. Ebendiese Philosophie unterscheidet uns von anderen.
Inwiefern profitieren Sie von der Krise des Münchner Wettbewerbers?
Die Mitgliederentwicklung des ACE ist seit Anfang des Jahres noch einmal spürbar besser als 2013. Wir haben in den ersten vier Monaten dieses Jahres 13 865 Mitglieder dazugewonnen. Das sind 16,5 Prozent mehr neue Mitglieder, als wir in den ersten vier Monaten des Jahres 2013 gezählt haben. So gesehen spüren wir einen gewissen ADAC-Effekt. Ob aber alle neuen Mitglieder früher dem ADAC angehörten, das weiß ich nicht. Wenn wir es schaffen, bis Ende des Jahres um zehn Prozent bei den Zugängen zuzulegen, dann sind wir sehr gut. Jedenfalls wollen wir unsere Position als zweitgrößter Autoclub im Lande ausbauen. Unsere Aussichten darauf sind recht erfreulich.
Heißt das, der ADAC soll Ihren Atem im Nacken spüren?
Nun, es gibt ja nicht nur den ADAC und den ACE in Deutschland. In der gesamten Branche bemühen sich derzeit alle nach Kräften, ihre Position auszubauen. Bei uns steht dabei aber nicht gewöhnliche Werbung im Vordergrund. Wir arbeiten vielmehr an der Qualitätssicherung bei Kernleistungen. Wir sorgen für die Stärkung der Mitgliederbindung und machen gelegentlich auch auf etwas unkonventionelle Weise auf uns aufmerksam. Außerdem wollen wir die finanziellen Möglichkeiten des Clubs weiter ausbauen. Damit sichern wir unsere Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit. Stillstand kann sich also auch der ACE nicht leisten. Und wenn die Gelben Engel unseren irdischen Atem im Nacken spüren, nun denn, da habe ich auch nichts dagegen.
Viele Menschen stellen wegen der ADAC-Krise auch die Arbeitsweise von anderen Automobilclubs infrage. Was erwarten Sie in dieser Hinsicht vom ADAC?
Ist das so? Gegen den ACE jedenfalls spüre ich keinen Vorbehalt, ganz im Gegenteil. Wir verzeichnen ja Zulauf. Wenn die Menschen Fragen haben, dann erklären wir ihnen unsere Wertmaßstäbe und dass wir inhaltlich, politisch und strukturell anders verfasst sind als der Verein in München. Das, was dort passiert ist, kann es so bei uns gar nicht geben. Der Marktführer unter den Autoclubs muss nun selbst sehen, wie er mit seinen Problemen umgeht. Und wenn die Münchner meinen, die Fehler mit einer Imagekampagne ausräumen zu können, anstatt die Ursachen dieser Misere anzugehen, dann ist das deren Entscheidung.
Halten Sie es für einen geeigneten Auftakt einer Transparenzoffensive, dass man bei der Hauptversammlung nicht filmen darf?
Es wurde ja neue Offenheit versprochen. Ob dieses Verbot dazu passt, scheint mir fraglich. Wir beim ACE verstehen unter einer transparenten Kultur jedenfalls etwas anderes.
Haben Sie für Ihre Zeit als ACE-Chef von Ferne Lehren aus der Krise gezogen? Gibt es spezielle Verhaltensrichtlinien?
Wir sind unterwegs als zuverlässiger Helfer in der Not. Wir wollen nach Kräften unseren Beitrag dazu leisten, Mobilität sicher, sozial, umweltschonend und effizient zu gestalten. Der ACE ist ein aufgewecktes, emanzipiertes Kind der Gewerkschaften. Bei uns geht es übrigens schon immer längst nicht nur um Autos. Zudem wollten wir nie Preise an Fa­brikate vergeben, mit den Schönen und Reichen dieser Welt essen gehen oder uns vom Vorstand eines Herstellers aushalten lassen. Ich muss also keine neuen Verhaltensregeln aufstellen. Wir leben unser Leitbild seit 50 Jahren.
Und Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, oder gibt es Dinge, die Sie besser machen können?
Selbstverständlich. Wer sich nicht nachhaltig weiterentwickelt, verliert seine Zukunftsperspektive. Wir erleben zahlreiche technische Neuentwicklungen und einen Wertewandel in der Gesellschaft. Darauf müssen wir als Club reagieren und schauen, dass wir diesen veränderten Bedürfnissen in Zukunft Rechnung tragen.
Dazu gehört, dass junge Menschen Autos heute nur nutzen und nicht zwingend besitzen wollen. Wer kein Auto hat, braucht auch keinen Automobilclub. Sehen Sie darin eine Gefahr?
Nein. Für 80 Prozent der 30-Jährigen ist das Auto im täglichen Leben immer noch enorm wichtig. Es wird nur nicht mehr wie einem Fetisch gehuldigt. Das war anders, als ich noch ein Kind war. Damals war klar, dass ich samstags meinem Vater helfe, das Auto zu waschen.
Kommen für Sie auch alternative Geschäftsmodelle infrage – zum Beispiel eine Fernbuslinie?
Mit Blick auf andere Wettbewerber sage ich: Wir wollen kostendeckend arbeiten, Mobilitätsdienstleistungen zum puren Erwerbszweck, das ist nicht unser Ding. Wir bieten aber unseren Mitgliedern nach Möglichkeit einen Clubbonus, beispielsweise bei Inanspruchnahme von Carsharing-Angeboten.
Was bedeutet E-Mobilität für Sie als Automobilclub?
Das ist durchaus eine Herausforderung, da Unfall- und Pannenhilfe bei Fahrzeugen mit alternativen Antriebsmodellen natürlich anders funktioniert als bei Autos mit Verbrennungsmotor. Wir arbeiten deutschlandweit mit 500 Abschlepp- und Bergungsunternehmen zusammen, die wir fit für die neuen Antriebsmodelle machen werden. Zusammen mit dem Fraunhofer Institut entwickeln wir gerade ein Anforderungsprofil für die Pannenhilfe bei Elektrofahrzeugen.
Demnach gehen Sie davon aus, dass sich das E-Auto durchsetzt?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die E-Mobilität wichtiger Teil unserer bewegten Zukunft ist. Nicht nur hinsichtlich der Treibstoffpreisentwicklung, sondern auch wegen des Klimawandels. Denn keine andere Antriebsquelle ist so umweltfreundlich wie elektrische Antriebe – immer vorausgesetzt, der Strom kommt aus regenerativen Energiequellen.
Glauben Sie, das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million E-Autos auf die Straße zu bringen, ist realistisch?
Dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Lang dauert es aber nicht mehr, bis E-Mobilität massentauglich wird. Die Technik ist ausgereift, nur bei der Speicherung hapert es noch. Wir hoffen, dass die deutschen Hersteller den Anschluss bei der E-Mobilität schaffen und die Fahrzeuge mittelfristig auch für den kleineren Geldbeutel erschwinglich sind.
Sind Sie selbst eigentlich ein guter Autofahrer?
Ich bin früher gern in schwierigem Gelände unterwegs gewesen. Wegen eines Handicaps darf ich mich jetzt allerdings nicht mehr hinters Steuer setzen. Auch deswegen bin ich der erste ACE-Chef, der ein Jobticket hat und Bus und Straßenbahn fährt. Aber wie schon gesagt: Bei uns geht es um Mobilität, nicht nur um Autos.