Das Derby zwischen dem AC und Inter am Sonntag ist ein besonderes – erstmals nach zehn Jahren könnte ein Mailänder Club Meister werden. Das freut auch Hansi Müller, den ehemaligen Mittelfeldstar des VfB Stuttgart – und von Inter Mailand.
Stuttgart/Mailand - Was waren das für Zeiten, als Bella Italia für Deutschlands beste Kicker das Traumziel war, und das nicht nur für einen Urlaub auf der Yacht vor Sardinien. In den 80er- und 90er-Jahren war die Serie A das Nonplusultra im Weltfußball, sie war vielleicht noch größer und wichtiger als es die englische Premier League jetzt ist.
Und speziell Inter Mailand wurde zur deutschen Enklave. Unvergessen ist die Zeit von Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann, die den fußballerischen Stil in der Mode-Metropole prägten. Und unvergessen ist die Zeit ihrer deutschen Vorboten bei Inter zu Beginn der 80er-Jahre.
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Karl-Heinz Rummenigge wechselte 1984 für die damalige Rekordablösesumme von 10,5 Millionen Mark aus München nach Mailand, weil Inter damals mindestens eine Nummer größer war als der FC Bayern. Und vorher, da spielte ein gewisser Hansi Müller von 1982 bis 1984 für die Schwarzblauen. Er lernte Italien, Mailand und die Lombardei zu schätzen und zu lieben.
Renaissance des Mailänder Fußballs
Bis heute ist das so – weshalb der ehemalige Mittelfeldstar des VfB Stuttgart an diesem Sonntag von 15 Uhr an (live auf DAZN) auf dem heimischen Sofa in Korb genau hinschauen wird. Dann, wenn der große Mailänder Fußball seine Renaissance erlebt. Das Derby zwischen Milan und Inter steht an, und das unter besonderen Vorzeichen. Denn erstmals seit zehn Jahren geht es bei der 228. Auflage des „Derby della Madonnina“ nicht nur um die Vorherrschaft in der Stadt. Es geht wieder um die Meisterschaft in Italien, nachdem die Alte Dame von nebenan aus dem Piemont zuletzt neunmal hintereinander den Scudetto abgeräumt hat.
Jetzt aber steht Juventus Turin zumindest in dieser Saison vor der Ablösung – was Hansi Müller (63) freut. „Die Mailänder Clubs und ihre Fans sind extrem stolz, das sind Weltvereine, die jetzt beide über eine lange Zeit einer Alten Dame hinterhergehinkt sind“, sagt der Europameister von 1980 gegenüber unserer Zeitung: „Das nagt tierisch an der Seele – jetzt erfüllt es die Interisti und Milanisti mit großer Genugtuung, dass es so ein Derby unter diesen Vorzeichen gibt. Das ist mal wieder gut fürs Ego.“
Endlich wieder Spannung
Juventus also schwächelt nach neun Titeln in Serie, weshalb der aktuelle Tabellenführer Inter und der Zweite AC Mailand die Meisterschaft wohl unter sich ausmachen werden. „Man kann sich das in Italien so vorstellen wie bei uns in den vergangenen Jahren in der Bundesliga“, sagt Hansi Müller: „Der FC Bayern hat das Ding wie Juve immer geholt, viele Fans haben sich abgewendet, da war kaum Spannung drin – jetzt ist das in der Serie A endlich wieder der Fall.“ Und das mit zwei Traditionsclubs aus einer Stadt, die ihr ewiges Duell wieder zu einem großen machen. Und auf die Spitze treiben.
So wie es damals war, mit Matthäus, Klinsmann sowie Brehme auf der einen und den niederländischen Superstars Ruud Gullit, Marco van Basten sowie Frank Rijkaard auf der anderen, der rotschwarzen Mailänder Seite.
Die guten, alten Zeiten
Damals, als sich viele deutsche Fans auf den Weg über den Brenner machten, um tolle Spiele im Fußballtempel Giuseppe-Meazza-Stadion mit den Topstars aus der Heimat zu sehen, und das nicht nur bei den fünf deutschen Partien bei der WM 1990. Als ein Programmpunkt des Italien-Urlaubs oft ein Spiel von Inter war, um Matthäus, Klinsmann und Brehme in ihren schwarzblau-gestreiften Trikots zu beobachten.
Lang ist es her. Inter war zuletzt 2010 Meister, der AC Mailand ein Jahr später. Beide haben mittlerweile jeweils 18 Titel in der Serie A auf dem Konto. Wer also holt seine Nummer 19? Und: Wer gewinnt am Sonntag? Für Hansi Müller ist der Fall klar: „Inter wird es packen, am Sonntag tippe ich auf ein 2:1, und dann holen sie auch den Titel, das wird mal wieder Zeit.“
Das große Duell im Sturm
Wenn es so kommt, hat das viel mit einem Stürmer zu tun, der an diesem Sonntag vor seinem nächsten, mit Spannung erwarteten Privatduell mit dem Mann auf der anderen Angriffsseite steht. Inters Sturmtank Romelu Lukaku gegen Zlatan Ibrahimovic aufseiten Milans – das ist nicht nur das Duell der Torjäger, sondern auch der Kampf der Provokateure.
Im Pokalspiel Ende Januar bezeichnete Ibrahimovic Lukaku als „kleinen Esel“, der Belgier konterte umgehend. Er nannte den weit gereisten Ibrahimovic, der auch schon für Inter spielte, eine „Hure“. Auf diesem Niveau ging es weiter, weshalb beide für jeweils ein Pokalspiel gesperrt wurden.
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An diesem Sonntag in der Liga stehen sich die Streithähne wieder gegenüber, und vorher markierte der ewige Ibrahimovic (39) in der ihm eigenen Bescheidenheit sein Revier: „Mailand hatte nie einen König, aber die Stadt hat jetzt einen Gott“, sagte er.
Für Hansi Müller ist der Fall klar: Der streitbare Schwede sei „ein Riesentyp, er ist auf dem Platz ein Phänomen, das ist eine Tormaschine, aber auch Lukaku macht das super – ich freue mich sehr auf das Duell.“
Kompakte Einheit
Ibrahimovic ist mit seiner Klasse und Erfahrung die Leitfigur im jungen Milan-Team, das nun auf einen Stadtrivalen trifft, der sich unter Trainer Antonio Conte zu einer kompakten Einheit entwickelt hat.
Das Topspiel verspricht Spannung – und Hansi Müller wird vom Remstal aus genau hinschauen. „Meine Frau zeigt mir ja gerne mal die Rote Karte, weil immer so viel Fußball im Fernsehen kommt“, sagt er und lacht: „Am Sonntag aber hoffe ich, dass die Karte bei diesem Superspiel stecken bleibt.“