Die Kritik an der US-Regierung beim Abzug aus Afghanistan nimmt zu. Präsident Joe Biden versucht, aus der Defensive zu kommen und den Schaden für das eigene Ansehen zu begrenzen. Die Verhandlungen mit den Taliban werden zunehmend schwieriger.
Kabul - Die Reise war lange geplant, ihre Symbolik klar. Sie sollte für den Schwenk hin zu den Wachstumsregionen Asiens stehen, in denen es aus US-Sicht mehr zu gewinnen gibt als in den Konfliktgebieten des Nahen Ostens oder am Hindukusch. US-Vizepräsidentin Kamala Harris ist nach Singapur geflogen, von dort geht es nach Vietnam, in der Hoffnung, der aufstrebenden Supermacht China ein pro-amerikanisches Zweckbündnis entgegenzusetzen. Die Vizepräsidentin will zeigen, wie ernst es dem Biden-Kabinett mit der Zuwendung zum indo-pazifischen Raum ist.
Überschattet wird der Trip Harris‘, deren Mutter aus Indien stammt, von den schockierenden Szenen, die sich rings um den Flughafen von Kabul abspielen. Was ist schiefgelaufen? Was tut das Weiße Haus, um das Chaos in den Griff zu kriegen? Das sind die Fragen, die in Washington interessieren. Fragen, denen sich auch Harris stellen musste. Am Montag auch in Singapur. „Kein Zweifel, es sollte, und es wird, eine robuste Analyse dessen geben, was geschehen ist“, sagte sie. Im Moment aber, so Harris, konzentriere man sich allein darauf, US-Bürger zu evakuieren – „sowie Afghanen, die mit uns gearbeitet haben, die in Gefahr schweben, eingeschlossen Frauen und Kinder“.
Fehlerdiskussionen ja, aber bitte später. Jetzt, im Wettlauf gegen die Uhr, gilt es, noch Schlimmeres zu verhindern. Ungefähr so lässt sich zusammenfassen, wie Joe Biden und seine Berater argumentieren, um aus der Defensive zu kommen und den Schaden für das eigene Ansehen zu begrenzen. „Es wird eine Rechenschaftspflicht geben“, sagt der Außenminister Antony Blinken. „Aber alles zu seiner Zeit.“ Momentan sei nichts wichtiger als die Evakuierung.
Zivile US-Fluglinien müssen 18 Passagiermaschinen stellen
Seit Sonntag nimmt das Weiße Haus zivile Fluggesellschaften in die Pflicht, damit sie den logistischen Kraftakt unterstützen. Sechs US-Fluglinien – American Airlines, Delta, United, Atlas, Omni und Hawaiian – haben 18 Passagiermaschinen zu stellen. Der Befehl soll dazu beitragen, einen Stau aufzulösen. Flogen US-Militärtransporter Menschen aus Kabul aus, steuerten sie bislang in aller Regel die Luftwaffenbasis Al-Udeid im Golfstaat Katar an. Dort aber mangelte es an geeigneten Maschinen für den Weiterflug, was das Tempo der Evakuierung aus Kabul verlangsamte. Nun hofft die Regierung Biden, das Nadelöhr zu beseitigen, indem sie zivile Linien verpflichtet, den Weitertransport von Katar und Bahrein aus zu übernehmen. Das US-Militär soll sich dagegen auf die Route von Kabul zu den Stützpunkten am Golf konzentrieren.
Er sehe keinen Grund, das Tempo der Evakuierung nicht beibehalten zu können, erklärte Biden. Nach seinen Angaben fliegen die USA aktuell binnen 24 Stunden rund 3900 Menschen aus Kabul aus, so viele wie alle anderen Nationen zusammen. Indem der Präsident betonte, dass er den Einsatz erst dann als beendet betrachtet, wenn alle amerikanischen Staatsangehörigen Afghanistan verlassen haben, sofern sie dies wünschen, deutete er eine Verschiebung der Abzugsfrist an. Nach dem eigentlichen Zeitplan sollte der letzte GI spätestens am 31. August zurückgekehrt sein. Nun, da es keinen Plan mehr gibt, der nicht Makulatur ist, vermeidet es Biden, sich auf ein konkretes Datum festzulegen. Vermeiden will er allerdings auch, dass sein eilends an den Hindukusch beordertes Krisenkontingent in Kampfhandlungen mit den Taliban verwickelt wird.
Die Taliban verweigern eine Verlängerung der Abzugsfrist
Es läuft auf schwierige Verhandlungen hinaus – oder auf das nächste Desaster. Die Taliban, anfangs konziliant, drohen für den Fall eines verzögerten Abzugs mit Konsequenzen. „Wenn die Vereinigten Staaten oder Großbritannien mehr Zeit verlangen, um die Evakuierung fortzusetzen, ist die Antwort ein Nein“, sagte Suhail Schaheen, Sprecher der Islamisten, dem Sender Sky News. Das Datum 31. August sei eine rote Linie.
In Gesprächen mit Taliban-Vertretern versuchen Bidens Emissäre, Garantien auszuhandeln, nach denen vorerst in Afghanistan verbliebene Amerikaner sicheres Geleit zum Airport bekommen. Zu einem Flughafen, zu dem sie auf Anraten ihrer Regierung nicht mehr auf eigene Faust fahren sollen. Jake Sullivan, Bidens Sicherheitsberater, hatte vor der „akuten“ Gefahr von Anschlägen durch Terroristen des „Islamischen Staats“ gewarnt. Wie US-Medien berichten, war es der Botschafter Katars, eines zwischen Washington und den Taliban vermittelnden Landes, der kleinere Gruppen von Amerikanern von Sammelpunkten in Kabul zum Flughafen eskortierte. Geschätzt 15 000 Amerikaner halten sich noch im Land auf.
Mit den Radikalislamisten verhandeln, um Lösungen für die noch zu Evakuierenden zu finden: Konservative Hardliner sehen darin das Eingeständnis amerikanischer Schwäche. So warnt die Republikanerin Nikki Haley, die sich Chancen auf die Präsidentschaftskandidatur ausrechnet, vor der Anerkennung eines Regimes, „das nur Verachtung und Isolation verdient“. Die Taliban des Jahres 2021 unterschieden sich kaum von den Taliban des Jahres 2001, schreibt Haley, ehemalige UN-Botschafterin, im Gastbeitrag in der „Washington Post“. Amerika solle ihnen die Anerkennung verweigern, bis sie bewiesen hätten, dass sie Teil der zivilisierten Welt seien.