Absolute Beginner erzählen 42 Jahre und noch nie Sex
Absolute Beginner - Wie fühlt sich ein Leben an, ohne Beziehung, ohne körperliche Nähe, ohne Küssen, ohne Sex? Zwei Stuttgarter berichten.
Mit 16 lernt sie einen Jungen kennen, in den sie sich verliebt, mit dem sie eine Beziehung führt und zum ersten Mal Sex hat. So hat es sich Johanna Bruckmeier (Name geändert) vorgestellt. Ihre Vorbilder sind nicht nur Liebesfilme, sondern auch ihre Eltern. Die haben sich mit 19 Jahren kennengelernt, geheiratet, ein Haus gebaut und zwei Kinder bekommen.
Inzwischen ist Bruckmeier 28 Jahre alt und „übers Händchenhalten nicht rausgekommen“, wie sie in einem Videochat erzählt. Häufig ist sie traurig darüber und fragt sich: Warum? Warum gab es nie jemanden, der sie geküsst hat, mit dem sie eine Beziehung anfangen wollte? Ein bisschen erklärt sie es sich damit, dass sie sehr schüchtern ist. „Und ich wollte immer, dass es der Richtige ist.“
Einfach ausprobieren? Dabei hat ihr die Romantik gefehlt
Einfach ausprobieren, wie andere Teenager das auf Partys leicht angetrunken machen, wollte sie nicht. Dabei war sie keine Stubenhockerin. Als Jugendliche war sie in der Tanzgarde und trat mit ihrer Gruppe auf vielen Faschingspartys auf. An Angeboten habe es nicht gemangelt. „Viele fanden mich ‚süß‘ und wollten mich kennenlernen.“ Nur: Es habe sie einfach keiner überzeugt. „Ich fand die meisten durchschnittlich.“ Heute glaubt sie, dass sie etwas zu kritisch war.
Mit Mitte zwanzig wird ihr klar, dass sie etwas unternehmen muss. Im Internet googelt sie nach Selbsthilfegruppen und wird bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen Stuttgart (KISS) fündig. „Absolute Beginner“ nennt sich hier eine Gruppe und richtet sich an erwachsene Menschen, die noch nie Sex oder eine Beziehung hatten. In der Gruppe erfährt sie Unterstützung.
Corona wirft sie zurück
Doch sie ist in den vergangenen Jahren erst auch mutiger geworden. Im Studium beginnt sie, Freundschaften aufzubauen und sich sozial zu engagieren. Sie meldet sich bei Dating-Apps an und trifft sich mit Männern. Corona wirft sie aber zurück. Sie fühlt sich häufig depressiv. Oft fällt es ihr schwer, sich allein zu Aktivitäten aufzuraffen.
Wie fühlt sich ein Leben an ohne Beziehung, ohne körperliche Nähe, ohne Küssen und ohne Sex? „Mir fehlt es vor allem, jemand zu haben, mit dem ich über alles reden kann, der mir zuhört und mit dem ich Erinnerungen schaffen kann“, sagt sie.
Das erste Mal Sex mit unter 17 Jahren ist der Durchschnitt
Als Erwachsener noch nie eine Beziehung oder Sex gehabt zu haben, ist für viele ein Stigma. Es entspricht nicht der Norm. Im Durchschnitt haben die Deutschen mit 16,5 Jahren zum ersten Mal Sex.
Eine Befragung von 1100 Deutschen über 18 Jahren des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat ergeben: Lediglich fünf Prozent der Männer und zwei Prozent der Frauen hatten noch nie Sex mit einem anderen Menschen.
Offener Umgang mit Unerfahrenheit
Die Gründe dafür können vielfältig sein. Soziologen der Georgia State University in Atlanta befragten 82 „sexuell isoliert lebende Teilnehmer“, darunter 34 „Absolute Beginner“. Von diesen gab knapp jeder zweite Teilnehmer an, ein stark negatives Körperbild zu haben. Viele fanden sich zu dick. Außerdem bezeichneten sich viele als schüchtern und gaben zu, einen Mangel an sozialen Fähigkeiten zu haben.
Bruckmeier geht offen damit um. „Ich erzähle beim Kennenlernen, dass ich noch keine Erfahrung habe“, sagt sie. Manchmal bekommt sie übergriffige Antworten wie: „Komm doch heute Abend vorbei und dann bist du keine Jungfrau mehr.“ Solche Angebote lehnt sie ab. Für sie ist klar: Sie will ihr erstes Mal mit einem festen Partner haben. „Da bin ich einfach Romantikerin“, sagt sie.
Manche schämen sich für ihre mangelnden Erfahrungen
Martin Riedmüller (42), der ebenfalls in der Selbsthilfegruppe ist und seinen richtigen Namen geheim halten möchte, tut sich schwerer. Seine mangelnde Erfahrung hemme ihn inzwischen so sehr, dass es ihm noch schwerer falle, in Kontakt mit Frauen zu treten. Was soll er ihnen sagen? Dass er als Mann über 40 nur mal jemanden geküsst hat? Beziehung, Sex? Fehlanzeige.
Wie Bruckmeier kann auch er nicht den einen Grund finden, warum es bei ihm nicht klappt. Romantisch und anspruchsvoll sind viele – trotzdem finden sie einen Partner. Auch mit Schüchternheit und sozialen Ängsten kämpfen viele junge Erwachsene – nicht alle bleiben deshalb allein. „Lange dachte ich wirklich, ich bin der Einzige, dem es so geht“, sagt Martin Riedmüller.
Dilemma beginnt mit dem Umzug aufs Land
Bis er im Internet auf den Begriff „Absolute Beginner“ stößt. Dass er ein Problem hat, stellt er schon mit 20 fest. Er konsultiert eine Psychologin. Die meint, er sei gesund und solle einfach „mal ran an die Frauen gehen“. Auch bei einer Sexualtherapeutin und einer Sexualmedizinerin kommt er nicht weiter. Er schaut sich Webseiten von Dating-Coaches an, stellt aber schnell fest, dass darunter viele unseriöse Angebote sind.
Sein Dilemma beginnt, als seine Familie in seiner Jugend mit ihm aufs Land zieht. Seine Schule befindet sich in der Stadt. Er habe dadurch aber kaum Kontakte knüpfen können: Auf dem Land hätte er keine gefunden, in der Stadt haben sich die Freundschaften verlaufen. Besser geht es ihm erst, als er für seine Ausbildung in eine größere Stadt zieht. Oft geht er auf Techno-Partys. Aber es will sich nichts ergeben. Ein, höchstens zwei Dates schafft er. Danach melden sich die Frauen nicht mehr. Gelegentlich hat auch er kein Interesse, weil er merkt, dass es einfach nicht passt.
Aufgeben ist keine Option
Heute fragt er sich vor allem, wie er sich verhalten soll, wenn er eine Frau kennenlernt. Ihr von seinen mangelnden Erfahrungen erzählen? Auf Dating-Apps hat er dies ein paarmal gemacht, danach hat er von den Frauen nie wieder etwas gehört. Er hat das Gefühl, viele Frauen fordern auch zu schnell etwas von ihm ein: Umarmungen, Küsse, Sex. Er weiß es nicht. Er weiß nur, dass er für alles mehr Zeit braucht. Aber wie soll er das einer Frau in seinem Alter erklären?
Aufgeben will er jedoch nicht. Er wünscht sich eine Partnerin, ja eine Familie mit Kindern. „Das ist einfach ein anderes Leben als alleine“, sagt er. Ein Leben ohne körperliche Nähe und ohne Beziehung – das finden Johanna und Martin beide auf Dauer unbefriedigend. Und einsam. Viele Abende verbringen sie allein zu Hause.