Sänger Mick Hucknall (rechts) – das letzte verbliebene Gründungsmitglied von Simply Red. Foto: REINER PFISTERER/REINER PFISTERER

Simply Red als würdiger Abschluss – die Jazz Open 2023 enden am Sonntagabend mit Pop, Soul und einer Reise in die Erinnerung.

Erst nimmt es sich verhalten aus, was Mick Hucknall und seine Band Simply Red auf dem Stuttgarter Schlossplatz abliefern: Hucknalls Stimme klingt noch zahm, fast zerbrechlich. Mick Hucknall ist nicht nur Frontmann von Simply Red, er ist das einzig konstante Mitglied der Band, die sich vor 39 Jahren gründete. Damals war Hucknall 25, heute ist er 63. „Better with you“, der erste Song des Konzertes, den er beim Jazz Open singt, stammt von „Time“, dem Album, mit dem Simply Red sich im Juni nach vierjähriger Pause wieder zu Wort meldeten. Es klingt vorsichtig, tastend, mit schöner Melodie, aber durchaus nicht zupackend.

 

Wer nun daran zweifelt, dass es Mick Hucknall gelingen wird, den letzten Abend des Jazz Open 2023 zu einem unvergesslichen zu machen, der täuscht sich gründlich. Hucknall kreuzt mehr als 90 Minuten lang durch all die Ohrwürmer, Balladen, die er im Laufe der Jahre sang, und er blüht von Stück zu Stück auf, spart sich das Beste bis ganz zuletzt.

Vor Simply Red auf der Bühne sind St. Paul and the Broken Bones. Sie kommen aus den USA, sie haben mehrere Alben veröffentlicht seit 2012, und sind viel deutlicher im klassischen Soul verwurzelt, als die Headliner des Abends: Paul Janeways kräftige Stimme, die vollen Bläsersätze, lassen an Stax denken, an Otis Redding beispielsweise.

Bei „A New Flame“ springt der Funke endgültig über

Bei Simply Red dann kommt eine gute Prise Pop hinzu. Ihre Stücke sind melodiestark arrangiert, getragen von Piano, Schlagzeug, Bass. Eine sechsköpfige Band bringt sie perfekt auf die Bühne. Die Musiker tragen Schwarz, Mick Hucknall, immer noch Rotschopf, schwarzen Pulli, Jeans und tief getönte Brille. Mit „A New Flame“ von 1989 läuft er erstmals auf zu großer Form, springt der Funke schließlich über.

Bei „Holding back the Years“ singt das Publikum mit, beim Barry-White-Cover „It’s only Love doing its thing” ist es euphorisiert – und langsam beginnt der Schlossplatz zu glühen. Die Dämmerung steht Mick Hucknall und seiner Musik gut: Die Dunkelheit kommt, auf der Bühne gleiten die Spots umher, aus dem letzten Festivalabend dort ist eine lange Reise in die Erinnerung geworden, mit „Stars“, „Come to my Aid“ oder „Something got me started“. Kurz blitzt dazwischen der Soul-Klassiker „Hold on I’m coming“ von Sam and Dave auf.

„Money’s too tight to mention” als Zugabe

„Let’s got back to 1985“, sagt Mick Hucknall, eröffnet die Zugabe und singt „Money’s too tight to mention”. Die Stimmung ist längst auf dem Höhepunkt. Dann eine Überraschung: Mit „Nutbush City Limits“ von Ike and Tina Turner nimmt das Konzert noch einmal Tempo auf, Mick Hucknall springt über die Bühne, seine Stimme nun kräftig, bissig, wild.

Spät am Abend wirkt der Sänger dann gelöst, plaudert, nimmt ein Panoramabild der Menschen auf, die den Schlossplatz füllen. Er verrät, was er gleich nach dem Konzert trinken wird („Riesling, trocken“), singt ganz zuletzt „If you don’t know me by now“ und wünscht sich, dass der Platz mitsinge, jeder und jede zu einem Pavarotti, einer Callas werde – Stuttgart tut ihm diesen Gefallen gerne.