Max Eberl verkündet seinen Rücktritt, neben ihm sitzt Rainer Bonhof, Weltmeister von 1974. Foto: dpa/Christian Verheyen

Max Eberl hört bei Borussia Mönchengladbach auf. Der Sportchef räumt ein, krank zu sein – und gibt tiefe Einblicke in sein Seelenleben.

Stuttgart/Mönchengladbach - Achteinhalb Monate ist es her, dass Max Eberl am Bildschirm freundlich grüßte und strahlte. Vor dem letzten Heimspiel in der vergangenen Runde gegen den VfB Stuttgart war der Einzug in den Europapokal für Borussia Mönchengladbach noch möglich. Es gab im Mai 2021 viel zu besprechen: den nahenden Abgang des Trainers Marco Rose zu Borussia Dortmund etwa, die emotionale Wucht und die Debatten im Umfeld des Vereins aufgrund der Ausstiegsklausel Roses und auch die Führungskrise des DFB: Der Sportchef der Borussia verlängerte das Videointerview mit unserer Zeitung am Bildschirm am Ende flugs selbst. 45 Minuten waren es dann statt der angepeilten 30 – denn Eberl hatte einiges zu sagen.

 

Und er war ein echter Eberl: klar, offen und direkt. Manchmal war er auch lustig. So also, wie man ihn kennt. Denn hinten, da saß immer auch ein Schalk im Nacken. „Ich wünsche dem VfB alles Schlechte“, sagte er zum Schluss – und meinte damit selbstredend nur das Spiel Mitte Mai, das der VfB dann übrigens in Gladbach gewann.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Unser Kommentar zum Abschied von Max Eberl

Jetzt, Ende Januar 2022, ist alles anders. Max Eberl sitzt am Freitagmittag in den Katakomben des Gladbacher Stadions. Er weint auf dem Podium. Vorher hatte er sich in der Kabine von der Mannschaft verabschiedet, auch unter Tränen. Max Eberl hört auf. Die Entscheidung, die am Donnerstagabend durchgesickert war und über deren Gründe es dann bis zur Pressekonferenz am Freitag mit Eberl wildeste Spekulationen gegeben hatte, erschüttert Borussia Mönchengladbach in seinen Grundfesten. Und das Beben endet nicht rund um die Ausläufer des Niederrheins. Es bewegt den gesamten Fußball.

Weg wie Hape Kerkeling

„Ich beende, was mein Leben war“, sagte Eberl also und ergänzte mit brüchiger Stimme: „Ich kann für diesen großartigen Club nicht mehr arbeiten, weil ich krank bin. Ich bin erschöpft. Ich will einfach raus aus der Mühle – ich werde wie Hape Kerkeling einfach mal weg sein.“

Was Eberl krank macht, darüber sprach er offen und gab ein aktuelles Beispiel. „Man wird bei Social Media schon beleidigt, alles wird kommentiert, da hat der Betroffene noch nicht ein Wort gesagt“, klagte er über die Ereignisse zwischen dem Durchsickern seines Abschieds und seiner ersten Erklärung am Freitagnachmittag. „Ich bin vielleicht ein gutes Beispiel dafür, was mit dieser Welt passiert“, sagte er noch.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Das sagt der psychologische Berater Mirko Irion zum Eberl-Auftritt

Jetzt ist der Sportchef nicht mehr Teil dieser Fußballwelt. 23 Jahre lang hatte er für Gladbach erst als Spieler die Knochen hingehalten und seit 2008 als Sportdirektor nahezu alle Lasten alleine geschultert. „Jede Niederlage war auch meine Niederlage“, sagte er nun – aus diesem Muster will sich der Mensch Max Eberl in den nächsten Monaten befreien. „Ich will die Welt sehen, ich will einfach Max Eberl sein. Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich an mich“, sagte der 48-Jährige und sprach dann in der dritten Person über sich: „Die Person Max Eberl ist erschöpft und müde – ich habe keine Kraft mehr, diesen Job so auszuüben, wie es der Verein benötigt.“

Auszeit in der Schweiz

Gladbachs Präsident Rolf Königs saß neben Eberl auf dem Podium, seine Haltung war ähnlich geknickt. „Das ist ein Misttag“, sagte er und er räumte ein: „Wir haben nicht erkannt, dass das für ihn eine so starke Belastung ist.“ Nach Angaben von Königs hatte Eberl die Clubspitze im Oktober erstmals angesprochen. Anfang 2021 hatte er eine Auszeit in der Schweiz genommen, musste diese aber wegen der möglichen Coronaverstöße von Angreifer Breel Embolo abbrechen.

Zuletzt wirkte Eberl gereizt. Auf einer Pressekonferenz vor ein paar Tagen präsentierte er sich fahrig, Trainer Adi Hütter nannte er mehrfach „Dieter“. „Diese Pressekonferenz hat mich selbst überrascht“, sagte er nun. „Ich war an dem Tag sehr geladen, die Versprecher konnte ich mir selbst nicht erklären – da fährst du dann heim und denkst dir: Was passiert denn da gerade?“

Eberl spricht Klartext

Eberl machte am Freitag auch deutlich, dass er Berichte über sein anscheinend auch intern heftig diskutiertes Privatleben verurteilt. Eberl ist mit der Schweizerin Sedrina Schaller (33) liiert, die er als „Assistenz Team-Managerin“ in den Verein geholt hatte und die nun schon länger nicht mehr bei der Borussia arbeitet. Es gebe keinen „verletzten Stolz, keine Wut, keinen Frust“, es gehe nicht um die Liebe: „Allein die Person Max Eberl ist erschöpft und müde.“

Die Suche nach einem Nachfolger läuft in Gladbach nun selbstredend auf Hochtouren. „Die internen Möglichkeiten haben wir abgesteckt, wir werden uns extern umschauen“, sagte Präsident Königs.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Die Bilanz des VfB-Trainingslagers

Wie es mit Eberl weitergeht, ist offen: Er sucht nichts als Ruhe. „Wenn irgendwer glaubt, ich mache das, weil ich einen Vereinswechsel will – vergesst das“, sagte er noch. Den Jakobsweg wie Entertainer Hape Kerkeling werde er aber auch nicht angehen. „Den schaffe ich nicht, dafür bin ich nicht fit genug“, meinte er.

Da war er also wieder, zumindest ein Anflug seines bekannten bissigen Humors. Dann wurde Max Eberl wieder ernst. Zum Schluss sagte er den wohl wichtigsten Satz des Tages: „Es braucht sich keiner Sorgen machen.“