Birgit Degenhardt (sitzend) wird von ihrem Team verabschiedet Foto: Veronika Zettler

Nach 15 prägenden Jahren als Leiterin des Werkraum Schöpflin in Lörrach wurde mit großer Herzlichkeit Birgit Degenhardt verabschiedet.

„Da es den Menschen nicht gelingt, vernünftig zu werden, und sie Kriege immer wieder als Mittel der Politik ansehen, beschließen die Tiere, die Menschen um ihrer Kinder willen zur Vernunft zu bringen.“

 

Mit diesem Satz aus Erich Kästners erstem Nachkriegsroman „Die Konferenz der Tiere“ eröffnete Tim Goebel, Geschäftsführer der Schöpflin-Stiftung, den Abend im Werkraum.

Kultur- und Debattenort

Das Zitat stehe sinnbildlich für die Haltung und Überzeugung von Birgit Degenhardt, die den Werkraum seit seiner Eröffnung vor 15 Jahren prägte – als Kultur- und Debattenort, als „Haus der Unruhe“ und Forum für Zeitfragen.

Am Mittwochabend wurde Degenhardt mit einem Festakt verabschiedet: mit Musik von Johan Olsson (Saxofon) und Tilo Wachter (Hang), mit Essen und mit vielen anerkennenden Worten von Wegbegleiterinnen und Kollegen.

Hans Schöpflin, der die Schöpflin-Stiftung im Jahr 2001 mit seinen Geschwistern Heidi und Albert gründete, erinnerte an die Anfänge des Werkraums: an das ursprüngliche Gedankenspiel, einen Ort für Begegnung zu schaffen – und an Degenhardts Konzept, das daraus ein Labor für gesellschaftspolitische Fragen und Kultur machte.

„Wir haben uns damals voll auf Sie verlassen, und Sie haben bewiesen, dass Sie das können“, sagte Schöpflin. Organisieren, Kuratieren, Moderieren – in diesen drei Disziplinen habe Birgit Degenhardt Maßstäbe gesetzt. Der Werkraum sei nie als Konkurrenz zum Lörracher Kulturbetrieb gedacht gewesen, sondern als Komplementär, betonte Schöpflin.

NS-Zeit thematisiert

Auch würdigte er Degenhardts Initiativen zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, etwa das Projekt „Das Radio“, das jungen Menschen Geschichte vermittelt und dabei eine persönliche Verbindung aufgreift: Ihr Großvater Friedrich war im KZ Buchenwald inhaftiert.

In Redebeiträgen wurden im Laufe des Abends zahlreiche Werkraum-Höhepunkte gestreift, die nachhaltig in Erinnerung blieben, etwa Themenreihen wie „Tiere essen“ und „Weiße Wölfe“ oder prominente Gäste wie Sascha Lobo, Bernhard Pörksen und Eckart von Hirschhausen.

Ex-Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm zeichnete Degenhardts Engagement weit über den Werkraum hinaus nach: von der Lörracher Kinderlobby und der Kinderbuchmesse – die sie vor 34 Jahren erfand – bis zu ihrer früheren Tätigkeit in der Pressearbeit des Burghofs oder der Organisation der dortigen Kindertheaterreihe. Viele der in Angriff genommenen Themen rund um Bildung, Umweltschutz, Migration, Bürgerbeteiligung und Demokratie versus Demagogie hätten wie ein Inkubator funktioniert.

Forderungen für Kultur

Am 1. Oktober hat Birgit Degenhardt den Staffelstab an ihre Nachfolgerin Esther Mikuszies weitergegeben. In ihrer Abschiedsrede formulierte sie zehn „Forderungen für die Kultur“, darunter das Recht auf kulturelle Teilhabe. Kultur, sagte sie, müsse als Grundrecht verankert werden, und gerade Kindern sollte, wie bei der Kinderbuchmesse, „nur das Allerfeinste an Kultur serviert“ werden.

Mit dieser Überzeugung wird sie künftig auch ihre neue Aufgabe in der überregionalen Leseförderung angehen. Das Erfolgsmodell der Kinderbuchmesse soll auf weitere Städte ausgeweitet werden. Gleichwohl wird man Birgit Degenhardt im Werkraum bei verschiedenen Projekten weiterhin antreffen.