Der Mercedes-Vorstand ruft das leitende Management in die Büros zurück. Was das für die Betroffenen und die weitere Belegschaft bedeutet.
Die Ansage kam kurzfristig und sie war deutlich. Anfang Dezember teilte der Vorstand von Mercedes-Benz seinen rund 2000 leitenden Führungskräften mit, man habe „die einheitliche Erwartung“, dass sie „ab Januar 2025 während ihrer Arbeitszeit grundsätzlich an ihrem Arbeitsort anwesend sind“. Für das Management endet damit eine Phase beachtlicher Freiheit, in der es seit der Coronakrise keine eindeutigen Vorgaben in Sachen Homeoffice und Präsenz mehr gegeben hat. Der Arbeits- und Familienalltag muss nun bei manchen neu organisiert werden, auch wenn die neue Regel Kompromisslösungen nicht gänzlich ausschließt.
Mehr Kreativität im Büro?
Am Grundsatz lässt die Unternehmensleitung zwar keine Zweifel. Man sei überzeugt, dass sich „Kreativität und Innovationsgeist am besten bei persönlichen Treffen vor Ort entfalten“, ließ sie die Führungskräfte – von den Abteilungsleiterinnen und -leitern aufwärts – wissen. Direkte persönliche Zusammenarbeit vor Ort sei ein Erfolgsfaktor, sie fördere „nicht nur den Austausch, sondern stärkt auch das Teamgefühl und intensiviert das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Belegschaft“. Gleichzeitig lässt das Unternehmen aber durchblicken, dass Homeoffice für das Führungspersonal trotzdem nicht kategorisch ausgeschlossen wird und Raum für individuelle Regelungen bleibt.
Die Vorzeichen aber ändern sich: Es handelt sich dann um Ausnahmen von der Präsenzpflicht, die mit den Vorgesetzten abgesprochen und persönlich begründet werden müssen – etwa mit familiären Verpflichtungen wie Kinderbetreuung oder Unterstützung der Eltern.
Entwarnung für niedrigere Hierarchiestufen bei Mercedes
In krisenhaften Zeiten will Mercedes offenkundig – wie beispielsweise auch Bosch – den Fokus wieder stärker auf die Betriebsinteressen richten, nachdem zuvor in Folge der Coronakrise die Arbeit immer flexibler und dezentraler organisiert wurde. Das war zwar durchaus erfolgreich, ging teils aber auch auf Kosten von Kreativität und Mannschaftsgeist. Dass bei Mercedes die oberen Zweitausend zuerst verpflichtet werden, hat neben der Signalfunktion auch einen pragmatischen Grund: Für die tariflich Beschäftigten der niedrigeren Hierarchiestufen gibt es, wie auch der Betriebsrat betont, eine Betriebsvereinbarung zum hybriden Arbeiten. Sie ist weiterhin in Kraft und müsste erst neu verhandelt werden, bevor veränderte Präsenzpflichten festgelegt werden könnten.
Die Vereinbarung, die in Grundzügen schon Jahre vor der Coronakrise getroffen wurde, erlaubt eine Homeofficequote von bis zu 100 Prozent – sofern es die betrieblichen Erfordernisse zulassen. Seit 2023 ist auch das Arbeiten im Ausland erlaubt. Voraussetzung ist aber auch hier jeweils die Absprache mit den Vorgesetzten und dem Team. Nachdem der Vorstand seine Präferenz fürs Arbeiten im Betrieb deutlich gemacht hat, dürfte nicht auszuschließen sein, dass die Gespräche über den Arbeitsort künftig wieder etwas intensiver geführt werden als in den vergangenen Jahren.
Wie stark sich die Ansage für die Führungskräfte aufs Betriebsklima bei Mercedes-Benz insgesamt auswirkt, ist derzeit schwer abzusehen. Kaum mehr als ein Schulterzucken dürfte sie in der Produktion und in großen Teilen der Entwicklung hervorrufen, wo Homeoffice nie eine Option war. Das Thema betrifft vor allem die Verwaltungseinheiten, und dort eine Gruppe, deren außertarifliche Bezahlung auch besondere Ansprüche des Arbeitgebers begründet.
Kein Stimmungsaufheller für die Betroffenen
Die betroffenen Managementstufen, die intern als E1 bis E3 bezeichnet werden, lebten „bereits heute ein Arbeitsmodell mit hoher Präsenz im Büro“, sagt ein Unternehmenssprecher. Ganz gleich aber, wie stark die bisherigen Freiheitsgrade in Anspruch genommen wurden oder nicht: Wer Flexibilität einbüßt, wird dies nicht gerade als Stimmungsaufheller empfinden.
Offen ist momentan auch, ob es zu Kündigungen von Führungskräften kommt, die der neuen Anwesenheitsregel nicht folgen wollen und keine Ausnahme durchsetzen können. In der Belegschaft ist zu hören, dass dies vielleicht zum Kalkül gehören könnte und nicht einmal ungelegen käme. Schließlich sind für die kommenden Jahre ehrgeizige Sparziele verkündet worden. Mercedes soll „noch wetterfester“ werden, heißt es. Konkret sollen bis 2027 die Kosten um fünf Milliarden Euro gesenkt werden. Gespart werden soll dabei unter anderem auch beim Personal, voraussichtlich auch befördert durch Abfindungsangebote.
Einen Zusammenhang aber stellt Mercedes in Abrede. Ein Sprecher teilt mit, solche Überlegungen seien „nicht Bestandteil der Entscheidungsfindung“ gewesen, als es um die Anwesenheitspflicht fürs Management ging.