Nach dem unangekündigten Abriss des Truchtelfinger Bahnhofs ist die Empörung groß – völlig zu Recht, meint die Kolumnistin und spekuliert darüber, was „der Alte“ in 98 Jahren als Haltestation alles erlebt haben könnte.
Ob es nun der erste Kuss war oder der letzte Abschied vom Vater, der zurück an die Kriegsfront musste und nicht mehr wieder kam: Mit dem Bahnhof in Truchtelfingen verbinden vermutlich unzählige Truchtelfinger Erinnerungen an Momente, die ihnen wichtig waren im Leben.
Klaus Konzelmann wollte ihn retten
Er mag uralt gewesen sein – 1901 wurde die Talgangbahn in Betrieb genommen und damit der Bahnhof. Er war mehr als baufällig und im Grunde nicht mehr zu retten. Und überdies: Der Schönste war er nie, nur ein Zweckbau, wie sie damals nach Fertighausmuster errichtet wurden, so hat Oberbürgermeister Klaus Konzelmann erfahren. Er wusste, dass es dem Bahnhof an den Kragen gehen wird im Zuge der Reaktivierung der Talgangbahn – und hat versucht, das Gebäude zu retten: Dem Landkreis Tuttlingen hat er den Bahnhof angeboten für sein Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck, in dem auch schon das alte Kaufhaus aus Stetten am kalten Markt wieder aufgebaut wurde. Doch den Bahnhof wollte das Museum nicht, obwohl es noch keinen hat. Ob er ihnen nicht hübsch genug war oder ob es an den giftigen Holzschutzmitteln lag, die zum Schutz der Fachwerkbalken einst verwendet worden seien, sei dahingestellt.
Ein letztes Adieu ist nicht mehr möglich
Jedenfalls ist er nun weg. Bei „Nacht und Nebel“ sei er abgerissen worden, haben Einwohner von Truchtelfingen ganz entsetzt unserer Redaktion gemeldet. Gehört sich das?
Der Landkreis Zollernalb, dem die Talgangbahntrasse gehört, durfte es zumindest, denn der Abbruch sei „verfahrensfrei“ möglich, wie es im Amtsdeutsch heißt. Also: ohne Beschluss eines gewählten Gremiums und ohne behördliche Genehmigung. Trotzdem wäre es ein feiner Zug des Landratsamtes gewesen, den Abbruch anzukündigen, damit all jene, die Erinnerungen mit dem Bahnhof verbinden, ihn noch ein letztes Mal hätten aufsuchen können: vor dem geistigen Auge dem Vater nachwinken, die Lippen des Geliebten noch einmal schmecken, dem Gebäude „Adieu“ sagen – und „Danke“ für die 98 Jahre, in denen es Zugfahrgästen der 1999 stillgelegten Talgangbahn Schutz vor Regen und Kälte geboten hat.
Gebäude sind Schauplätze persönlicher Geschichte
Gebäude sind mehr als vier Wände mit einem Dach darauf, sie sind Schauplätze des Lebens, Drehorte des Spielfilms, in dem jeder selbst die Hauptrolle spielt. Bahnhöfe sowieso. Mit ihnen verbinden Menschen den Schmerz des Abschieds, aber auch die Freude des Wiedersehens. Sie sind mehr als Haltestationen eines Zuges – für viele sind sie Stationen ihres Lebensweges.
Vielleicht nicht so wichtig wie das Elternhaus, das Geburtskrankenhaus, die Hochzeitskirche, die Schule oder das Jugendhaus, in dem sich die Kindheit abspielte. Aber viel zu wichtig, als dass man sie ohne Ankündigung einfach platt machen und sich dann wundern könnte über die Empörung.
Aber bitte: So funktioniert Bürokratie! Kosten, Nutzen, „Verfahrensfreiheit“, und fertig ist der Abriss! Schade um den Truchtelfinger Bahnhof – er hätte einen würdigen Abschied verdient gehabt!