Hermann Unsöld trug ein Gedicht über die vielen Facetten der Kultur in Altensteig vor. Gerhard Feeß (von links), Josef Stritt und Jochen Hahn (rechts) lauschten gespannt. Foto: Matthias Buchner

Für seine feierliche Verabschiedung hatte Altensteigs Bürgermeister Gerhard Feeß ein etwas anderes Format gewählt: Anstatt einen Laudatoren an den vorangegangenen zu reihen, lud er Wegbegleiter aus unterschiedlichsten Bereichen zu Talkrunden ein.

Das Bühnenbild war stimmig: Das Unternehmen Fritz Schlecht SHL Objekteinrichtungen aus Garrweiler hatte ein Sofa, zwei Sessel und zwei Beistelltische zur Verfügung gestellt. Dort empfing Gerhard Feeß seine Gesprächspartner und unterhielt sich mit ihnen über ihre Sicht auf Altensteig und die Welt sowie die Herausforderungen, die ihnen tagtäglich begegnen. Es blieb aber auch Raum für Persönliches und die eine oder andere Anekdote. Feeß hatte die Zuhörer darauf hingewiesen, dass er sich mit den meisten seiner Talkgäste duze – das sei nicht als Ausdruck von Kumpanei zu verstehen, sondern habe sich erst nach langer Zeit und gewachsenem Vertrauen ergeben.

 

Gleich der erste Gast glänzte durch Abwesenheit. Pfarrerin Dorothea Jung von der Evangelischen Verbundskirchengemeinde Altensteig hatte sich entschuldigen lassen, ihre Worte des Danks und der Anerkennung aber schriftlich eingereicht: Sie erinnerte an Projekte, bei denen die Kirchengemeinde viel Unterstützung von Stadt und Bürgermeister erfahren habe, an Gesprächsabende und an die Besuche der Familie Feeß bei Heiligabend-Gottesdiensten in Berneck.

Joachim Theurer, Kommandant der Altensteiger Gesamtfeuerwehr, sah es als Verdienst der Stadt und des Bürgermeisters an, dass er der zweitgrößten Wehr im Landkreis Calw vorstehe. Die Altensteiger Abteilungen hätten stets den Segen und die Unterstützung der Stadt gehabt: „Wir durften uns entwickeln, wie wir wollten – Danke dafür.“

„Die Konstellationen haben funktioniert“

Von Gerhard Feeß darauf angesprochen, dass er mittlerweile deutlich länger in Altensteig tätig sei als ursprünglich geplant, erklärte Klaus Ramsaier, Rektor der Friedrich-Boysen-Realschule, es seien die Menschen, die ihn zum Bleiben veranlasst hätten: „Da sind viele an der richtigen Stelle, die Konstellationen haben einfach funktioniert.“ Im baden-württembergischen Vergleich seien die Altensteiger Schule weit vorne, vor allem, was die Digitalisierung angehe. Dass man dem Trend nach wie vor voraus sei, liege auch daran, „dass wir immer dran bleiben konnten und immer durften, wie wir wollten“.

Gerhard Feeß (von links) interviewte Gesamtwehr-Kommandant Joachim Theurer und Klaus Ramsaier, den Rektor der Friedrich-Boysen-Realschule. Foto: Matthias Buchner

Er für seinen Teil genieße seinen Ruhestand, beruhigte Josef Stritt, der ehemalige Dirigent der Altensteiger Stadtkapelle, den angehenden Rentner Gerhard Feeß. Er sei ja auch noch immer als Musiker gefragt. Und er erzählte, wie er bei einem gemeinsamen Konzertbesuch bemerkt habe, wie sehr Feeß von der Musik berührt gewesen sei – „da war eine Empfindsamkeit spürbar, die den Menschen hinter dem Bürgermeister gezeigt hat“.

Unsöld trägt Gedicht vor

„Kunst ist, was die Künstler machen“, beantwortete Hermann Unsöld die Frage des scheidenden Bürgermeisters. „Und sie vollendet sich durch den Betrachter“, fügte der ehemalige Chef des Altensteiger Tiefbauamts und heutige Betreiber der Kunsthalle Altensteig hinzu. Die vielen Facetten der Kunst in Altensteig hatte er in Reimform gegossen, zur Freude der Zuhörer trug er das Gedicht in der Markgrafenhalle vor.

Jochen Hahn hat bereits jede Ehrung erhalten, die die Stadt Altensteig zu vergeben hat. Der sechsfache Europameister im Truck-Racing will dieses Jahr noch einmal angreifen – der letzte Titel datiert auf 2019 –, das Podest anvisieren und nach Möglichkeit am Ende der Saison ganz oben stehen. Welche Ehrung man ihm denn noch angedeihen lassen könne, falls das gelinge, wollte Gerhard Feeß wissen. Über einen Jochen-Hahn-Platz im Altensteiger Turmfeld würde er sich freuen, gestand der Rennfahrer, und der Schultes zeigte sich durchaus offen: „Das ist ein preiswerter Wunsch.“

Aufträge immer schwerer zu haben

Die Bekanntschaft von Rolf Geisel, dem Geschäftsführer der weltweit agierenden Boysen-Gruppe, machte Gerhard Feeß bereits als Bürgermeister der Gemeinde Simmersfeld – vor 33 Jahren. Seither sei ein Niedergang des Wirtschaftsstandorts Deutschland zu beobachten gewesen, sagte der CEO: „Es fällt uns immer schwerer, Aufträge für unsere Werke in Altensteig und Simmersfeld an Land zu ziehen.“ Neben dem vergleichsweise hohen Krankenstand bremse auch die Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit aus. Er habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich der drohende Wohlstandsverlust noch abwenden lasse.

Wolkig bis düster sehen Altensteiger Unternehmer die Zukunft: Rolf Geisel (von rechts), Yvonne Essig-Deutschle und Martin Theurer im Gespräch mit Gerhard Feeß. Foto: Matthias Buchner

„Zappenduster“ sieht auch Martin Theurer die Zukunft seines Handwerks. Es finde sich einfach kein Nachwuchs, musste der Metzgermeister aus Spielberg feststellen. Bei Berufsinformationsveranstaltungen müsse man die angehenden Azubis regelrecht „mit Würstchen anfüttern“. Und so hatte er für den angehenden Ruheständler Gerhard Feeß ein Angebot: „Wenn’s Dir mal langweilig ist ...“

Pflege leidet unter Arbeitszeiten

Mit einem Imageproblem kämpft auch die Branche, in der Yvonne Essig-Deutschle tätig ist: Sie ist Geschäftsführerin zweier Pflegeheime, der Waldruhe in Spielberg und der Sonnenhalde in Altensteig. Vor allem die Arbeitszeiten würden den Pflegebereich unattraktiv machen, aber Wochenend- und Nachtdienste lägen einfach in der Natur der Sache: „Wir haben einen tollen Beruf, aber wir kämpfen mit Herausforderungen.“

Auch politische Begleiter und städtische Mitarbeiter von Gerhard Feeß (von links) kamen zu Wort: Landrat Helmut Riegger, Ex-Stadtrat Dieter Renz, Hauptamtsleiter Thomas Bräuning und Wildbergs Bürgermeister Ulrich Bünger. Foto: Matthias Buchner

Die Kreisumlage ist ein nie versiegender Quell der Klage in Gemeinderatssitzungen. Und so nutzte Landrat Helmut Riegger die Gelegenheit, darüber aufzuklären, wofür das Geld verwendet wird. Den Stand der Aufgabenerfüllung in Altensteig beurteilte er als „gut“, die damit zwangsläufig einhergehende Verschuldung der Kommune passe zu der des Landkreises.

Angesichts ständig neuer Vorgaben aus Berlin und Stuttgart zitierte Feeß’ Wildberger Amtskollege Ulrich Bünger den verstorbenen Altbürgermeister Stuttgarts, Manfred Rommel: Der habe einmal gesagt, er habe schon als 17-jähriger Flakhelfer gelernt, „alles was von oben kommt, als feindlich zu betrachten“. Sein größtes Anliegen sei es, dass die Kommunen gestärkt werden.

Vorbehalte ausgeräumt

Dieter Renz machte keinen Hehl daraus, dass er anfangs kein Fan des neuen Bürgermeisters gewesen sei. Ihm habe die vermeintliche „Seilschafterei“ missfallen, als der Altensteiger Bürgermeister nach Nagold gegangen sei und der Simmersfelder Schultes seinen Platz in Altensteig eingenommen habe. Ein offenes Gespräch habe die Vorbehalte aber ausräumen können. Er schenkte Feeß eine kleine Eselsfigur: „Ich danke für die Eselsgeduld, die sie mit mir hatten“, sagte der langjährige Altensteiger Stadtrat und Walddorfer Ortsvorsteher.

Hauptamtsleiter Thomas Bräuning fährt seit zwei Jahrzehnten nach Altensteig zur Arbeit – zuerst aus Tübingen, jetzt aus Stuttgart. Warum er sich das antue, fragte der Noch-Bürgermeister. „Ganz platt: Es sind die Menschen“, antwortete Bräuning, und zwar sowohl die Kollegen im Rathaus als auch die Bürger, für die man letztlich arbeite. Außerdem schätze er das Vertrauen, dass ihm in der Flößerstadt entgegen gebracht werde. Dass er mit Gerhard Feeß arbeiten durfte, erfülle ihn mit Dankbarkeit.

Diesem Dank schlossen sich in einem anschließend eingespielten Videoclip zahlreiche Angestellte der Stadt an.