Auf den Tag genau nach 30 Jahren schließt die Pharmazeutin ihre Apotheke in der Bahnhofstraße 21. Einen Nachfolger gibt es nicht. Wie es für sie weitergeht.
Die Geschichte ihrer Bahnhof-Apotheke beginnt am 1. Mai 1996. An diesem Tag öffnet Gabriele Seifert zum ersten Mal die Türen. Fast 30 Jahre später hat die 66-Jährige eine Entscheidung getroffen, die ihr nicht leichtfällt: Sie wird ihre Apotheke schließen.
Auf den Tag genau drei Jahrzehnte nach der Eröffnung gehen in der Bahnhofstraße 21 in Balingen die Lichter aus. Ihre Gefühlslage beschreibt die Apothekerin als gemischt: „Emotional und erleichtert.“ Sie habe bis zum Schluss gerne gearbeitet, sagt Seifert. „Ich hatte immer das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.“
So sehr sie den Beruf liebt – die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Für verschreibungspflichtige Medikamente gelten in Deutschland gesetzlich festgelegte Preise, die Apotheken kaum Spielraum für eigene Kalkulation lassen.
Auch die Vergütung der Apotheken ist staatlich geregelt und wird immer wieder angepasst. Mit steigender Bürokratie und zusätzlichen gesetzlichen Vorgaben habe das in den vergangenen Jahren zu einem zunehmenden wirtschaftlichen Druck geführt – auch für ihre Bahnhof-Apotheke.
An zwei Tagen die Woche in der Sonnen-Apotheke
Einen Nachfolger hat Seifert nicht gefunden. Auch deshalb ist noch offen, wie es mit den Räumlichkeiten weitergeht. Für sie selbst endet die Arbeit im Apothekenalltag jedoch nicht vollständig: An zwei Tagen in der Woche wird sie künftig in der Sonnen-Apotheke auf der gegenüberliegenden Straßenseite tätig sein, nur wenige Häuser von ihrer bisherigen Wirkungsstätte entfernt.
Mit ihr wechseln drei ihrer bisherigen Mitarbeiterinnen in das Team von Peter Prowald in die Bahnhofstraße 26. „Ich freue mich wahnsinnig darüber, sie im Team zu haben. Es hat direkt gepasst“, sagt ihr neuer Chef mit einem Lächeln.
Er betreibt neben der Filiale in Balingen auch noch drei weitere Apotheken in Bisingen, Hechingen und Albstadt. Die Zusammenarbeit habe sich eher zufällig ergeben, sagt Seifert.
„An einem Freitagabend stand er vor der Tür meiner Apotheke.“ Eigentlich habe er ihr nur Bescheid geben wollen, dass er mit seiner Apotheke in den Württemberger Hof ziehen wird. Dann kam eines zum anderen: „Besser hätte es nicht kommen können“, sagt die Balingerin über ihre künftige Anstellung. „Die Last liegt jetzt auf jüngeren Schultern.“
„System kann auf Dauer nicht funktionieren“
Bundesweit machten Apothekeninhaber zuletzt mit einem Protesttag im März auf ihre Situation aufmerksam. Dabei blieben zahlreiche Apotheken geschlossen, um unter anderem bessere Vergütungen und weniger Bürokratie zu fordern. Der sogenannte Fixbetrag ist seit Jahren weitgehend unverändert, während die Kosten für Personal, Energie und Betrieb deutlich gestiegen sind.
Prowald macht zudem deutlich, dass verschreibungspflichtige Medikamente den mit Abstand größten Teil der Einnahmen ausmachen – rund 80 Prozent des Umsatzes stammen aus diesem Bereich.
Dieser Anteil bilde die wirtschaftliche Grundlage des Apothekenbetriebs und damit auch des Versorgungsauftrags. Einnahmen aus frei verkäuflichen Produkten spielten dagegen nur eine untergeordnete Rolle und könnten die gestiegenen Kosten kaum abfedern.
„Das System kann auf Dauer nicht funktionieren“, sagt er mit Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Apotheker seien in hohem Maße von gesetzlichen Vorgaben abhängig und zugleich als Unternehmer vollständig verantwortlich für ihren Betrieb – sowohl wirtschaftlich als auch rechtlich.
Trotz dieser Herausforderungen betont Prowald, dass der Beruf für viele Apothekerinnen und Apotheker weiterhin erfüllend sei.
Im Mittelpunkt stünden nicht nur wirtschaftliche Fragen, sondern vor allem die Beratung der Kunden, der direkte Kontakt zu den Menschen und das Gefühl, im Alltag helfen zu können: „Man muss Menschen mögen.“ Und das tun sie beide, ergänzt Gabriele Seifert.
Stammkundschaft weiß Bescheid
Ihre Stammkundschaft sei bereits über die bevorstehende Schließung Ende April informiert. Der Aushang komme bald ins Schaufenster. Sie sei auf viel Verständnis gestoßen, sagt Seifert. „Und auf strahlende Gesichter“, als ihre Kundschaft erfahren habe, dass sie künftig an zwei Tagen die Woche hinter der Theke der Sonnen-Apotheke stehen wird. Auch ihre Therapieunterstützungen werde es dort geben.
Für die Balingerin beginnt nach der Schließung der Apotheke ein neuer Abschnitt mit mehr freier Zeit. Diese möchte sie unter anderem für ihre Stadtführungen nutzen. Auch ihr gesellschaftliches Engagement will sie weiter ausbauen – etwa bei der Balinger Ortsgruppe von „Omas gegen Rechts“, die sie mitgegründet hat. Ideen für weitere soziale Projekte habe sie noch viele, sagt Seifert und lächelt.
Vor allem aber freut sie sich auf mehr Zeit für persönliche Begegnungen. Viele ihrer langjährigen Kunden seien im Laufe der Jahre zu Freunden geworden. „Ich werde in nächster Zeit sehr viel Kaffee trinken gehen mit Kundinnen“, sagt Seifert. Etwas, wofür im Apothekenalltag der vergangenen Jahrzehnte oft die Zeit gefehlt habe.